Mit seinen Auftritten in Talkshows ist Gerald Knaus in den vergangenen Jahren als „Migrationsforscher“ bekannt geworden. Doch Europa ist das eigentliche Herzensthema des Politikwissenschaftlers, der die Denkfabrik European Stability Initiative (ESI) gegründet hat. Zusammen mit seiner Tochter Francesca, die seit 2021 im Bundestag arbeitet, hat Knaus ein Buch über Europa und die Europäische Union geschrieben. Wofür beide werben: mehr Leidenschaft zu zeigen für Europa, denn es fehle eine überzeugende proeuropäische Erzählung. Gerald und Francesca Knaus waren auf Einladung der Europa-Union Bodensee-Oberschwaben in Ravensburg zu Gast.
Die Europäer haben einen spannenden Januar erlebt. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte haben die USA einem europäischen Land mit Gewalt gedroht, sollten sie ihren Willen nicht bekommen. Ist die Lage so dramatisch, wie es klingt?
Gerald Knaus: Dieser Winter war eine zweite Zeitenwende. Der Präsident der USA bedrohte nicht nur einen Nato-Partner, Dänemark. Er erklärte auch, dass er Grönland, als Teil der Nato, nur verteidigen könne, wenn er „es besitzt“. Damit verlieren die USA als Bündnispartner ihre Glaubwürdigkeit, und der Kreml jubelt. Dazu verglichen Trumps Verbündete die EU mit dem „Dritten Reich“. Sie erklärten Kanadas Premierminister zum „Feind der USA“. Und sie unterstützen aktiv in unseren Demokratien Parteien, die versprechen, die EU zu zerstören.
Das klingt nach einer Bedrohung von außen und innen.
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Gerald Knaus: So ist es. In der Ukraine erleben wir den blutigsten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg, und Europas Armeechefs warnen alle vor Putins nächsten Zielen. In der Bundesrepublik gab es auch noch nie eine Partei wie die AfD, die offen zum Aggressor Putin steht und als Dexit-Partei auftritt. Und die heute eine Chance hat, auf Länderebene eine Alleinregierung zu stellen. Diese Kombination – der antieuropäische Kurs der USA, die Kriegslust Putins und der Aufstieg EU-feindlicher Parteien im Inneren – ist neu. Europas Demokratien sind in der gefährlichsten Situation seit 1948.
Blenden Sie dabei nicht die Kriege im früheren Jugoslawien etwas aus?
Gerald Knaus: Nein. Ich habe die 1990er-Jahre in Bosnien und im Kosovo gelebt und gearbeitet. Unser Buch beginnt mit diesen Kriegen und mit der Erinnerung, dass zwischen dem Ende des Kalten Krieges 1990 und 2021 mehr als 300.000 Menschen in Kriegen und Bürgerkriegen in Europa ums Leben gekommen sind. Zehn Millionen Menschen wurden durch diese Konflikte gewaltsam vertrieben. Nach 1990 war unser Kontinent gespalten, in ein Europa des Krieges und ein Europa des Friedens. Denn auch das stimmt: Bislang wurde noch nie ein Nato-Mitglied angegriffen, und EU-Staaten sehen sich alle nicht als Bedrohung. Staaten, die nicht in die EU, den Schengen-Raum und die Nato eingebunden waren, erlebten hingegen alle Kriege oder Diktaturen. Das zeigt, was droht, wenn diese Säulen wegbrechen.
Frau Knaus, Sie haben zusammen mit Ihrem Vater das Buch „Welches Europa brauchen wir“ geschrieben. Zwischen Ihnen liegen 30 Jahre. Welches politische Ereignis hat Sie in Ihrer Jugend besonders geprägt?
