Kirsty Coventry (r.) spricht mit vorgehaltener Hand mit Christophe De Kepper

Stand: 05.02.2026 13:34 Uhr

IOC-Präsidentin Coventry versucht, politische Themen von den Winterspielen fernzuhalten. Doch längst sorgen Skandale, Proteste und Petitionen für Aufsehen.

Von Volker Schulte und Robert Kempe (Mailand)

Die Olympischen Spiele als Wohlfühloase und Inspiration in einer politisch instabilen Welt – das ist der Wunsch der neuen Präsidentin des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Kirsty Coventry.

Coventry betont Sport als neutrales Terrain

„Alles was von diesen Spielen ablenkt, ist traurig“, sagte die 42-Jährige schon am Sonntag (01.02.2026) in Mailand. Am Dienstag legte sie auf dem IOC-Kongress nach: „Wir sind eine Sportorganisation. Wir verstehen die Politik und wissen, dass wir nicht in einem Vakuum agieren, aber unser Spiel ist der Sport.“

Auf einer Pressekonferenz am Mittwochabend blieb sie in ihren Aussagen derart allgemein und redundant, dass sich die Journalistinnen und Journalisten die Fragen auch hätten sparen können. Dabei hatten sie viele der konfliktreichen Themen angesprochen, die die Spiele in Mailand und Cortina begleiten werden – ob es das IOC will oder nicht. Ein Überblick:

Neutralstart: 20 Athleten aus Russland und Belarus

13 Athletinnen und Athleten aus Russland sowie sieben aus Belarus sind für die Spiele zugelassen. Sie starten unter neutraler Flagge und ohne Hymne – so war es auch bei den Sommerspielen in Paris 2024 der Fall.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat vier Tage nach der Schlussfeier der Winterspiele von Peking 2022 begonnen und dauert bis heute in unverminderter Brutalität an. Trotzdem stehen die Zeichen auf weitere Annäherung, wenn man Coventrys Worte in ihrer IOC-Rede betrachtet.

Sie wolle den Sport als „neutrales Terrain erhalten, einen Ort, an dem jeder Sportler ungehindert an Wettkämpfen teilnehmen kann, ohne durch die Politik oder die Spaltungen seiner Regierung behindert zu werden“.

Tarpischtschew sieht „viel einfachere“ Atmosphäre

Das russische IOC-Mitglied Schamil Tarpischtschew nahm Coventrys Worte dankend auf. „Die Zukunft des Sports besteht darin, dass es eine Neutralität gegenüber allen politischen Strömungen gibt“, sagte er der Sportschau.

Er scheint sich als Russe mittlerweile wieder willkommener zu fühlen auf internationalem Funktionärs-Parkett. „Die allgemeine Atmosphäre im Vergleich zu den Spielen in Paris ist jetzt besser. Es ist jetzt viel einfacher, viel einfacher, und die Kommunikation mit den IOC-Mitgliedern ist nicht mehr so stressig“, sagte Tarpischtschew.

USA: Vance und Rubio kommen zur Eröffnung

Die unberechenbare, aggressive Außenpolitik der Trump-Regierung ist eine zusätzliche Herausforderung für die Spiele. Für die Eröffnungsfeier am Freitag haben sich Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio angekündigt.

Zudem sorgte die Nachricht von geplanten ICE-Einsätzen in Italien während der Spiele für Empörung im Gastgeberland. Die Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde steht wegen der brutalen Vorgehensweise einiger ihrer Mitarbeiter und der tödlichen Vorfälle von Minessota in der Kritik.

HSI-Präsenz: Geplante Einsätze sorgen für Proteste

US-Botschafter Tilman J. Fertitta betonte, die vorgesehene Einheit der Homeland Security Investigations (HSI) werde „streng beratend und nachrichtendienstlich ausgerichtet sein, ohne Patrouillen oder Vollzugsmaßnahmen“. Trotzdem sind für Freitag Proteste in Mailand angekündigt.

