Kaum ist das Mercosur-Abkommen unterzeichnet, legen EU-Abgeordnete es auf Eis. Als Chefunterhändler hat Rupert Schlegelmilch den Deal jahrelang auf europäischer Seite verhandelt. Im Interview mit WELT erklärt er, warum er die Begründung der Mercosur-Gegner für vorgeschoben hält.

Mitte Januar wurde nach Jahrzehnten zäher Verhandlungen das EU-Mercosur-Abkommen unterzeichnet. Doch wenige Tage darauf hat das Europäische Parlament beschlossen, das Abkommen vom Europäischen Gerichtshof prüfen zu lassen. Das kann die Ratifizierung deutlich verzögern oder ganz verhindern. Rupert Schlegelmilch war zehn Jahre Chefunterhändler der Europäischen Kommission für die Mercosur-Verhandlungen. Nach deren Abschluss legte er sein Amt im Dezember 2025 nieder und übernahm eine Professur am College of Europe.

WELT: Das Mercosur-Abkommen war endlich auf die Zielgerade eingebogen – nur um dann vom EU-Parlament in eine erneute Schleife geschickt zu werden. Wie ging es Ihnen, als Sie die Ratifizierung scheitern sahen?

Rupert Schlegelmilch: Ich blicke da nicht nur als Beteiligter drauf, sondern auch als Bürger. Auch der Bürger in mir möchte, dass Europa vorankommt. In einer solch schwierigen weltpolitischen Lage, in der wir uns gegenüber China und den USA behaupten müssen, hat uns das Mercosur-Abkommen eine wirtschaftliche Chance auf dem Silbertablett geliefert. Dass wir nicht in der Lage sind, das zügig umzusetzen, ist schmerzlich. Aber aus der Position des Unterhändlers sehe ich das professioneller. Die Verhandler der EU-Kommission haben ein gutes Ergebnis geliefert. Die Politik entscheidet.

WELT: Sie haben lange Jahre mühevoller Verhandlungen hinter sich. Seit wann genau waren Sie mit Mercosur befasst?

Schlegelmilch: Seit 2003, wenige Jahre nachdem die Verhandlungen losgingen. Zunächst war ich Referatsleiter, 2011 trat ich das Amt des Chefunterhändlers an und blieb es bis 2016. In dieser Zeit verhandelte ich unter anderem die Zollangebote, die das Herzstück eines solchen Vertrages sind. Nach einer beruflichen Zwischenstation wurde ich 2019 erneut Chefunterhändler und schied im Dezember 2025 aus.

WELT: Wie sah Ihre Arbeit als Chefunterhändler genau aus?

Schlegelmilch: Der Chefunterhändler überblickt und steuert die verschiedenen Verhandlungsgruppen, die zu einzelnen Themen wie Zollreduzierung, Zugang zu öffentlichen Aufträgen oder Marktöffnung für Dienstleister verhandeln, und stellt sicher, dass die Verhandlungen vorankommen. Stocken sie in einzelnen Gruppen, berät er mit den Entscheidungsträgern, welche Kompromisse politisch machbar sind. In diesem Fall der EU-Kommissar für Handel, aber auch Vertreter der EU-Mitgliedstaaten. Zugleich arbeitete ich eng mit den Verhandlern der Gegenseite zusammen, meist Staatssekretäre aus den Mercosur-Staaten. Die mussten sich ihrerseits rückversichern, ob ihre Minister die Ergebnisse politisch mittragen.

WELT: Einige Abgeordnete sagen, sie hätten gegen das Abkommen gestimmt, weil sie sich mit diesem Schritt mehr Rechtssicherheit erhoffen. Können Sie diese Begründung nachvollziehen?

Schlegelmilch: Das ist leider ein Vorwand. Denn die rechtlichen Bedenken wurden schon im Vorfeld der parlamentarischen Abstimmung ausgeräumt. Andere EU-Freihandelsabkommen unter gleichen rechtlichen Rahmenbedingungen sind bereits in Kraft getreten, so das Abkommen zwischen der EU und Chile vom letzten Jahr. Dass durch die Prüfung beim Europäischen Gerichtshof weitere rechtliche Bedenken auftauchen, halte ich für sehr unwahrscheinlich.

WELT: Worum ging es dann?

Schlegelmilch: Die Abweichler wollten sich meines Erachtens vor der Verantwortung drücken. Sie haben dem Druck eines kleinen, aber lauten Teils der Wähler nachgegeben, der seinen Unmut etwa durch Bauernproteste kundtat. Die extreme Rechte in Europa, in Frankreich zum Beispiel Marine Le Pen, befeuert den Mythos, das Abkommen verrate Europas Landwirte und überschwemme den Markt mit billigen Importen aus den Mercosur-Staaten. Das ist zwar absolut falsch, aber als Drohkulisse wirkmächtig. Die Abweichler fürchteten, das Abkommen könne ein Brandbeschleuniger für dieses Narrativ sein, das am Ende den rechten Parteien nutzt. Indem sie das Abkommen an den Europäischen Gerichtshof verweisen, gewinnen sie Zeit, und entziehen sich einer klaren Positionierung.

WELT: Sind die Sorgen der europäischen Landwirte wirklich unbegründet?

