Marburg-Biedenkopf. Kein Strom, keine Heizung, kein Wasser samt Toilettenspülung, Stillstand in Unternehmen und Not in Pflegeheimen: Was von Sicherheitsexperten und Katastrophenschützern als Infrastruktur-Schreckensszenario durchgespielt wird, ist zuletzt in Teilen Berlins Realität geworden. Ein Anschlag, mutmaßlich der linksextremistischen „Vulkangruppe“, schaltete sprichwörtlich den Südwesten der Hauptstadt tagelang ab. Für die Stadt Marburg und die Stadtwerke ist der „Berlin Blackout“ ebenso Warnsignal wie Vergewisserung gewesen.
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„Auch Marburg ist angreifbar, keine Stadt, kein Versorger ist gegen kriminelle Absichten so gesichert, dass man Angriffe ausschließen kann“, sagt Dr. Bernhard Müller, Stadtwerke-Geschäftsführer. Trafos, Schaltkästen, Freileitungen, Kraftwerke – vieles sei für jeden sichtbar und damit theoretisches Ziel für Terroristen.
Marburgs Fokus auf Licht und Trinkwasserversorgung
Aber: „Das jetzt ist nicht der erste Wachmacher, unsere Notfallpläne und Abläufe sind 2022 angepasst worden“, sagt er mit dem Verweis auf den Angriff Russlands auf die Ukraine. Im Nachgang habe man zügig verschiedene Sicherheitsvorkehrungen getroffen und durch die Beschaffung von Technik wie etwa weiterer Notstromaggregate das „Krisen-Backup-System“ gestärkt. Auch die Sicherung der Soft- und Hardware gegen Hackerangriffe sei weiter ausgebaut worden.
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Ohnehin gebe es alle drei Jahre für Anlagen und Abläufe rund um Strom, Gas, Wasser über Fernwärme bis Abwasser eine externe Prüfung, gehe ein technisches Sicherheitsmanagement detailliert alle Prozesse durch.
Die Lehre 2022 wie aktuell sei für die Stadtwerke der Stellenwert einer definitiv gesicherten Trinkwasserversorgung, weshalb die Hochbehälter und deren Füllung im Fokus stünden, ebenso wie ein zumindest auf Sparflamme funktionierender Pumpenbetrieb für die Gewährleistung einer ausreichenden Versorgung.
Eine wichtige Erkenntnis aus den jüngsten Ereignissen ist für die Stadtwerke der Faktor Beleuchtung samt umgehendem Polizeischutz für das Koordinierungszentrum und konkrete Einsatzorte der Stadtwerke-Mitarbeiter. Entsprechend würde bei einem Blackout „Am Krekel“ die wahrscheinlich einzig gesichert beleuchtete Stelle Marburgs sein und – weil die Tanks auf dem Areal mutmaßlich viele Menschen anziehen – von Sicherheitskräften bewacht werden.
Was wo wann wie genau in den Notfallplänen steht, verrät Müller im Hinblick auf dadurch anpassbare Anschlagspläne nicht. „Knacken würde es auf jeden Fall, das ist unvermeidbar. Aber wir haben Pläne, sind vorbereitet, sodass wir bei einer längeren Notlage bis zur Wiederherstellung der Energieversorgung durchkämen.“ Und zwar, so versichert Müller, in weit weniger als fünf, sechs Tagen.
Definition von „Blackout“
Der Stromausfall in Berlin sei eigentlich gar kein Blackout gewesen. Das erklärt Judith Henke, Pressesprecherin der Bundesnetzagentur. Dies sei nämlich ein unkontrollierter und unvorhergesehener Ausfall von Netzelementen, bei dem größere Teile des Europäischen Verbundnetzes oder das gesamte Netz ausfallen – also weitaus umfangreicher als in Berlin. Verbindlich sei die interne Definition allerdings tatsächlich nicht.
Ein entscheidender Grund: Schon seit Längerem bauen Marburgs Stadtwerke sogenannte Redundanzen in das Versorgungssystem ein. Strom, Gas, Wasser – mittlerweile gebe es mehr als eine Einspeiseanlage, Verbindungsleitungen zwischen Kraftwerken, gesicherte Gas-Reserven und werde bis 2028 ein – schon alleine für die kommenden Windräder nötiges – zweites Umspannwerk am Netz sein. „Der Ausfall einer unserer Anlagen führt so nicht mehr zu flächendeckenden Konsequenzen“, sagt Müller.