Francesca Knaus: Ich durfte 2017 bei den Präsidentschaftswahlen in Österreich zum ersten Mal wählen. Damals kam ein FPÖ-Kandidat, Norbert Hofer, in die Stichwahl, mit der Chance, Präsident zu werden. Ich kann mich gut erinnern, dass damals die Holocaust-Überlebende Gertrude Pressburger an die Öffentlichkeit ging und vor der FPÖ warnte. Das war ein Moment, in dem ich erkannte, wie viel auf dem Spiel steht. Es gibt Feinde der liberalen Demokratie. Und diese treiben die Spaltung der Gesellschaft voran, weil sie davon profitieren.
War das auch Ihre Motivation, sozusagen eine Verteidigungsschrift für Europa zu verfassen?

A protester holds flag outside the US consulate in Nuuk, Greenland, on January 20, 2026. Greenland is at the centre of the geopolitical spotlight after US President Donald Trump’s bid to seize the island. Trump has said that the United States needs Greenland, which would dramatically increase the US land mass, because of a threat of Russia or China seizing the island as climate change opens up Arctic water routes. (Photo by Mads Claus Rasmussen / Ritzau Scanpix / AFP) / Denmark OUT (Foto: AFP)
Francesca Knaus: Ja, aber nicht nur das. Für mich war es lange selbstverständlich, in Frieden und Stabilität zu leben. Aber viele meiner Freunde, meine Generation in der Ukraine, in Georgien, in Armenien erleben, was es heißt, nicht Teil des demokratischen Europas zu sein. Sie sehen sich nach dem, was wir haben und verteidigen müssen.
Was hat Sie politisch nachhaltig geprägt, Herr Knaus?
Gerald Knaus: Das Allerwichtigste war der Fall der Berliner Mauer. Ich war damals 19 Jahre alt und Student in Oxford. Zwei Wochen später bin ich nach Bratislava gefahren und habe in der Slowakei eine friedliche Revolution erlebt, die wie ein Wunder lauter Diktaturen stürzte. Und dann, bereits 1991, erlebte ich den Rückschritt in die tiefste Barbarei durch die Kriege auf dem Balkan. Der Völkermord an den Bosniaken, die 1425 Tage dauernde Belagerung von Sarajevo, Gräueltaten und Vertreibungen. Da wurde mir klar, dass in der Geschichte nichts vorbestimmt ist. Diese Erfahrung treibt mich bis heute um.
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Sie haben die 1990er-Jahre also nicht als Jahrzehnt des positiven Aufbruchs erlebt?
Gerald Knaus: Nein. Ich habe damals in der Ukraine gelehrt, die einen beispiellosen Zusammenbruch erlebte, mit enormer Korruption. Ich arbeitete in Sofia, Bulgarien, in dem die Zukunft damals düster schien. Ich besuchte ein scheinbar hoffnungsloses Rumänien. Der Aufbruch kam nach dem Kosovokrieg und der Entscheidung der EU, Mitteleuropa in die EU und Nato aufzunehmen. Das gelang und verwandelte Länder von Estland bis Bulgarien. Von 1999 bis 2004 haben Regierungen mit der großen Erweiterung Mut und Visionen gezeigt. Dann aber schlug man 2005 der Ukraine die europäische Tür vor der Nase zu, mit tragischen Folgen bis heute.
Frau Knaus, Sie haben einen Großteil Ihrer Kindheit in der Türkei und in Frankreich verbracht. Erst mit 16 Jahren kamen sie nach Deutschland zurück. Wie hat das Ihren Blick auf Europa verändert?
Francesca Knaus: Als ich elf Jahre alt war, sah ich die Welt wie ein türkisches Schulkind. Die Karten in meinen Büchern zeigten die Türkei immer im Mittelpunkt. Der Erste Weltkrieg wurde in der Schule aus türkischer Sicht erzählt, ein Krieg um Anatolien und den Kaukasus. Dass es Kämpfe in Verdun gab, dass dies für Frankreich der große Krieg gegen Deutschland war, lernte ich erst in Paris. So erkannte ich: Jedes Land hat seine eigene Perspektive, die von historischen Erfahrungen und Geschichten geprägt ist.
