Bielefeld. Die Bundeswehr hat die ersten der mehr als 2.700 Briefe an 18-jährige Bielefelder zur Wehrerfassung verschickt. Passend dazu lud die Bielefelder SPD-Bundestagsabgeordnete Wiebke Esdar zu Beginn der Woche zu einer Podiumsdiskussion in den Grünen Würfel am Kesselbrink. „Der neue Wehrdienst und die Diskussion um eine Wehrpflicht“ – unter diesem Titel diskutieren neben Esdar der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Falko Droßmann, der Oberstabsfeldwebel a. D. Michael Spitzer, Sven Hellbusch für die Jusos und Kyle McLachlan aus dem Kinder- und Jugendrat der Stadt.
„Wir wollen das heute zu Recht kontrovers diskutieren“, sagt Esdar zur Begrüßung, „weil es sehr komplex ist und weil es weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen hat.“ Die Bundeswehr sei im Angesicht von Russlands Überfall auf die Ukraine personell ausgeblutet und kaputtgespart.
„Das Stichwort heißt Resilienz“, sagt Falko Droßmann, selbst Oberstleutnant der Luftwaffe, mehrmals an diesem Abend. Der Wahl-Hamburger warnt auch vor Angriffen auf die deutsche Infrastruktur: „Ich werde keinen Panzer auf St. Pauli sehen. Aber man muss nur zwei Kabel durchschneiden, und Zehntausende sind tagelang ohne Strom!“
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Viel Erklärung, wenig Diskussion
Nun wappnet sich Deutschland mit einer verteidigungspolitischen Großoffensive gegen die neuen Bedrohungen: Wer männlich ist, als erste Staatsangehörigkeit deutsch hat und 2026 das 18. Lebensjahr vollendet, erhält Post von der Bundeswehr, muss einen Fragebogen ausfüllen und sich mustern lassen. Auf NW-Anfrage zählt das Einwohnermelderegister der Stadt Bielefeld derer 1.416. Die 1.336 gleichaltrigen Frauen mit deutscher Staatsangehörigkeit dürfen den Fragebogen beantworten, müssen aber nicht.
Wehrdienst oder Wehrpflicht, Musterung, Gerechtigkeit und Resilienz: An großen Begriffen mangelt es dem Abend nicht. Droßmann, Esdar und auch Spitzer scheint vor allem wichtig: Missverständnisse über das 2025 verabschiedete Gesetz entkräften, Zusammenhänge erklären. Differenzieren, ins Verhältnis setzen. Das deutete der Titel der Podiumsdiskussion bereits an – und das gelingt ihnen an diesem Abend. Zu einem Schlagabtausch auf Augenhöhe kommt es dafür selten.
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Freiwilligkeit auf „wackligen Beinen“
Kyle McLachlan (r) konfrontiert Wiebke Esdar und Falko Droßmann mit der Sorge, dass die Bundesregierung kurzfristig doch einen verpflichtenden Wehrdienst beschließen könnte
| © Peter Unger
„Mit der Schließung der Kreiswehrersatzämter sind auch die Musterungsdaten vernichtet worden“, erklärt Droßmann. Man müsse nun von vorne mit der Wehrerfassung beginnen. Er sagt aber auch: „Beschlossen ist nur: Es gibt den Fragebogen. Und es gibt die Musterung.“ Sonst nichts. Er erklärt, dass die Wehrpflicht nie abgeschafft wurde, sonder nur ausgesetzt worden sei. Trete ein Spannungs- oder Verteidigungsfall ein, lebe auch die Wehrpflicht wieder auf – automatisch. So schreibt es auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages. Andererseits müsse auch mit dem nun beschlossenen Gesetz niemand gegen seinen Willen zur Bundeswehr.
Der jüngste Diskutant Kyle MacLachlan ist im Jahr 2007 knapp an der Musterungspflicht vorbeigeboren und sorgt sich trotzdem: „Die Freiwilligkeit steht ja auf wackligen Beinen, die CDU hätte ja gerne eine Wehrpflicht. Was ist, wenn sich nicht genug Freiwillige finden? Wann knickt die SPD ein?“ Dafür bräuchte es ein neues Gesetz, entgegnet Droßmann und sagt: „Ich bin in der SPD und ich sage ganz klar: Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, für die Wiederinkraftsetzung der Wehrpflicht zu stimmen.“ Rhetorisch lässt er damit allerdings die Hintertür einer veränderten Gemengelage offen.
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Keine Mehrheit für verpflichtende Frauen-Musterung
Dann schaltet sich auch Wiebke Esdar ein. Sie warnt vor einer möglichen Regierungsbeteiligung der AfD auf Bundesebene: „Wenn wir in vier Jahren eine CDU-AfD-Regierung haben, dann gilt das natürlich nicht mehr.“
Zwischenzeitlich erzählt Michael Spitzer augenzwinkernd „als Opa“ von seinem Wehrdienst in den 80er-Jahren. „Ich kann verstehen, dass es nicht schön ist für die jungen Leute – aber keine Generation ist je gefragt worden.“
Die Runde diskutiert auch die Geschlechterfrage. Eine Frau aus dem Publikum möchte wissen, ob wirklich nur Männer gemustert würden. Droßmann bejaht, Esdar setzt nach. „Einerseits finde ich es ungerecht – ich will gleiche Rechte, gleiche Pflichten. Aber leider braucht es für eine Grundgesetzänderung eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag.“ Zudem sei man von Gleichberechtigung noch weit entfernt, die Care-Arbeit liege überwiegend auf den Schultern der Frauen.
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Keine Heldenrhetorik über den Krieg
Das in der Diskussion zurückhaltende Bielefelder Juso-Mitglied Sven Hellbusch vertritt die Linie der Jusos; „Aus unserer Perspektive ist es gut, dass Frauen nicht verpflichtend gemustert werden – Männer sollten es ja auch nicht müssen!“, sagt er.
Bemerkenswert ist hingegen Falko Droßmanns Appell, Kriegseinsätze sprachlich nicht zu verklären. „Es ist nicht süß und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben. Es ist immer richtig Kacke!“, sagt er gegen Ende. „Wir müssen es sagen, wie es ist. Soldaten fallen nicht, sie sterben. Sie werden verstümmelt.“
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INFORMATION
Leseraufruf: Betrifft Sie der neue Wehrdienst?
Sie selbst, Ihr Sohn oder Ihre Tochter sind dieses Jahr schon 18 geworden oder werden es bald? Dann gibt es Post von der Bundeswehr. Männer werden im Laufe des Jahres gemustert. Unabhängig davon, ob sie sich den Dienst an der Waffe vorstellen können oder nicht. Ich würde Sie gerne im Prozess der Wehrerfassung begleiten und über Ihre Einstellung, Ihre Erlebnisse und Erfahrungen schreiben. Melden Sie sich bei mir unter justus.rahn@nw.de, #Wehrdienst.
