Unterwegs mit Ingrid Kühne durch den rheinischen Karneval. Heute am Mittwoch sind es alles Mädchensitzungen, bei denen sie ihre Rede halten wird. Es geht in ein Festzelt und die großen Kölner Traditionssäle Maritim und Gürzenich. Drei Abschiedsvorstellungen, denn in der nächsten Session wird die gebürtige Aldekerkerin, die heute in Xanten lebt, nicht mehr im Karneval auf der Bühne stehen. Sie will sich auf ihre Soloprogramme konzentrieren.

Zunächst steuert Fahrer Hannes den Wagen Richtung Bergisches Land. Ralf Kühne, der stolz den Titel „Hinfahrer“ führt, weil nach dem letzten Auftritt meistens Ingrid Kühne selbst hinterm Steuer sitzt, und er sich dann ein Kölsch gönnen darf, sitzt hinten neben dem Autor dieser Zeilen, Ingrid Kühne döst auf dem Beifahrersitz. Der Vormittag ist noch nicht ihre Zeit. Und der Termin Lindlar liegt ihr noch schwer im Magen. Im Festzelt mit fast 2000 feierwürdigen Frauen hat es ein Wortbeitrag oft schwer. Das hat sie dort erst vor einer Woche erlebt. Nach Bernd Stelter und Bands war sie erst an der Reihe, da schaffte es die Sitzungspräsidentin nicht mehr, für Ruhe im Zelt zu sorgen. Zudem dauerte es lange, dort anzukommen, Staus und eine Vollsperrung brachten den Zeitplan heftig durcheinander.

Doch heute sieht es anders aus: Die Straßen sind frei und Ingrid Kühne hat den ersten Auftritt nach dem rein weiblichen Dreigestirn von Lindlar, Prinz Sandra I., Jungfrau Gabi und Bauer Manu. Deutlich zu früh ist der Wagen am Zelt, dort stehen die bunt verkleideten Damen, schwer beladen, noch in langer Schlange. Bei der Großen Karnevalsgesellschaft Rot-Weiß Lindlar müssen die Närrinnen nämlich nichts heimlich zur Veranstaltung schmuggeln, es ist eine Selbstversorgersitzung. Und so werden Sekt, Wein, Liköre und Schnäpse sowie unendlich viele Knabbereien mitgebracht. „Ich habe sogar einmal einen Tisch gesehen, auf dem Frauen ein Raclette aufgebaut hatten. Sogar einen Generator für den Strom hatten sie dabei“, berichtet Ingrid Kühne. „Bei der Herrensitzung ist das anders, Männer haben keinen Bock, alles mitzubringen“, weiß Ehemann Ralf.

Sofort möchten die freundlichen Mitarbeiter von Ordnungsamt und Polizei ein Erinnerungsfoto mit Ingrid Kühne, dann geht es in den charmanten Künstlerbereich im Zelt. Neben Getränken verkürzen hier auch Speisen aus der kleinen Küche und Kuchen die Wartezeit bis zum Auftritt. Und der wird ganz anders als befürchtet. Sitzungspräsident Philip Caucal schafft es, für Stille im Zelt zu sorgen. Die Rede zündet und es gibt ein großartiges Finale. 1782 rote und weiße Luftballons hat die Gesellschaft an den Plätzen hinterlegt mit der Anweisung, die erst zu zeigen, wenn Ingrid Kühne verabschiedet wird. Und so stehen die Damen alle auf, schwenken die Ballons und feiern Ingrid Kühne, die auch dank der Dankesworte der Gesellschaft mit Tränen der Rührung in den Augen den Saal verlässt.

Tränen gehören in dieser Session dazu. Seitdem Ingrid Kühne verkündet hat, nach dieser Session nicht mehr im Karneval aufzutreten, sondern sich verstärkt den Soloprogrammen zu widmen, sind feierliche Abschiede Teil ihrer Auftritte. Der Höhepunkt war dabei die Ehrung durch das Festkomitee Kölner Karneval bei der Aufzeichnung der ZDF-Mädchensitzung. Präsident Christoph Kuckelkorn, der wie Ingrid Kühne nach der Session aus dem Amt scheidet, brachte das Goldene Buch des Kölner Karnevals mit. Nur wenige Künstler haben die Ehre, sich in das Buch mit einem Einband aus elf Kilo galvanisch vergoldetem 925er Sterlingsilber und etwa 700 Edelsteinen verewigen zu dürfen. Nur mit Samthandschuhen darf man das Buch, in dem Päpste und Regierungschefs unterschrieben haben, anfassen.

Dass sie einmal zu den Top-Stars im professionellen Karneval gehören würde, hätte Kühne sich nie träumen lassen, obwohl es sie schon als Kind auf die Bühne zog. Ihre Mutter war schon Büttenrednerin im Aldekerker Karneval, spielte auch Theater. Da hatte auch die Tochter früh das Mikrofon in der Hand. Nach ersten eigenen Auftritten im Dorfkarneval in Aldekerk und Ende der 80er Jahre bei Ko und Ka in Issum habe ihre Büttenlaufbahn 1998 in Lüttingen so richtig begonnen, erinnert sie sich im Gespräch mit unserer Redaktion. Auftritte in Xanten folgten erste Anfragen aus dem Ruhrgebiet. Im Großraum um Köln wurde es immer professioneller. Im Jahr 2011 brachte dann ein Vorstellabend in Düren den Durchbruch. Ihr Sieg als „Rampensau“ beim WDR-Fernsehen 2014 und dann der erste Auftritt bei der ZDF-Mädchensitzung im Jahr 2016 ließen sie endgültig in die erste Liga in und um Köln aufsteigen.