Im Titel Ihres Buches nennen Sie Europa „ein politisches Wunder“, das es zu schützen gelte.
Francesca Knaus: Europa besteht aus vielen unterschiedlichen, oft kleinen Nationalstaaten, mit je eigener Geschichte, Kultur und Identität und oft einer eigenen Sprache. Dennoch funktioniert es, dass wir friedlich zusammenarbeiten, und sich Gesellschaften nicht voneinander bedroht fühlen, sondern sich gemeinsam schützen. Deshalb wollten auch die baltischen Staaten nach 1991 möglichst rasch der EU und NATO beitreten. Um ihre Identität, Kultur und Unabhängigkeit besser zu schützen.
Viele Länder warten seit Jahren darauf, dass ihre Aufnahme in die EU vorangeht. Ist die EU zu zögerlich?
Gerald Knaus: Ja. Derzeit hat die EU keinen glaubwürdigen Beitrittsprozess. Dass sie Ländern wie Nordmazedonien einen Beitritt seit 2005 in Aussicht stellt und es bis heute nicht ernst meint, ist eine enorme vertane Chance. Es wäre schlicht dramatisch, wenn wir heute die Ukrainer auch so behandeln und diesen Prozess erneut ins Leere laufen lassen würden. Doch aller Rhetorik zum Trotz: Genau das passiert.
Aber haben die mehrfachen Erweiterungsrunden nicht auch dazu beigetragen, dass die EU-Begeisterung mancher Menschen, gerade im Westen und in der Mitte Europas, abgenommen hat?
Gerald Knaus: Die Erweiterung der Zone des demokratischen Friedens von sechs auf mehr als 27 Staaten seit 1952 war der größte Erfolg der europäischen Politik der letzten 100 Jahre. Rumänien und Bulgarien sind im Vergleich zu den 90er-Jahren nicht wiederzuerkennen, Polen ist wirtschaftlich ein Tiger und dazu eines der wichtigsten Exportländer für Deutschland. Diese Erweiterung war ein Riesenerfolg. Stellen wir uns vor, wie es heute um Polen, Rumänien, Bulgarien oder das Baltikum ohne Erweiterung stünde. Deutschland wäre direkt betroffen. Oder wie es wäre, wenn Deutschland seine Nachbarn so behandeln würde, wie die USA heute Kanada und Mexiko behandeln.
Francesca Knaus: Auch Deutschland ist durch die Erweiterungen sicherer geworden, weil wir, anders im Kalten Krieg, von wohlhabenden Demokratien und nicht von autoritären Staaten umgeben sind.
Das klingt einleuchtend. Aber wie erklären Sie dann, dass eine Partei mit EU-feindlichen Positionen im Aufwind ist?
Francesca Knaus: Weil es sträflich vernachlässigt wird, die positiven Geschichten der Erweiterung zu erzählen. Selbst im Bundestag höre ich immer noch Leute, die sagen: Rumänien, das war ein Fehler. Dabei ist das absurd. Jeder Unternehmer würde widersprechen. Und es gibt noch ein Problem: Manche denken, die EU wäre unvollkommen, solange sie kein echter Bundesstaat ist. Nun ist das ein unerreichbares Ziel, das weder Niederländer noch Portugiesen, weder Schweden noch Griechen wollen. Wichtiger wäre es, die Zone der Stabilität im geografischen Sinne zu erweitern.
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Gerald Knaus: Dass wir 2005 keine Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine begonnen haben, war die größte vergebene Chance der vergangenen 30 Jahre. Die Ukrainer hätten sich sehr anstrengen müssen, die Kriterien zu erfüllen, aber sie hätten es wohl geschafft, wie Rumänien. Dann wäre uns der größte Krieg seit dem Zweiten Weltkrieg mit bislang 4,5 Millionen Flüchtlingen vielleicht erspart geblieben. Jetzt sind deutsche Soldaten in Litauen stationiert, um das Land zu schützen.