Doping und WADA-Streit: US-Gelder auf Eis, IOC droht Salt Lake 2034

An diesem Thema kommen keine Olympischen Spiele vorbei, auch die in Mailand und Cortina nicht. Zwei Meldungen sorgen kurz vor dem Start für Unruhe, die eine hat mit den USA zu tun: Die US-Regierung will ihre Finanzierung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA per Gesetz stoppen und erst dann wieder zahlen, wenn die Arbeit der WADA unabhängig geprüft worden ist.

Die WADA lehnt dies kategorisch ab und das IOC hatte gar mit dem Entzug der Winterspiele 2034 in Salt Lake City gedroht – ein Thema also mit enormer Brisanz.

Positiver Test: Biathletin Rebecca Passler gesperrt

Zudem haben die Spiele ihren ersten Dopingfall, bevor sie überhaupt begonnen haben: Die italienische Biathletin Rebecca Passler ist positiv auf das Antiöstrogen Letrozol getestet worden. Die 24-Jährige ist in Bruneck geboren – das liegt nur wenige Kilometer entfernt von Antholz, dem Austragungsort der olympischen Biathlon-Wettbewerbe.

Epstein-Akten: LA-2028-Chef Casey Wasserman unter Druck

Die Ermittlungsakten im Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein haben kurz vor den Spielen Casey Wasserman in Erklärungsnot gebracht. Der Organisationschef der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles hatte demnach offenbar einen Mailwechsel mit der einstigen Epstein-Gehilfin Ghislaine Maxwell.

Er bedaure diese Korrespondenz zutiefst, schrieb Wasserman in einem Statement. Diese habe „lange stattgefunden, bevor ihre schrecklichen Verbrechen bekannt wurden“. Maxwell war 2021 unter anderem wegen des Missbrauchs Minderjähriger zu 20 Jahren Haft verurteilt worden.

Ist Wasserman noch tragbar als führende Figur des Organisationskomitees der nächsten Olympischen Spiele? Auch hierzu gab Coventry keinen Kommentar ab.

Cortina-Eiskanal und Antholz: Bauprojekte in der Kritik

Wie nachhaltig sind die angeblich so nachhaltigen Spiele in Mailand/Cortina wirklich? Zweifel sind angesagt angesichts der zahlreichen Baumaßnahmen, die auch Sportschau-Wintersportexperte Felix Neureuther in seiner ARD-Doku „Olympia im Wandel“ hinterfragt. Der Eiskanal ist komplett neu gebaut worden und auch andernorts gab es große Eingriffe in die Natur, etwa bei der Biathlon-Arena in Antholz.

Schirmer übergibt Petition gegen Fossil-Sponsoren

Am Mittwoch überreichte der norwegische Free-Ski-Fahrer Nikolai Schirmer dem IOC zudem eine Petition mit mehr als 21.000 Unterschriften. Das Ziel: Das IOC und auch der Ski-Weltverband FIS sollen auf Sponsoren aus der fossilen Brennstoffindustrie verzichten.

Zukunftsmodell: Januar-Termin, Rotation, mehr Hallensport

Der Klimawandel hat existenzbedrohende Auswirkungen auf den Wintersport, hohe Temperaturen und Schneemangel erschweren die langfristigen Planungen. Das IOC hält sich deshalb vieles offen: Umzug in den Januar, länderübergreifende Spiele, ein Rotationsprinzip, die Aufnahme von Hallensportarten – nichts scheint undenkbar.

Coventry hat in ihrer IOC-Rede betont, dass Wandel nötig sei und dass auch schmerzhafte Debatten anstünden. Einige Sportarten müssen sich wohl ernsthaft Sorgen machen, aus dem olympischen Programm zu fliegen.

Nordische Kombination: Frauen fehlen, Ende nicht ausgeschlossen

Zu diesen bedrohten Sportarten gehört allen voran die traditionsreiche Kombination aus Skispringen und Skilanglauf. Viele halten die Nordische Kombination für zu unattraktiv, zudem sind Interesse und Expertise außerhalb Nord- und Mitteleuropas überschaubar.

Aus diesen Gründen verzichtet das IOC bei Olympia auch weiterhin auf Frauen-Wettbewerbe in der Nordischen Kombination. Sie ist seit 1924 im Programm – nach 102 Jahren könnte Schluss sein.