Vor dem Brandenburger Tor läuft die Auftaktkundgebung einer Großdemonstration gegen das iranische Regime. Derzeit sind 10.000 Teilnehmer vor Ort, sagte ein Sprecher der Berliner Polizei. Angemeldet worden waren 20.000 Teilnehmer.
Mit der Demonstration soll Solidarität mit dem seit Jahrzehnten vom Mullah-Regime brutal unterdrückten iranischen Volk bekundet werden. Außerdem soll so Druck auf die europäischen Regierungen ausgeübt werden, gegen das Regime vorzugehen. Bei der jüngsten Protestwelle im Iran waren Tausende Regimegegner getötet worden.
Tagesspiegel Checkpoint: Berlins beliebtester Newsletter
![]()
Der schnellste Berlin-Überblick von Montag bis Samstag.
Zu den Forderungen der Veranstalter zählt die Schließung aller Teheraner Botschaften in der EU. Zudem fordern sie, den Obersten Führer Ali Khamenei wegen der tausenden toten Demonstranten vor einem internationalen Gericht anzuklagen. Zu den Mitorganisatoren zählt der in Paris ansässige Nationale Widerstandsrat Iran.
Die Demonstration richtet sich „gegen jede Form der Diktatur im Iran“, sagte Sahar Sanaie, Mitorganisatorin des Protests, dem Tagesspiegel am Rande der Demonstration.
Damit stellt sie sich auch gegen eine Rückkehr des Schah-Sohns an die Macht. „Rezan Pahlavi ist kein Hoffnungsträger, er ist ein Opportunist, der sich auf die Welle der Freheitsbewegung draufgesetzt hat“, sagt Sanaie. Er habe sich zudem auf Kosten des iranischen Regimes bereichert. Natürlich könne Pahlavi in freien Wahlen im Iran kandidieren, aber er habe keinen Anspruch auf die Macht geerbt.
Laut dem Deutschen Solidaritätskomitee für einen freien Iran wird die Demonstration von insgesamt 312 iranischen Vereinen aus mehreren europäischen Ländern getragen.
Ein Meer von iranischen Flaggen wehte kurz vor Beginn vor dem Brandenburger Tor. Viele Menschen trugen gelbe Westen mit der Aufschrift „Free Iran“.
Vor dem Brandenburger Tor demonstrieren Menschen gegen das Mullah-Regime im Iran.
© Tsp / Nico Preikschat
Als erste Rednerin sprach die Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran, Maryam Rajavi. Ihre Ansprache hielt sie auf der Bühne, per Video wurde die Rede auf einem Bildschirm übertragen.
Viele Teilnehmer hielten Plakate mit ihrem Gesicht in die Höhe. Rajavi, so erklärte es ein Teilnehmer, solle aus seiner Sicht als Übergangspräsidentin dienen, sobald das Mullah-Regime gestürzt sei. „Aber nur solange, bis das iranische Volk einen neuen Vertreter gewählt hat“, erklärt er.
Rajavi sprach Persisch, eine englische oder deutsche Übersetzung etwa mithilfe von Untertiteln war nicht zu erkennen. Während ihrer Rede brandete immer wieder Applaus auf. Rajavi wirkte zwischendurch sichtlich gerührt, sie schien Tränen zurückzuhalten.
Nach Rajavis Rede wurde die iranische Nationalhymne gesungen. Der Applaus im Anschluss war groß.
Der ehemalige belgische Premierminister und ehemalige Chef des Europäischen Rates, Charles Michel, sprach danach. „Ihr seid der Widerstand des 21. Jahrhunderts“, rief er den Demonstranten zu. Sie seien nicht allein, versprach Michel. „Eure Seite ist unsere Seite und eure Zukunft muss unsere gemeinsame Zukunft werden.“
Europa habe seine Lektion gelernt, sagte er: Es sei eine Illusion gewesen, dass sich das Regime durch Reformen verändern werde, sagt er. Zu schweigen bedeute, sich zu Tätern zu machen.
Der Applaus war deutlich verhaltener als zuvor. Viele Teilnehmer unterhielten sich, während Michel sprach. Und doch erreichte er sie bisweilen. „Gibt es eine Alternative?“, fragte Michel die Teilnehmer dreimal. Er meinte eine Alternative sowohl zum Schah- als auch zum Mullah-Regime. „Ja“, schallt es zurück.
„Wir brauchen eine demokratische Republik“
Was für eine Zukunft für den Iran stellen sich die Demonstranten vor, sollte das Regime fallen? „Wir brauchen eine demokratische Republik“, sagte Reza, ein Mann mittleren Alters. Es brauche freie Wahlen und ein Vielparteiensystem, „eben alles, was Europa hat“. Auch die Todesstrafe müsse abgeschafft werden.
Er sei für diese Demonstration aus Norwegen angereist, erzählte Reza. Eines ist aus seiner Sicht ganz klar: Der älteste Sohn des Schahs, Reza Pahlavi, sei keine Alternative zum Mullah-Regime, er vertrete nicht das iranische Volk. „Sein Vater war ein Diktator, sein Großvater auch“, sagte Reza. „Niemals hat er deren Verbrechen verurteilt.“
Auch andere Demonstranten sind von weit her angereist, um an diesem Tag in Berlin dabei sein zu können. Keivan Najib, der eine „Free Iran“-Mütze trägt, ist aus Belgien gekommen. Er habe Verwandte im Iran, einige davon hätten an den jüngsten Protesten teilgenommen. Er sei im Iran aufgewachsen und im Alter von 33 Jahren nach Belgien ausgewandert.