Parallel wurde sie auch mit ihren abendfüllenden Soloprogrammen immer erfolgreicher. Der entscheidende Unterschied zum Karneval: Wer sich dafür eine Karte kauft, will Ingrid Kühne zuhören und lachen, was im Karnevalssaal nicht immer auf alle Gäste zutrifft.

So entwickelte bei Kühne schon vor Längerem der Gedanke, sich aus der Narretei zu verabschieden. Nach der vergangenen Session sei ihr klar geworden, dass nun der Zeitpunkt gekommen ist. In der stressigen Kampagne sei sie gesundheitlich an ihre Grenzen gestoßen. Eine dicke Grippe habe sie nicht richtig auskuriert, irgendwann sei es dann nicht mehr gegangen. Dazu kamen Problem mit dem Fuß, Folgen eines früheren Unfalls. Erstmals habe sie mehrere Auftritte absagen müssen. Zudem habe sich der Karneval verändert. Es gehe oft nur noch um Musik und Party. „Das ist in Ordnung, ich feiere auch gerne. Nur als Rednerin bin ich dann oft fehl am Platze.“ Wenn laute Kellner stören, wenn an den Tischen Runden gefeiert oder einfach nur untereinander erzählt werden, wenn sie sich auf den Weg zur Bühne regelrecht durchkämpfen muss und manchmal selbst der Sitzungspräsident nicht zuhört, dann passt es für sie nicht mehr. „Das ist nicht mehr mein Karneval.“

Von Lindlar geht es in die Kölner Innenstadt. Das Zeitfenster ist sehr kurz, das Navi sieht eine Punktlandung voraus. Doch der Verkehr wird dichter, Ingrid Kühne telefoniert schon mal mit dem Literaten der Großen Karnevalsgesellschaft Greesberger, es könnte eng werden. „Das ist einer der Gründe, mit dem Karneval aufzuhören. Die Zeitfenster sind oft viel zu knapp, es wird immer hektisch und stressig“, erzählt Ralf Kühne. Vor dem Hotel stürmt sie schon mal aus dem Wagen, bevor ein Parkplatz gefunden wird, es geht über die Rolltreppe hoch zum großen Saal. Freudig begrüßen sie die Ordner. Ein paar Minuten bleiben noch, Zeit für viele Selfies mit den Fans, die immer wieder strahlend Ingrid Kühne um ein Foto oder einen Pin bitten. Dann der Einmarsch in einen Saal, wie ein Redner sich ihn erträumt. Es ist still, alle folgen aufmerksam der Rede. „Und das Foyer war plötzlich leer, alle wollten Ingrid sehen“, freut sich Ralf Kühne.

Auch dieser Auftritt endet mit einer Ehrung. Ein liebevoll zusammengestelltes Notfallset für Tage ohne Narretei wird ihr geschenkt. „Wir haben auch ein Goldenes Buch“, sagt Präsident Michael Bier, und natürlich wird auch hier Ingrid Kühne ihre Zeilen für die Ewigkeit hinterlassen. Schnell noch ein Selfie mit einer Frauentruppe aus Geldern, dann ab zum Auto.

Weiter geht es in den Gürzenich, das Epizentrum des rheinischen Karnevals. Luftlinie 270 Meter, aber mit dem Auto durch die Einbahnstraßen und Baustellen der Kölner Innenstadt auch gut zehn Minuten. Ingrid Kühne stürmt die große Treppe hoch, die Klüngelköpp sind bereits bei ihrer Zugabe. Auf in den Saal und bei der Großen Kölner weiß sie genau, dass sie ein tolles Publikum haben wird. Auch hier gibt es am Ende natürlich Standing Ovations. Präsident Joachim Wüst hat noch eine besondere Überraschung parat. Er lädt Ingrid Kühne ein, beim Rosenmontagszug mit auf dem Gesellschaftswagen zu fahren. Den passenden Frack werde man schon finden. Eine Ehre, die Ingrid Kühne nicht ablehnen kann, obwohl sie bereits am Tag vorher in ihrer Heimatstadt Xanten beim Blutwurstsonntagszug auf dem Wagen sein wird und die Zeit, an der sie nun am Montag in Köln sein muss, nämlich um 8 Uhr morgens, nicht gerade ihrem Lebensrhythmus entspricht. Aber natürlich ist sie dabei und freut sich wahnsinnig auf dieses einmalige Erlebnis.

Der Arbeitstag geht zu Ende, aber für den kurzen Weg von der Tür bis zum Künstlerbereich braucht Ingrid Kühne über eine halbe Stunde. Unzählige Selfies, unter anderem mit einer großen Damentruppe aus ihrem Dorf Lüttingen, viele Gespräche, ein kurzer Gruß an Martin Schopps, der an ihr vorbei zur Bühne läuft, dann ist es geschafft.

Bereut habe sie den Abschied vom Karneval noch nicht, erklärt sie auf Nachfrage. Aber sie wiederholt, was sie schon bei den letzten beiden Auftritten gesagt hatte: „Hätte ich nur solche Säle und so ein Publikum, wäre mir nie die Idee gekommen, der Karnevalsbühne den Rücken zu kehren.“