Schlegelmilch: Niemand bestreitet, dass das Abkommen auch Nachteile für Landwirte hat, es gibt bei einigen Produkten etwas mehr Konkurrenz durch Importe. Doch die Mengen, um die es geht, sind im Verhältnis marginal und streng begrenzt. Nur ein bis zwei Prozent des jährlichen Verbrauchs in Europa dürfen die Mercosur-Staaten zukünftig bei sogenannten sensiblen Gütern wie Rindfleisch oder Geflügel einführen. Bei Rindfleisch reden wir von 200 g pro EU-Bürger. Das kann den europäischen Markt nicht destabilisieren. Im Gegenzug erhielten etwa europäische Industrieprodukte und Dienstleister vollen Marktzugang in zukunftsträchtigen Märkten wie Brasilien oder Argentinien. Wer sich ernsthaft mit dem Abkommen befasst hat, weiß, dass die Vorstellung, Mercosur überschwemme Europas Märkte, Desinformation ist. Vor diesem Hintergrund ist es umso schwerer zu verstehen, wie einige Abgeordnete sich faktisch dieser Desinformation anschließen.

WELT: Von den Grünen im Europäischen Parlament, die teils gegen das Abkommen gestimmt haben, ist zu hören, ihre Partei werde unverhältnismäßig scharf kritisiert. Schließlich hätten auch andere demokratische Parteien mit den Rechtsextremen gestimmt. Haben die Grünen damit recht?

Schlegelmilch: Teilweise. Auch bei Renew und bei EVP (liberale und Mitte-rechts-Parteienzusammenschlüsse im Europäischen Parlament, Anm. d. Red.) gab es viele Abweichler, deren Gründe ebenso wenig überzeugen. Ich glaube, den Grünen ist ihr eigener moralischer Anspruch zum Verhängnis geworden. Sie stellen zumindest in Deutschland – meiner Ansicht nach berechtigterweise – sehr hohe moralische Ansprüche, ganz besonders in der Brandmauer-Debatte. Sie haben sich als die Speerspitze dieser Haltung exponiert und bisher jede Zusammenarbeit mit rechtsextremen Kräften scharf verurteilt. Bei der Abstimmung im Europäischen Parlament wurden sie diesem Anspruch nicht gerecht. Entsprechend laut fällt nun die Kritik aus.

WELT: Sie hatten jahrelang engen Kontakt mit hochrangigen Verhandlern in den Mercosur-Staaten. Wie blicken die auf die Entscheidung des EU-Parlaments?

Schlegelmilch: Einerseits mit Fassungslosigkeit, andererseits legen sie weiter eine bewundernswerte Geduld an den Tag. Es ist nicht die erste Verzögerung, die sie verkraften müssen. Die EU hat die Verhandlungen mehrfach ausgesetzt und später mit hohen zusätzlichen Forderungen, vor allem zur Nachhaltigkeit, wieder aufgenommen. Zwischen dem Abschluss der Verhandlungen und der Vorlage zur Ratifizierung verging abermals ein Jahr. All das haben sie mitgemacht. Zum einen, weil sie wissen, dass die EU nie schnell ist. Zum anderen, weil sie das Abkommen unbedingt wollen.

WELT: Warum?

Schlegelmilch: Die Mercosur-Staaten, vor allem Brasilien und Argentinien, sehen das Abkommen strategischer als viele Europäer. Brasilien, ein Land mit hohen Zollschranken, ist in hohem Maße bereit, europäische Konkurrenz auf seinen Märkten zuzulassen. Es glaubt daran, dass das Abkommen die eigene Wirtschaft wettbewerbsfähiger macht. Bemerkenswert ist, dass das selbst für sensible Branchen wie die brasilianische Autoindustrie gilt. Sie nehmen dafür sogar in Kauf, dass Europa, wie oben dargelegt, einige Marktsegmente wie die Landwirtschaft nur geringfügig öffnet. Sie tun das, weil sie uns im Zweifelsfall für verlässliche Partner halten. Jedenfalls verlässlicher als manche andere.

WELT: Wie wirkt sich der Schlingerkurs bei Mercosur auf weitere Verhandlungen über Freihandelsabkommen, etwa mit Indien oder Australien, aus?

Schlegelmilch: Letztlich geht es um Glaubwürdigkeit. Jeder Verhandlungspartner der EU muss in seinem Heimatland rechtfertigen, dass eine Marktöffnung lohnt und die Abkommen auch der eigenen Wirtschaft zählbare Vorteile bringen. Das gelingt nur, wenn die Verhandlungen vorankommen und Abkommen auch in Kraft treten. Kommt die EU nicht zu Potte, leidet ihre Glaubwürdigkeit. Beim Abkommen mit Indien spielt Landwirtschaft eine untergeordnete Rolle, deswegen lassen sich die Inder durch die Verzögerungen bei Mercosur vermutlich kaum verunsichern. Australien hingegen hat erhebliche landwirtschaftliche Interessen und schaut genau hin.

WELT: Tritt das Abkommen am Ende doch noch regulär in Kraft?

Schlegelmilch: Der Europäische Rat, das heißt die EU‑Mitgliedstaaten, haben ja schon positiv entschieden. Ich maße mir nicht an, für das EU-Parlament zu sprechen. Aber in Europa gibt es starke politische Kräfte, angefangen bei der Bundesregierung, die alles dafür tun, das Abkommen am Leben zu halten. Wann die Schlussabstimmung im Parlament stattfindet, ist momentan völlig offen. Die weltpolitische Lage wird sich bis dahin kaum entspannen, eher noch verschärfen. Die Argumente, die schon jetzt für einen Abschluss gesprochen hätten, bleiben bestehen. Das Wachstum schwächelt. Die Exporte in die USA sind zuletzt deutlich gesunken. Auch nach China brechen sie in wichtigen Sektoren ein. Wir müssen schauen, wo wir überhaupt noch handlungsfähig sind und wo wir neue wirtschaftliche Spielräume schaffen. Als Berufsoptimist glaube ich, dass sich diese Logik am Ende durchsetzt.

Jan H. Rosenkranz ist seit November 2025 Volontär bei WELT im Ressort Außenpolitik.