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„Durch die Investition in sprichwörtliche Sicherheitsnetze, in mehrere Stränge zur Gebietsversorgung, ist Marburg so gewappnet, wie man es nur sein kann“, sagt Nadine Bernshausen, Stadtwerke-Aufsichtsratsvorsitzende, in der jüngsten Sitzung des Umweltausschusses des Stadtparlaments.
So geht Marburg-Biedenkopfs Katastrophenschutz vor
Der Pharmastandort Behringwerke hat eigene Notfallpläne, zu denen auch das Anzapfen eines relativ neu gebauten Wasserspeichers zählt. Ziel: Die Sicherstellung der Produktion für mindestens drei Tage.
„Um es ganz klar zu sagen: Die Feuerwehr oder der Katastrophenschutz werden nicht in der Lage sein, jeden Privathaushalt mit Strom zu versorgen. Sie sichern die kritische Infrastruktur und greifen dort ein, wo Leib und Leben in Gefahr sind“, sagt Stefan Schienbein, Sprecher des Landkreises Marburg-Biedenkopf.
Was die EAM sagt
Die EAM bestellt als größter Stromnetzbetreiber in Marburg-Biedenkopf überwiegend das Mittel- und Niederspannungsnetz im Landkreis. „Störungen auf dieser Spannungsebene lassen sich in der Regel innerhalb von maximal wenigen Stunden wieder beheben,“, sagt Sandra Hübner, EAM-Sprecherin. Ein Blackout-Risiko sei entsprechend bei Ausfällen im Hochspannungsnetz zu verorten, für das die sogenannten Übertragungsnetzbetreiber verantwortlich sind.
Ein flächendeckender Stromausfall à la Berlin sei aber eine Krisensituation, auf die sich der Katastrophenschutz vorbereite. Die Auswirkungen eines solchen Ereignisses gehen dabei über den Ausfall von Licht, Heizung und Elektronik hinaus, so Schienbein. Etwa könne die Bargeld- und Treibstoffversorgung ausfallen. „Informations- und Unterhaltungselektronik werden mutmaßlich ausfallen. Auch das Telefonieren mit Handys, wird nach kurzer Zeit ausfallen.“ Je weniger Eigenvorsorge dann durch die Bevölkerung, von jedem Einzelnen zu Hause getroffen werde, desto schwerer seien dann die Auswirkungen.
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Fallen Kommunikationswege länger aus, würden Feuerwehrhäuser als Notrufmeldestellen besetzt, sagt Schienbein. Die einzelnen Kommunen seien dann auch für sogenannte Wärme- und Informations-Inseln für die Bevölkerung verantwortlich – bei einem Blackout weite der Katastrophenschutz das mit Betreuungs- und so dann auch Informationsplätzen aus.
Wie Kliniken, Polizei und THW reagieren
Leib und Leben in Gefahr? Das ist in Krankenhäusern der Fall. Das Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) sieht sich jedenfalls auf eine Aufrechterhaltung der Patientenvorsorge während eines Stromausfalles „jederzeit adäquat vorbereitet“, sagt Christine Bode, UKGM-Sprecherin. Auch laut Sebastian Spies, Geschäftsführer des DGD Diakonie-Krankenhauses Wehrda, werde ein Klinik-Notstromaggregat kritische Versorgungsbereiche automatisch mit Strom versorgen.
Neun Stromerzeuger, die im Notfall im ganzen Landkreis eingesetzt werden können, hat das Technische Hilfswerk Marburg (THW). Auch betreut man vier Großstromerzeuger, die auf Anweisung eingesetzt werden, erklärt Jörg Linne, THW-Ortsbeauftragter.
Zum „Erhalt des subjektiven Sicherheitsgefühls und dem Schutz vor Wohnungseinbrüchen und Sachbeschädigungen“ würde die Polizei mit einer „verstärkten Präsenz im Gebiet reagieren“, heißt es vom Polizeipräsidium Mittelhessen auf OP-Anfrage.
OP