Fehlt auch in der Politik das Engagement für Europa?
Gerald Knaus: Die Proeuropäer zeigen oft zu wenig Leidenschaft, es fehlt eine überzeugende proeuropäische Erzählung. Wie Emmanuel Macron zu sagen, Europa muss eine Großmacht werden, überzeugt nicht, wenn am Ende gescheiterte Militärinterventionen in Westafrika herauskommen. Auch reine Wirtschaftsargumente erreichen nicht die Herzen der Menschen. Im Kern geht es um Werte und Vertrauen. Es ist ein Versagen vieler – im Kulturbetrieb, in Museen, an den Universitäten –, dass sie es nicht schaffen, dieses Wunder packend zu erzählen: Dass sich das kleine Luxemburg nicht mehr vor Deutschland fürchtet. Dass sich Polen und Deutsche verstehen.
Francesca Knaus: Es geht letztlich um Krieg und Frieden. Rechtspopulisten erzählen Geschichten, es geht um Emotionen, die Menschen bewegen. Aber eigentlich haben die Proeuropäer die besseren Geschichten. Sie haben dazu beigetragen, dass Kriege in Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten undenkbar schienen. Wir werben für eine Netflix-Serie über die unbekannten Gründer Europas. Menschen, die das Schlimmste erlebten, deren Land im Krieg besetzt war, die Verwandte in den Konzentrationslagern verloren und die am Ende Institutionen geschaffen haben, von denen wir 80 Jahre später noch profitieren. Das ist ein Epos.
Wie erklären Sie diese Zurückhaltung?
Gerald Knaus: Manche Freunde Europas agieren wie enttäuschte Liebhaber. Sie hätten aus der EU gerne etwas gemacht, was den Nationalstaat ersetzt. Das hat nicht funktioniert. Aber die EU ist trotzdem, ja sogar deswegen, ein enormer Erfolg. Es geht dabei aber nicht um einen Gegensatz zwischen nationaler Identität und EU, es geht nicht um Europa-Fahne oder deutsche Fahne, es geht um beide zusammen. Die Dänen, Esten und Finnen wissen das.
Sie hatten beide die Möglichkeit, Europa in sehr vielen Facetten zu erleben. Viele Menschen hierzulande haben diese Gelegenheit nicht. Warum sollten die Ihre Begeisterung teilen?
Gerald Knaus: Wenn wir die Europäische Union nicht mehr hätten, wären wir in einer anderen Welt, mit enormer Unsicherheit. Die Dexit-Befürworter verschleiern, was sich alles verändern würde. Nachbarstaaten würden einander wieder misstrauen, die Angst vor Deutschland wäre sofort wieder da. Dann fürchten sich Polen wieder vor Deutschen. Dazu wäre unser aller Wohlstand in Gefahr. Dieser beruht seit Jahrzehnten auch auf dem größten Binnenmarkt der Geschichte.

Francesca und Gerald Knaus im Gespräch mit Claudia Kling, Korrespondentin bei der Schwäbischen Zeitung. (Foto: oh)
Francesca Knaus: Es wäre das Ende einer langen Friedenszeit im Herzen Europas. Dass wir nicht wie die Ukrainer jede Nacht von Drohnen und Raketen terrorisiert werden, liegt an der EU und der Nato, an bemerkenswerten Institutionen.
Hadern Sie denn eigentlich nie mit dieser EU?
Gerald Knaus: Sehr oft, in vielen Details. Aber es geht darum, das große Ganze zu sehen. Wir brauchen jetzt die Fähigkeit, als europäische Demokratien gemeinsam einen russischen Angriff auf unser Territorium zu verhindern. Mit den Ukrainern und deren kampferprobter Armee als demokratischen Verbündeten.