Am 5. Februar 1989 verliert ein 20-jähriger Mann an der Berliner Mauer sein Leben. Chris Gueffroy glaubt, der Schießbefehl der DDR sei aufgehoben – ein folgenschwerer Irrtum. Als Grenzsoldaten das Feuer eröffnen, wird er tödlich getroffen. Am 5. Februar 2026 jährt sich Gueffroys Todestag zum 37. Mal. Er ist das letzte Todesopfer durch Schusswaffengebrauch an der Berliner Mauer.
Frühes Leben in der DDR
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Chris Gueffroy wird am 21. Juni 1968 in Pasewalk geboren. Zusammen mit seiner Mutter wächst er zunächst in Viereck und Schwedt auf, bevor die Familie 1973 nach Ost-Berlin zieht. Dort besucht er verschiedene Schulen, zuletzt die Polytechnische Oberschule „Otto Buchwitz“ in Johannisthal. Schon früh zeigt sich sein sportliches Talent: Als Grundschüler wird er von Talentscouts entdeckt und an die Kinder- und Jugendsportschule „Heinrich Rau“ des SC Dynamo Berlin delegiert, wo er Geräteturnen als Leistungssport betreibt.
Die hohen Erwartungen im Trainingsalltag und die politische Kontrolle innerhalb des Systems Dynamo setzen ihn zunehmend unter Druck. Als er sich weigert, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen – eine Bedingung, die für viele Nachwuchssportler mit einer Karriere im DDR-Leistungssystem verbunden war –, wird ihm der Weg zum Abitur verwehrt. Damit zerschlagen sich seine beruflichen Träume, etwa Pilot oder Schauspieler zu werden.

Die Gedenkstele am Britzer Zweigkanal erinnert an Chris Gueffroy, den letzten erschossenen Flüchtling an der Berliner Mauer. Vor 30 Jahren, am 5. Februar 1989, starb der junge Ost-Berliner, als er die Grenzanlagen mit einem Freund überwinden wollte. (Foto: Sven Braun/dpa)
Nach seinem Schulabschluss beginnt Gueffroy 1985 eine Lehre als Kellner im Mitropa-Hotel am Flughafen Berlin-Schönefeld. Der Arbeitsplatz gilt als privilegiert, da er den Kontakt zu Reisenden und westlichen Gästen ermöglicht. In dieser Umgebung erlebt Gueffroy die Diskrepanz zwischen offizieller Staatspropaganda und realen Lebensverhältnissen besonders deutlich. Obwohl ihm seine Arbeit gefällt, stoßen ihn die Korruption im Gastgewerbe und die politische Enge zunehmend ab.
Entscheidung zur Flucht
Im Herbst 1988 soll Gueffroy zum Grundwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee eingezogen werden – eine Vorstellung, die ihm widerstrebt. Die Einberufung verschiebt sich. Gemeinsam mit seinem Freund Christian Gaudian plant er im Januar 1989 die Flucht nach West-Berlin.
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Ein Bekannter, der seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen ableistet, berichtet den beiden, der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze sei Ende 1988 aufgehoben worden. Zudem erfahren sie, dass sich Anfang Februar 1989 der schwedische Ministerpräsident Ingvar Carlsson zu einem Staatsbesuch in Ost-Berlin aufhalten wird. Sie gehen davon aus, dass während eines solchen Besuchs auf Flüchtlinge nicht geschossen werde – eine Annahme, die sich als falsch erweist. Gueffroy und Gaudian wählen ein Grenzstück am Britzer Verbindungskanal, nahe der Kleingartenkolonie „Harmonie“ in Berlin-Treptow.
Die Nacht der Schüsse
Am späten Abend des 5. Februar 1989 überqueren die beiden den ersten Teil der Grenzanlage. Dabei lösen sie einen Alarm aus. Kurz darauf eröffnen zwei Postenpaare das Feuer. Gueffroy wird von zwei Kugeln getroffen, eine davon ins Herz. Er stirbt im Grenzstreifen. Sein Freund wird verletzt festgenommen.

Blumen liegen an einer Stele am Britzer Zweigkanal. Dort wurde Gueffroy an der Berliner Mauer bei einem Fluchtversuch erschossen. (Foto: Christoph Soeder/dpa)
Zwei Tage später wird Gueffroys Mutter von der Staatssicherheit vernommen. Erst während der Befragung erfährt sie, dass ihr Sohn tot ist. Die Behörden sprechen offiziell von einem „tragischen Unglücksfall“.
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Trotz der Geheimhaltung dringen Berichte über den Vorfall bald nach außen. In West-Berlin entsteht ein Gedenkkreuz, während die DDR-Presse weitgehend schweigt. Gueffroys Beerdigung am 23. Februar 1989 auf dem Friedhof Baumschulenweg findet unter Beobachtung der Staatssicherheit statt.
Die vier beteiligten Grenzsoldaten werden intern gelobt und mit Prämien ausgezeichnet. Gaudian wird wenig später zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt, im Oktober 1989 aber von der Bundesrepublik freigekauft.
Aufarbeitung nach 1990
Nach der Wiedervereinigung erhebt die Berliner Staatsanwaltschaft 1991 Anklage gegen die vier beteiligten Grenzsoldaten. Das Verfahren gegen sie gilt als erster sogenannter Mauerschützenprozess. Im Januar 1992 fällt das Landgericht Berlin sein Urteil: Zwei der Männer werden freigesprochen, ein Dritter erhält eine Bewährungsstrafe. Der Schütze Ingo H., der die tödliche Kugel abfeuerte, wird wegen Totschlags zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Die Mutter von Chris Gueffroy, Karin Gueffroy, geht in Begleitung ihres Anwalts Ulrich Hoffmann im Berliner Landgericht zur Eröffnung des Prozesses gegen die ehemaligen NVA-Soldaten, die im Februar 1989 ihren Sohn an der Berliner Mauer erschossen hatten (Archivbild vom 02.09.1991). (Foto: Andreas Altwein/dpa)
In der Urteilsbegründung heißt es, die Tat habe „ein besonderes Maß an Gefühlskälte und Verwerflichkeit“ gezeigt. Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil 1994 auf und reduziert die Strafe auf zwei Jahre, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Das Gericht verweist auf die militärische Befehlskette, der auch Ingo H. unterlag.
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In den folgenden Jahren werden auch höhere Funktionäre der DDR-Staatsführung angeklagt. 1997 wird Siegfried Lorenz, Mitglied des SED-Politbüros, wegen Beihilfe zum Mord in drei Fällen – darunter Chris Gueffroy – zu 15 Monaten Bewährung verurteilt. Die Verfahren bilden den Auftakt einer langen Reihe juristischer Aufarbeitung der Mauertoten.
Erinnerung und Benennung
Heute erinnern mehrere Gedenkorte an Chris Gueffroy: eine Stele am Britzer Verbindungskanal, eine Gedenktafel an seinem ehemaligen Wohnhaus und ein Kreuz nahe dem Reichstagsufer. Die Britzer Allee trägt seit 2010 seinen Namen, die Brücke über den Kanal seit 2025.

Das Straßenschild der Britzer Allee in Berlin ist überklebt, darüber ist seit dem 13.08.2010 das Schild mit dem neuen Namen der Straße, „Chris-Gueffroy-Allee“, zu sehen. (Foto: Tobias Kleinschmidt/dpa)
Chris Gueffroy war das letzte Opfer, das durch Schüsse an der Berliner Mauer ums Leben kam. Sein Tod steht am Ende eines fast drei Jahrzehnte dauernden Grenzregimes, das mindestens 327 Menschen an der deutsch-deutschen Grenze das Leben kostete.