Während der russische Präsident Wladimir Putin bei zweistelligen Minusgraden in der Ukraine gezielt die Energieinfrastruktur des Landes bombardiert, herrschen zwischen Moskau und Peking gewohnt warme Töne. So sagte der chinesische Verteidigungsminister Dong Jun im Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Andrei Beloussow Ende Januar, man wolle die „strategische Koordination“ zwischen den zwei Ländern stärken und „Hand in Hand arbeiten, um positive Impulse für die globale Sicherheit und Stabilität zu setzen“. Den Krieg gegen die Ukraine haben die zwei Minister selbstverständlich nicht erwähnt.
Doch trotz der nach außen zur Schau gestellten Neutralität Chinas ist längst bestens dokumentiert, dass die Fabriken in der Volksrepublik die Kriegsmaschinerie Wladimir Putins am Laufen halten. Bis zu 80 Prozent der russischen Dual-Use-Güter stammen aus dem Reich der Mitte – von Mikroprozessoren bis zu Ultraschallsensoren.
Artikel über die Ukraine – für Sie recherchiert
Im vergangenen Jahr hat sich die Situation noch weiter verschärft. Seit Russland etwa verstärkt auf sogenannte Glasfaserdrohnen setzt, die besonders resistent gegenüber elektrischen Störsendern sind, hat China umgehend die Lieferung kritischer Komponenten erhöht: Wie die „Washington Post“ berichtete, exportierte Peking allein im August 2025 knapp 530.000 Kilometer Glasfaserkabel und Lithium-Ionen-Batterien im Wert von rund 47 Millionen US-Dollar.
China liefert offenbar Geheimdaten und Technik für russische Angriffe
Im vergangenen Herbst äußerte der ukrainische Geheimdienst erstmals den Verdacht, China könne die Führung in Russland mit Satelliteninformationen über strategische Ziele in der Ukraine versorgen. Auch wurden chinesische Aufklärungsflugzeuge im Westen des Landes ausgerechnet über jenen Orten gesichtet, die von russischen Streitkräften angegriffen worden sind.
Zuletzt hatte Putin mehrfach die hochgefährliche Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ gegen die ukrainische Zivilbevölkerung eingesetzt – ein hochmoderner, balistischer Flugkörper mit Hyperschallgeschwindigkeit, der theoretisch auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden kann. Wie eine aktuelle Recherche der britischen Zeitung „Telegraph“ zeigt, sollen bei der Produktion der „Oreschnik“ ebenfalls chinesische Spezialmaschinen zum Einsatz kommen.

Xi Jinping (l.) und Wladimir Putin bei den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Sieges der Sowjetunion über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.
© Mikhail Korytov/Photo host agency RIA Novosti/AP/dpa | Mikhail Korytov
Viele Experten argumentieren, dass Chinas Parteiführung in erster Linie deshalb Russland tatkräftig unterstützt, weil der Krieg den eigenen Interessen nützt. Moskau ist wirtschaftlich mittlerweile derart abhängig von Peking, dass längst nicht mehr von einer Partnerschaft auf Augenhöhe die Rede sein kann: Und China nützt seine Machtposition etwa aus, indem es die Preise für importiertes Öl und Erdgas aus Russland extrem drückt.
Gleichzeitig dürfte es im Sinn von Staats- und Parteichef Xi Jinping sein, dass der Ukraine-Krieg den gesamten politischen Westen schwächt und auch die außenpolitischen Ressourcen der USA bündelt. Letzterer Punkt lässt sich allerdings seit Donald Trumps zweiter Amtszeit so nicht mehr aufrechterhalten: Der amerikanische Präsident hat schließlich mehr als deutlich gemacht, dass der Krieg in der Ukraine vorrangig ein Problem ist, das die Europäer allein lösen müssen.

Ebenso wird ein wichtiger Aspekt oft übersehen: Nicht nur Russland, sondern auch die ukrainische Armee ist stark von den chinesischen Lieferketten abhängig. Denn Unternehmen aus dem Reich der Mitte liefern en masse jene Waffe, die in diesem Konflikt längst zum wichtigsten Instrument geworden ist: unbemannte Flugdrohnen.
China kann Neutralität vorgeben und gleichzeitig ökonomisch profitieren
„Inmitten des Krieges ist Chinas Dominanz der globalen Drohnenlieferketten sowohl für Russland als auch für die Ukraine strategisch unverzichtbar geworden“, argumentieren die ukrainische Sinologin Vita Golod und der Sicherheitsexperte Dmytro Burtsev im Fachmagazin „Diplomat“. „Nur China bietet derzeit die Produktionskapazität, den Preis und die logistische Flexibilität, die erforderlich sind, um einen solchen Verbrauch aufrechtzuerhalten.“

Vergleichsweise neu ist, dass es sich eigentlich um zivile Produkte handelt, die jedoch mit minimaler Abwandlung in tödliche Kriegswaffen umgewandelt werden können. China schlägt damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Es kann weiter Neutralität vorgeben, da man ja keine Waffen exportiert, und gleichzeitig ökonomisch extrem von den Drohnenverkäufen profitieren.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.

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Doch geht es Peking keineswegs nur um wirtschaftliche Interessen. Tatsächlich kann China durch den massiven Drohnenexport kostbare Lehren daraus ziehen, wie die unbemannten Flugobjekte in einem realen Kriegseinsatz fungieren. „Diese Erkenntnisse prägen bereits Chinas militärische Modernisierung“, schreiben die „Diplomat“-Autoren. Und möglicherweise könnte das neu gewonnene Wissen der chinesischen Volksbefreiungsarmee auch in der Praxis zur Anwendung kommen – etwa wenn Xi Jinping seine militärische Drohung gegenüber der demokratisch regierten Insel Taiwan in die Tat umsetzen sollte.