Franziska Giffey machte vor, wie es funktioniert. Mit Besen, Schaufel und Streugut (um ganz genau zu sein: Lavagranulat) war sie vor ihrem Bürgerbüro in Rudow im Einsatz, um den Gehweg von Eis und Schnee zu befreien. Festgehalten wurde das Ganze in einem Video für die Plattform Instagram. Es sei wichtig, dass alle einen Beitrag für den Winterdienst auf den Gehwegen leisten, sagte die Wirtschaftssenatorin (SPD) darin. Und mahnte: „Die Anlieger sind verpflichtet, vor ihren Grundstücken zu streuen und entsprechend zu fegen.“

Bei diesem einen Video blieb es aber längst nicht. Täglich befasst sich Giffey auf ihrem Profil mit der Wetterlage. Sie teilt mit, wo Bürgerinnen und Bürger kostenlosen Splitt abholen können, wie die Berliner Stadtreinigung oder die Berliner Verkehrsbetriebe gegen Glätte und Eis kämpfen, und erklärt detailliert, welchen Effekt vorbereitende Streumaßnahmen auf Straßen haben, bei denen das Salz also unter dem Schnee oder Eis platziert wird. Aber nicht nur Giffey präsentiert sich online an der Seite von BSR-Mitarbeitern, auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zeigte unter der Woche, wie er sich persönlich ein Bild von der Lage in der BSR-Leitstelle machte.

Glätte in Berlin: Am Alltag der Menschen in der Stadt ändert sich nichts

Die Social-Media-Aktivitäten der Regierungsmitglieder ändern jedoch nichts am Alltag in der Stadt: Nach wie vor sind die Gehwege stellenweise spiegelglatt. Menschen stürzen, die Notaufnahmen sind voll, ältere Berlinerinnen und Berliner trauen sich nicht aus den Wohnungen. Und der Deutsche Wetterdienst gibt fast pausenlos neue Glätte-Warnungen für die Hauptstadtregion heraus.

Die aktuelle Situation lässt sich dabei keinem einzelnen Schuldigen zuschreiben. Grundstückseigentümer ignorieren ihre Pflichten, die Bezirke kamen bei Kontrollen nicht hinterher. Senat und Koalition gingen unentschlossen, uneinig oder schlicht unbeholfen vor. Prominentes Beispiel aus dieser Woche: die inzwischen wieder gekippte Salzfreigabe für Privatpersonen. Gegen die Allgemeinverfügung der Senatsumweltverwaltung hatte der Naturschutzverband Nabu eine Klage eingereicht und gewonnen.

Ute Bonde besucht die BSR Leitstelle

Naturschutzverbände in Berlin scheuen sich nicht vor Klagen

Fragen des Naturschutzes werden in Berlin immer mal wieder vor Gericht verhandelt. Man erinnere sich an den Abriss des Jahn-Sportparks oder das Bauprojekt Pankower Tor, als ebenfalls Naturschutzverbände, etwa wegen der Beeinträchtigung von Kreuzkröten, vor Gericht zogen. So kam es nicht vollkommen unerwartet, dass sich der Berliner Nabu auch bei der Salzfreigabe für den Schritt einer Klage entschloss – anders als der Landesverband in Hamburg, der in dem Fall seinen Pragmatismus betonte und nicht gegen eine ähnliche Allgemeinverfügung der dortigen Verkehrsbehörde vorging.

Jetzt kann man sich wünschen, dass auch der Berliner Nabu etwas mehr Pragmatismus gewagt hätte. Man kann aber auch feststellen, dass das Vorgehen der Senatsverwaltung – und der zuständigen Senatorin Ute Bonde – ungeschickt war. Denn einen der Punkte, auf den die Klage gegen die Salzfreigabe gestützt wurde, beschrieb der Nabu so: „Die Glatteislage bestand bereits seit Sonntagabend, 25. Januar 2026. Dennoch wurden anerkannte Umweltverbände nicht beteiligt, obwohl erhebliche Auswirkungen auf Natur und Umwelt zu erwarten waren.“

Arbeiten im Bahnhof Ludwigslust

Nicht immer lassen sich Konflikte in Gesprächen ausräumen. Aber manchmal eben doch. Die frühere Umweltstaatssekretärin Britta Behrendt wurde oft dafür gelobt, dass sie den Kontakt mit den Umweltverbänden hielt und den Austausch suchte, auch wenn man nicht immer einer Meinung war. Ein solcher Austausch hätte jetzt hilfreich sein können, Behrendt ist aber im vergangenen September ins Bundeskanzleramt gewechselt. Und so blieben die Gespräche offenbar aus.

Viele Berlinerinnen und Berliner eint inzwischen eine Hoffnung: dass dieser Winter bald endet und ein sonniger Frühling Schnee, Eis und Glätte möglichst schnell vergessen lässt. Der Senat dürfte sich, mit Blick auf die vergangenen Wochen, dieser Hoffnung anschließen.