06. Februar 2026

Matthias Lindner

CO2-Zertifikat mit Geld- und Baumsymbolen in grünen Sechsecken – EU-Emissionshandel ETS und BEHG-Regulierung

Der EU-Emissionshandel (ETS) steht vor einer Reform: Die Kommission erwägt längere Fristen für Industrieanlagen, um steigende CO2-Zertifikatspreise abzufedern.

(Bild: sh99 / Shutterstock.com)

Die EU plant eine Reform des Emissionshandels. Unternehmen sollen entlastet werden. Doch Experten warnen vor Preisrisiken bis 400 Euro pro Tonne CO2.

Brüssel steuert auf eine Kurskorrektur beim Klimaschutz zu. Die EU-Kommission erwägt, die Vorgaben zur Emissionsminderung für Tausende Betriebe zu entschärfen. Grund dafür sind Sorgen, die europäische Wirtschaft könnte weniger wettbewerbsfähig werden.

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Vor dem EU-Gipfel kommende Woche verdichten sich jedenfalls die Reformgespräche zum Emissionshandelssystem (ETS), berichtet Bloomberg.

Klimapolitik gerät ins Hintertreffen

Mehrere Faktoren treiben den Kurswechsel demnach voran. Die EU ordnet derzeit ihr Verhältnis zu den USA neu, ringt mit der wachsenden Konkurrenz aus China und muss nach dem russischen Angriff auf die Ukraine mehr Geld für Verteidigung aufbringen.

In diesem Spannungsfeld verliert die ambitionierte Klimaagenda an politischer Priorität. Der breite Konsens über Klimaschutzmaßnahmen, der vor fünf Jahren noch bestand, ist aufgebrochen.

Die Exekutive in Brüssel möchte die konkreten Reformpläne im dritten Quartal dieses Jahres vorlegen. Danach rechnen Beobachter mit zähen Verhandlungen zwischen den Mitgliedstaaten.

Erste Forderungen liegen bereits auf dem Tisch: Der slowakische Regierungschef Robert Fico verlangt eine Aussetzung des ETS, während sein tschechischer Amtskollege Andrej Babiš Instrumente gegen starke Preisschwankungen einführen will.

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Längere Fristen für rund 10.000 Anlagen

Im vergangenen Dezember verständigten sich die EU-Unterhändler auf ein Etappenziel: Bis 2040 sollen die Emissionen von Treibhausgasen um 90 Prozent gegenüber 1990 sinken.

Zugleich gaben sie ein Signal an die Wirtschaft: Etwa 10.000 Produktionsstätten im ETS sollen zusätzliche Zeit für den Umbau ihrer Prozesse bekommen. Damit will die Union verhindern, dass die erlaubten Emissionsmengen im bestehenden System schon 2039 bei null ankommen.

Peter Liese, deutscher Europaabgeordneter der christdemokratischen EVP-Fraktion, ordnet die Debatte gegenüber Bloomberg ein: Wer das ETS zerstören oder aussetzen wolle, handle unverantwortlich. Gleichwohl seien Anpassungen nötig, um den Kostendruck auf Unternehmen zu senken, ohne die Klimaziele aufzugeben.

Experten rechnen mit drastisch steigenden CO2-Preisen

Ein Kernproblem der aktuellen Diskussion sind die erwarteten Preisentwicklungen bei Emissionszertifikaten. Fachleute prognostizieren laut Bericht, dass die Kosten pro Tonne CO2 bis 2040 auf bis zu 400 Euro klettern könnten. Derzeit liegt der Preis bei etwa 82 Euro.

Jos Delbeke, früherer Spitzenbeamter für Klimafragen bei der EU-Kommission und Mitgestalter des ETS, sieht laut Bloomberg ein strukturelles Risiko: Wenn die Obergrenzen weiter sinken, schrumpft auch die Liquidität am Markt. Das erhöht die Gefahr abrupter Preissprünge.

Als Gegenmaßnahmen stehen verschiedene Hebel zur Debatte. Die Regulierer könnten das Angebot an Zertifikaten aktiver steuern, um Preisausschläge zu dämpfen.

Eine weitere Option wäre ein impliziter Preiskorridor, zumindest als Analyseinstrument. Auch die automatische Angebotsanpassung sowie das Tempo der jährlichen Reduktionsschritte könnten nachjustiert werden.

Für die Übergangszeit bis zur fertigen Reform schlägt Delbeke eine Soforthilfe vor: Rund 370 Millionen kostenlose Zertifikate aus einem Reservepuffer könnten an Unternehmen fließen, die in emissionsarme Technologien investieren.

Brüssel holt Feedback aus der Praxis ein

Die EU-Kommission hat Ende Januar einen Praxistest durchgeführt. Bei einem Workshop tauschten sich mehr als 50 Vertreter von Industrieanlagen und Kraftwerken über ihre Erfahrungen mit dem ETS aus.

Teilnehmer kamen aus der Chemiebranche, von Raffinerien, aus der Zement-, Zellstoff-, Papier- und Glasindustrie.

Im Fokus standen Fragen zur Umsetzung: Wie laufen die Berichtspflichten? Wo hakt es bei der Beantragung kostenloser Zuteilungen? Die gesammelten Erkenntnisse sollen in die anstehende Überarbeitung der ETS-Richtlinie einfließen.

Erste Regeln für dauerhafte CO2-Speicherung

Neben der ETS-Reform treibt Brüssel ein weiteres Klimainstrument voran. Die Kommission hat erstmals freiwillige Zertifizierungsregeln für Technologien verabschiedet, die CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre entfernen.

Die Methoden betreffen drei Verfahren: die direkte Abscheidung aus der Luft mit anschließender Speicherung, die Abscheidung biogener Emissionen mit Speicherung sowie die Herstellung von Pflanzenkohle.

Die neuen Vorgaben legen fest, wann eine Tonne CO2 als entnommen gilt, was als dauerhafte Entnahme gelten kann und wie Risiken wie Leckagen gehandhabt werden müssen.

EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra betont, dass die EU mit klaren Standards nicht nur verantwortungsvolles Handeln in Europa fördere, sondern auch international Maßstäbe setze.