Eine Lesung, unterstützt von zwei Jungs der Münchener Freiheit? Wie schön, da werden die doch sicher nicht an „Ohne dich“ vorbeikommen, diesem immergrünen Klassiker der frisch oder immer noch Verliebten. Tja, wie man sich täuschen kann. Schöne Musik gibt es am Dienstagabend im sogenannten Artist Living Room von Steinway & Sons am Maximiliansplatz schon zu hören, aber eben nichts von der Münchener Freiheit. ‚Ohne dich‘ schwebt aber dennoch über dieser etwas anderen Buchvorstellung, denn: Der Autor fehlt. Seit 15. August vergangenen Jahres.

An diesem Tag verlor der Autor, Film- und Podcast-Produzent Andreas Purucker den Kampf gegen den Krebs. Die befreundete PR-Expertin Andrea Strigl, mit der er schon den Ort für die Lesung und die Band-Kumpels von der Münchener Freiheit organisiert sowie die Save-the-Dates verschickt hatte, wollte den Tod des sonst so kerngesunden und supersportlichen Freundes nicht wahrhaben – und verspürte den Impuls, das Buch des Verstorbenen nun dennoch der Öffentlichkeit zu präsentieren, in genau dem Rahmen, den er sich gewünscht hatte. Das Ergebnis: keine erdenschwer-trübselige Trauerveranstaltung, sondern eine beschwingte, durchaus auch weinselige Versammlung von Freunden und Bekannten Puruckers. Käfer-Witwe Uschi Ackermann fasst den Abend so zusammen: „Das hätte ihm gefallen.“

Ganz ohne Tränen geht es dann aber doch nicht. Als Andrea Strigl die einleitenden Worte spricht und die Genese des Abends erklärt, bricht ihr hin und wieder die Stimme. „Normalerweise schreibe ich Reden, ich halte sie nicht“, sagt sie, die sich „eher als Backstage-Typ“ sieht. Vor einem Jahr habe Purucker ihr gesagt, er sei krank und sie solle alle PR-Aktivitäten erstmal auf Eis legen: „Im Sommer sagte er noch: ‚Hab Geduld! Im Herbst machen wir das mit der Lesung.‘ Zwei Wochen später rief mich sein bester Freund an und sagte: ‚Andy ist tot.‘“ Als sie sich wieder gefangen hat, macht sie sich an die Arbeit, angetrieben von der Idee mit der Buchvorstellung: „Wir erfüllen ihm diesen Wunsch!“ Und nun steht sie hier, umgeben von Freunden und Wegbegleitern Puruckers, und ruft: „Diese Party ist für dich, mein Freund.“

Alex Grünwald, Tim Wilhelm und Gloria Grünwald bei der Lektüre des Buches.Alex Grünwald, Tim Wilhelm und Gloria Grünwald bei der Lektüre des Buches. (Foto: Robert Haas)

Schauspieler Markus Böker („Rosenheim Cops“) ist gekommen, im knielangen schwarzen Ledermantel, auch Kollege Branko Buchberger schaut vorbei, und dann sind da natürlich Puruckers ehemalige Mit-Musiker: Sänger Tim Wilhelm und Keyboarder Alexander Grünwald von der Münchener Freiheit. Letzterer kannte Purucker seit vielen Jahren, wie er erzählt: „Ich hab’ noch so eine Spaß-Band namens Billy Beat, mit der wir 60er- bis 80er-Jahre-Cover spielen, und da hat Andy Schlagzeug gespielt. Als bei der Münchener Freiheit der Drummer krank war, ist er eingesprungen. Auch als er dann krank war, war er so positiv, sagte: ‚Ich mach’ meine Chemo, und dann komm’ ich wieder.‘“ Es kam anders.

Aber was ist das überhaupt für ein Roman, den Andreas Purucker da geschrieben hat? Nun, er heißt „Die Max-Methode: eine Dating-Story“. Der Plot: Protagonist Max fällt in ein Loch, als seine langjährige Freundin ihre Homosexualität entdeckt und neue Wege geht. Von Arbeitskollegen erfährt er einiges über Online-Dating und wagt sich schließlich aufs Parkett des virtuellen Flirts. Nach ersten Misserfolgen geht er die Sache systematisch an und entscheidet sich, für eine Weile ein Leben als Dating-Profi zu führen: 30 Tage Power-Dating, vier Dates pro Tag, kein Sex, keine Suche nach der Frau fürs Leben. Manche Episoden sind dabei tatsächlich so passiert, andere dagegen sind erfunden. Fun Fact: Im richtigen Leben traf der „echte Max“ seine neue Lebensgefährtin nicht online, sondern im richtigen Leben.

Bei Steinways, wo wer ein Weinglas auf einem Flügel abstellt, einen verbindlichen Kaufvertrag eingeht, wie Hausherr Joe Plakinger ganz ironiefrei sagt, lesen Tim Wilhelm und Alexander Grünwalds Tochter Gloria, Sängerin und Radio-Moderatorin bei egoFM, mit verteilten Rollen aus dem Anbandel-Ratgeber. Papa Grünwald, auch schon über 70, sorgt derweil für die Musik: Gefühliges von den Beatles („In my life“), Nachdenkliches von den Eagles („Desperado“), Fröhliches von den Small Faces („Itchykoo Park“) und das perfekt zum Abend passende „With a little help from my friends“. So klingt das, wenn aus Trauer Gemeinschaft wird.