© Tsp / Nico Preikschat
Vom Schah-Sohn hält der Mann, wie so viele hier, überhaupt nichts. „Wenn das Schah-Regime damals gut funktioniert hätte, wieso hätten die Iraner dann eine Revolution gebraucht?“, fragt er. Die Schah-Dynastie nennt er „faschistisch“. Dass mit Rajavi eine Frau an der Spitze des Widerstands stehe, ist aus seiner Sicht „so wichtig“.
Der ehemalige Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach die „lieben iranischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland“ direkt an. „Sie gehören zu uns“, rief er mit fester Stimme. „Wir werden alles tun, damit Ihr Kampf Erfolg hat“, verspricht Altmaier.
Auch der ehemalige Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) sprach zu den Teilnehmern.
© Tsp / Nico Preikschat
„Es gibt auf der ganzen Welt kein anderes Land, das seine eigenen Bürgerinnen und Bürger so schrecklich behandelt wie das Mullah-Regime im Iran“, sagte er. Alle Hoffnungen auf eine Reform dieses Regimes hätten sich als falsch erwiesen. „Es kann im Iran keinen Frieden und keine Freiheit geben, solange das Mullah-Regime existiert“, sagte Altmaier. Deshalb brauche es einen „Regimewechsel“. „Bravo“, rief jemand.
Die Rede des ehemaligen Kanzleramtsministers kam im Publikum gut an, anders als Michel erntete er mehrmals großen Applaus. „You shall overcome – Sie werden gewinnen“, rief Altmaier gegen Ende den Demonstranten zu. Auf seine Rede folgen „Dankeschön“-Sprechchöre.
Unterstützung vom ehemaligen US-Außenminister
Auch von der anderen Seite des Atlantiks kam an diesem Nachmittag Unterstützung für die Demonstranten. Die Videobotschaft von Mike Pompeo, der zwischen 2018 und 2021 als Außenminister unter Donald Trump diente, war zunächst nicht zu hören: Man sah nur seine Mundbewegungen. Später setzte der Ton doch ein. So Gott wolle, sagt Pompeo, würde das iranische Volk bald frei sein. Das sei auch im Interesse der USA. „Thank you, thank you“, wurde nach seiner Rede gerufen.
„Ihr habt keinen Platz in dieser Welt“, rief die FDP-Politikerin und ehemalige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den Mullahs zu. „Dieses Regime muss isoliert werden.“ Auch sie gab der Menge ein Versprechen: „Wir vergessen nicht, was im Iran passiert.“
„Freiheitsmarsch“ beginnt
Nach zahlreichen Reden setzte sich gegen 15.45 Uhr der „Freiheitsmarsch“ in Bewegung, angeführt von den Trommlern, die sich bereits zu Beginn der Kundgebung lautstark bemerkbar gemacht hatten. „Weg, weg, weg, die Mullahs müssen weg“, riefen die Teilnehmer. Manche Sprechchöre wurden in einer anderen Sprache skandiert, vermutlich Persisch.
Der Großteil der Teilnehmer schien der iranischen Exil-Gemeinde anzugehören. Es kamen aber auch Menschen, die keinen direkten Bezug zum Land haben. Brigitte Knopf und ihre Begleiterin Margrit zum Beispiel. Beide erzählen, dass sie zum ersten Mal bei einer Iran-Demonstration sind.
Brigitte Knopf und ihre Begleiterin Margrit waren mit den gelben Mützen und Schals mit der Aufschrift „Free Iran“ ausgestattet, die sehr viele Teilnehmer trugen. Ein Verein habe diese Accessoires vor Beginn der Demonstration verteilt, erzählen sie.
© Tsp / Nico Preikschat
Magrit zeigte sich erstaunt über die Rolle, die der Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran, Maryam Rajavi, zukommt: „Die wollen eine Frau als Regierende, während das Regime selbst von Männern durchsetzt ist.“ Sie spreche kein Persisch, aber die Reden, die sie verstanden habe, hätten ihr gefallen. Sogar die von Peter Altmaier, für den Margrit hörbar keine große Sympathie hegte. „Der hat die Demonstranten echt unterstützt“, sagte sie. „So eine Rede hätte er ruhig mal früher halten können, als er noch was zu sagen hatte“, warf Knopf ein.
Mehr über die Entwicklung im IranChamenei „sollte sehr besorgt sein“ US-Präsident Trump warnt Irans geistliches Oberhaupt „Widerwärtiger Charakter“ Irans Außenminister attackiert Kanzler Merz und hofft auf Regierungswechsel Nach Tötung von Tausenden Protestierenden Irans Regime erlaubt Frauen nun offiziell das Motorradfahren
Auch Leonard Sehmsdorf war zum ersten Mal bei einer Iran-Demonstration dabei. An einem Stand vor der Technischen Universität Berlin sei dafür geworben worden, erzählt er. Außerdem habe er eine Freundin, die aus dem Iran nach Deutschland geflohen sei. Ihn bewege, „was ich in den Nachrichten über den Iran höre, wie schlimm die Situation dort ist“, sagt Sehmsdorf. Dass so viele Menschen gekommen seien, habe ihn positiv überrascht.
Die Polizei begleitete die Demonstration mit 380 Einsatzkräften.