Berlin – Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat den deutschen Atomausstieg als „schweren strategischen Fehler“ bezeichnet. Für Fatih Birol (67), Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), ein erfreuliches Eingeständnis – aber nur der Anfang. Deutschland müsse daraus jetzt die richtigen Schlüsse ziehen, sagt der Ökonom im Interview mit dem Global Reporters Network (gehört wie BILD zu Axel Springer).
Sein Rat: Deutschland müsse so viele stillgelegte Atommeiler wie möglich wieder hochfahren. Und es müsse den Bau von neuartigen Miniatomkraftwerken möglich machen.
Marc-Felix Serrao ist Global Reporter von Axel Springer. Seine Texte erscheinen neben BILD auch in WELT, POLITICO, BUSINESS INSIDER und ONET.
Die IEA (1974 nach der Welt-Ölkrise gegründet, Sitz in Paris) ist so etwas wie die Energie-Denkfabrik der Industriestaaten. Sie sammelt Daten, erstellt Prognosen und berät Regierungen, wenn es um Versorgungssicherheit, Strompreise und Klimaziele geht. Wenn ihr Chef warnt oder rät, hören Regierungen und Investoren zu.
Deutschlands „Energiewende“ sei international kein Vorbild, sondern ein Sonderfall, sagt Birol. „Weltweit erlebt die Kernenergie aktuell ein starkes Comeback.“ Treiber seien die Energiesicherheit – also möglichst viel Strom im eigenen Land – und der rasant steigende Bedarf durch Künstliche Intelligenz und Elektrofahrzeuge.
2025 sei weltweit ein Rekordjahr für Atomstrom gewesen: 2860 Terawattstunden – „der höchste Wert überhaupt“. Zugleich seien rund 70 Gigawatt Kernkraftleistung weltweit im Bau – „der höchste Stand seit drei Jahrzehnten“.
Anti-Kernkraft-Einwände wie hohe Baukosten, lange Bauzeiten und die offene Endlagerfrage wischt Birol nicht weg, relativiert aber: „Diese Herausforderungen gibt es überall.“ Anfangsinvestitionen seien hoch, dafür seien „die Betriebskosten sehr niedrig, und die Brennstoffkosten sind minimal“. Birols Hauptargument pro Kernenergie ist die Versorgungssicherheit. „Man drückt auf den Knopf, und der Strom ist da. Rund um die Uhr.“
Nach dem Abschalten der letzten drei deutschen Kernkraftwerke im Frühjahr 2024 gilt der Ausstieg eigentlich als unumkehrbar. Birol räumt ein, dass eine Wiederinbetriebnahme kürzlich abgeschalteter Anlagen „sehr herausfordernd“ wäre. Trotzdem plädiert er für einen nüchternen zweiten Blick. „Wenn nur ein einziges Atomkraftwerk wieder ans Netz gehen könnte, wäre das ein wichtiger Gewinn für Deutschland.“
Miniatomkraftwerke sind die Zukunft
Als Zukunftstechnologie, auch für Deutschland, nennt Birol kleine modulare Reaktoren (SMR): „Wir erwarten den Markteintritt Anfang der 2030er-Jahre.“ SMR seien perspektivisch günstiger, schneller zu bauen und einfacher zu betreiben.
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„Deutschland sollte so viele Miniatomkraftwerke wie möglich bauen“, rät Birol. Das Land werde künftig deutlich mehr Strom benötigen als heute schon. Erneuerbare Energien seien dabei sehr wichtig, „aber das Solarpotenzial ist begrenzt, und Wind allein wird nicht ausreichen“.
Kanzler Merz setzt große Hoffnungen auf Kernfusion (bei der die Atomkerne nicht gespalten werden, sondern verschmelzen). Stromerzeugung der Zukunft oder ein wilder Traum? Birol bremst: „Ich würde es keinen wilden Traum nennen, sondern einen schönen. Aber es ist nicht die Realität von heute oder morgen.“
Birol endet mit einer optimistischen Note: „Ich habe immer noch Vertrauen in die deutsche Vernunft.“