Der Name sagt, was es ist. „Galeria Pequeña“, die „kleine Galerie“, heißt der winzige Raum an der Eckenheimer Landstraße in Frankfurt. Klein mag er sein, aber er ist gefüllt mit einer Welt. Oder eher mit vielen Welten. Derjenigen der Schmuckgestalterin Tanja Martinho-Alvez, die dort ihren Silberschmuck herstellt und verkauft. Und den vielen Welten von Sylvain Mérot. Dessen kuriose Objekte, Collagen und Zeichnungen überlappen sich hier und da mit dem fragilen Silberschmuck der befreundeten Kollegin.
Seit Jahren ist das so, die beiden haben einfach angefangen. „Wir wollten einen Ort, an dem wir arbeiten und unsere Sachen zeigen, ohne Druck, als Spielraum. Einen warmen Raum“, sagt Mérot. Letzteres bezieht sich allerdings nur auf die freundliche Atmosphäre, die die Galerie mit den beiden winzigen Arbeitsplätzen ausstrahlt: Beheizbar ist der Raum nur mit einem kleinen Heizlüfter. Weshalb Mérot im Winter meist zu Hause zeichnet.
„Ich bin ein großer Comic-Leser“
Vor allem seltsame Männchen mit krummen Hüten und langen Nasen sind eine Art Markenzeichen geworden, als Umriss oder ganz in Weiß gemalt oder als Papierschnitte, sie klettern über leere Bilderrahmen, machen es sich im Maul eines präparierten Hechts bequem, einer staubigen Jagdtrophäe, und seit einigen Jahren wuseln sie auch zu Liebhabern nach Hause in Form eine Künstlerkalenders, den Mérot ein paar hundert Mal druckt und nummeriert.
Ein „warmer Ort“: In der Frankfurter Galeria Pequeña verkaufen Tanja Martinho-Alvarez und Sylvain Mérot ihre Arbeiten.Frank Röth
Die Originale hängen an den Wänden des winzigen Galerie- und Arbeitsraums: Ölbemalte Teetabletts, kitschige Landschaften, Sperrmüllobjekte übermalt Mérot und gibt ihnen so neues Leben und eine neue Welt. „Alles, was die Leute nicht mehr wollen“, sagt er, könne ihm so dienen. Und weil er den geschulten Blick hat ist aus einem Holzkasten mit sechs Fächern, ehedem eine Schubfacheinlage, an der Wand ein dreidimensionaler Comic geworden: Jedes Fach ein Bild.
So kurz und noch kürzer sind die Geschichten gewesen, die Mérot, Jahrgang 1976, schon als Jugendlicher gezeichnet hat. „Nur für mich“, sagt er, „ich bin ein großer Comic-Leser, das ist eine Leidenschaft. Ich habe eine große Sammlung lese immerzu, Historisches, Absurdes, Krimis, aus ganz vielen Ländern.“ Dass es immer mehr deutsche Comic-Künstler gibt, findet er prima. Seine Vorbilder aber sind schon lange Riad Sattouf, bekannt unter anderem für „Der Araber von morgen“ und dessen Atelierkollege Christophe Blain („Donjon“).
„Ich hatte gar keine Vorstellung von Deutschland“
Ein phantastischer Strich, ein typischer Stil, biographische Geschichten und viel Humor – das mag Mérot auch in seiner eigenen Arbeit. Mit „Mademoiselle Tour Eiffel“ hat er 2019 zusammen mit Julien Prévost eine gewitzt-phantastische Comicgeschichte herausgebracht, derzeit arbeiten beide an einem Folgeprojekt: Das Leben eines Familienhunds aus Frankfurt, aus seiner Sicht erzählt. Das französisch-frankfurterische Duo dürfte einige biographische Spuren hinterlassen.
Ursprünglich kommt Mérot aus Nantes. Dort hat er erst Industriedesign, später Multimediagestaltung und Illustration an der renommierten privaten Hochschule Les Gobelins in Paris studiert. „Als Industriedesigner habe ich nie gearbeitet“, erläutert Mérot. Vielmehr hat er sich auf die Illustration wissenschaftlicher, vor allem psychologischer Fachbücher spezialisiert. Mit zwei französischen Verlagen arbeitet er seit Jahren, es seien oft sehr komplexe Themen, die er zu illustrieren habe, sagt er. „Aber da fange ich nicht bei null an. Und wenn ich damit fertig bin, kann ich die freie Arbeit vielleicht sogar noch etwas mehr genießen. Die Abwechslung ist sehr gut.“
Übermalungen von dem, was andere auf den Sperrmüll stellen: Mérot gestaltet Kunst und Kunsthandwerk neu – und gern mit weißen Männchen.Frank Röth
Durch Martinho-Alvez ist Mérot nach Frankfurt gekommen – um zu bleiben. Das wusste er damals allerdings noch nicht als er von Lissabon, wo er drei Jahre lang gelebt hat, an den Main gekommen ist. „Ich hatte gar keine Vorstellung von Deutschland und wollte das kennenlernen. Ich war positiv überrascht, es gefiel mir sehr gut.“ So gut, dass es keinen Grund gab, je wieder zurückzukehren. 20 Jahre ist das nun her. „Ich habe sehr schnell nette Leute kennengelernt, und meine Arbeit ist sehr gut aufgenommen worden.“
Das ist auch beim Kindercomic-Festival Yippie so, das jetzt zum achten Mal stattfindet. Erst war Mérot mit „Mademoiselle Tour Eiffel“ zu Gast, dann auch mit Workshops, wie er sie auch immer wieder am Theaterhaus Frankfurt für Kinder und Familien anbietet.
Ein Hund wird seine nächste Hauptfigur (unten): Der Comickünstler und Illustrator Sylvain Mérot in seiner GalerieFrank Röth
Auch diesmal ist er bei Yippie in guter Gesellschaft: Ein Steinwurf von der Galeria Pequeña arbeitet Moni Port in ihrem Studio Soundso. Sie ist wie ihr Mann Philip Waechter, wie Anke Kuhl und Axel Scheffler, Natascha Vlahovic und Zuni und Christoph Fellehner unter den hiesigen Künstlerinnen und Künstlern, viele davon aus der Ateliergemeinschaft Labor, die alle, lang mit Yippie verbunden, dort in verschiedenen Formaten zu Gast sind. Hinzu kommen Regina Kehn, Mikael Ross, Tanja Esch und viele mehr.
Und eben Mérot, der sich für Yippie etwas Neues ausgedacht hat: Am Festivalsamstag und -sonntag können Kinder und Künstler zusammen eine Comic-Zeitung der etwas anderen Art gestalten. Im „Yippie Express“ gibt es Horoskope für Sternzeichen wie Murmeltier, man darf eine Einkaufsliste der kuriosen Dinge gestalten oder die Rubrik „Das war Mist“ bestücken. Und am Ende wird die Zeitung wirklich gedruckt.