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Das letzte nukleare Rüstungsabkommen läuft aus. Makulatur? Eine Expertin sieht das ganz anders – sie warnt im Gespräch eindringlich.

Am Donnerstag (5. Februar) läuft das „New START“-Abkommen aus – der letzte große Atomwaffen-Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland. Nur eine Randnotiz angesichts der beiden Arsenale von Schätzungen zufolge insgesamt rund 9000 einsatzfähigen Nuklearsprengköpfen? Die Sicherheitsexpertin Jana Puglierin bezweifelt das: Das Abkommen sei weiter relevant gewesen, „in jedem Fall psychologisch“, sagte sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Die Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relation sieht die Welt auf dem Weg in „ein neues Nuklearzeitalter“. Puglierin warnt indes Europas Staaten vor dem Griff nach Atomwaffen.

Wladimir Putin (li.) und Donald Trump am Telefon – in der Mitte eine Trident-II-D5-Rakete der USA bei einem Testflug 2011. Wladimir Putin (li.) und Donald Trump am Telefon – in der Mitte eine Trident-II-D5-Rakete der USA bei einem Testflug 2011. © Montage: Imago/StockTrek Images/Mikhail Metzel/picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP

Der erste „START“-Abkommen trat 1991 in Kraft. „New START“ unterzeichneten Barack Obama und Dmitri Medwedew, damals Russlands Präsident, im April 2010. Mittlerweile ist Medwedew Wladimir Putins Mann fürs rhetorisch Grobe – mit Blick auf das Abrüstungsabkommen wählte er aber gemäßigte Worte für eine eindringliche Warnung. Das Ende für New START sollte „alle alarmieren“, sagte er der Nachrichtenagentur Tass. Puglierin meint: „Die Gefahr der nuklearen Bewaffnung ist sehr groß.“

„New START“ endet – Expertin sieht neues „Nuklearzeitalter“: „Extrem besorgniserregend“

Russland hatte das Abkommen bereits ausgesetzt, aber auch erklärt, dass es sich weiter an Obergrenzen gebunden fühlt. „Man kann natürlich darüber streiten, inwiefern das praktisch überhaupt einen Unterschied macht“, sagte die Expertin: Aber mit dem Auslaufen des Vertrags sei die nukleare Rüstungskontrolle „im Prinzip tot“. Das sei eine „erschütternde Tatsache“, angesichts des hoffnungsvollen Starts in den 90er-Jahren.

Passé scheint Puglierin zufolge die These, dass Nuklearwaffen angesichts anderer technologischer Entwicklungen an Bedeutung verlören. Viele Staaten setzten auf Atomwaffen – neben den USA und Russland etwa auch China. Die Welt gehe auf ein neues Nuklearzeitalter zu, in dem die Waffen „extrem wichtig werden“: „Das macht die Welt in meinen Augen nicht zu einem sichereren Ort. Auch wenn all das nicht über Nacht passieren wird, finde ich das extrem besorgniserregend.“

Comeback der Atomwaffen-Tests: die nukleare Bedrohung kehrt zurückDie Druckwelle der ersten Atombombe in der Menschheitsgeschichte war über 160 Kilometer zu spüren.Fotostrecke ansehen

Tatsächlich sind Atomwaffen auch für die Staaten der EU wieder ein Thema. Grund ist die offene Frage, ob die USA Europa im Ernstfall tatsächlich schützen würden – und ob die Abschreckung mit dem US-Nuklearschirm weiter glaubwürdig ist. Donald Trumps Vereinigte Staaten hätten im zurückliegenden Jahr zwar nicht in offiziellen Dokumenten, aber in Worten und Taten Zweifel geschürt, erklärte Puglierin. „Gerade die Idee, den Europäern die konventionelle Verteidigung fast vollständig zu überlassen und den nuklearen Schutz fortzuführen, macht es schwierig, sich vorzustellen, dass sie die europäische Sicherheit im Ernstfall schützen.“

In West- und Mitteleuropa gibt es mit Großbritannien und Frankreich zwei Atommächte. Beide kämen nicht ohne Weiteres als Ersatz für den Schutz der Vereinigten Staaten infrage, schreibt die Expertin in ihrem aktuellen Buch „Wer verteidigt Europa?“. London etwa verfüge anders als USA oder Russland nur über „strategische“ Atomwaffen, die „maximale Eskalation“ bedeuteten. Ähnliches gelte für Frankreich – zudem habe Paris seine Nuklearwaffen nie offiziell in den Kontext der NATO gestellt. Dennoch sagte Puglierin unserer Redaktion: „Man sollte erstmal schauen, wie man diese vorhanden Fähigkeiten ‚europäisieren‘ kann.“

Das „New START“-Abkommen

Mit „New START“ verpflichteten sich die USA und Russland zur Begrenzung der Zahl nutzbar stationierter „strategischer“ Atomwaffen – diese mächtigsten Sprengköpfe besitzen Zerstörungskraft oftmals weit über die der Hiroshima-Bombe hinaus. Im Jahr 2023 setzte Russland den Vertrag aus, schon seit 2020 hatte es keine Inspektionen mehr zugelassen.

Daten des Friedensforschungsinstituts Sipri zufolge verfügten die USA Anfang 2025 über 3700 nutzbare Atomsprengköpfe, Russland über 4309. In den Zahlen enthalten sind auch „taktische“ Sprengköpfe, die mit geringer Detonationskraft theoretisch auch auf dem Schlachtfeld einsatzbar sein sollen. Ein kleineres, aber wachsendes Arsenal besaß laut Sipri China – mit 600 Sprengköpfen.

Stimmen aus Russland drohten im Verlauf des Ukraine-Kriegs mehrfach mit Atomschlägen. Das könne bei Erfolg der Drohungen zum politischen Werkzeug werden, schreibt die Autorin im Buch. Europa müsse „das Risiko ernstnehmen, ohne sich einschüchtern oder erpressen zu lassen“ – und beizeiten Drähte zum Kreml aufbauen, um Missverständnisse zu verhindern. Weitere europäische Nuklearstaaten seien ihres Erachtens „der falsche Weg“, sagte Puglerin. (Quellen: Jana Puglierin, Tass, Arms Control Association, Sipri, eigene Recherchen)