Auf Instagram und TikTok hat sich Susanne „Susi“ Siegert in den letzten Jahren eine Community mit jeweils über 200.000 Followern aufgebaut. Die wollen mehr wissen als, was man in der Schule über nationalsozialistische Verbrechen lernt. Siegerts Ansatz: historische Orte vor der eigenen Haustür finden, über weniger bekannte Aspekte der Geschichte sprechen. Dazu gehört zum Beispiel die Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Das erzählt sie präzise recherchiert und in zugänglichen kurzen Videos. Zuletzt ging es ums Thema Tätowierungen oder der Herkunft des Slogans „Nie wieder“.
Aus solchen Ansätzen ist ein ganzes Buch entstanden. Die Resonanz darauf sei überwältigend: „Die letzten Monate waren für mich natürlich mega aufregend. Ich sitze sonst sehr viel in meinem Wohnzimmer, recherchiere und drehe Videos und sitze an meinem Laptop. Jetzt bin ich ganz viel unterwegs in ganz Deutschland und rede mit Leuten über mein Buch und lese daraus vor“, berichtet sie.
Eine Stimme, die Perspektiven verschieben will
Siegerts Arbeit hebt sich dabei ab von den geschichtlichen Darstellungen, die häufig Orte wie Auschwitz abbilden und bestimmte Tätergruppen mit bekannten Namen ins Visier nehmen. „Viele setzen diese Täterschaft gleich mit Hitler, Himmler, Heydrich, also diesen Oberbösewichten“, erklärt sie. „Sobald man den Fernseher einschaltet, kommt irgendwo eine Doku über das Thema. Genau deswegen ist das auch mein Slogan zu sagen: Ich spreche über das, was man in der Schule nicht lernt oder eben nicht in TV-Dokus sieht, weil es Geschichten gibt, die damit auch brechen.“ Dazu gehören auch Erlebnisse von Frauen in KZ-Haft, ostdeutsche Narrative und die Vielfalt der Lagergesellschaften, die die erzwungene Zuordnung in die sogenannten Winkel nicht abgebildet hat.
Social Media als Erinnerungsraum
Wer öffentlich – und dann noch als junge Frau – über NS‑Verbrechen spricht, erntet vor allem in der digitalen Welt schnell Gegenwind. Susi Siegert kennt die ganze Palette der Kritik. Es gebe viel konstruktives Feedback und Themenhinweise, aber eben auch Menschen, die ihr Aussehen angreifen oder die sogar den Holocaust relativieren oder leugnen. Ihr Umgang damit ist sehr klar: „Ich lösche ganz viel weg, sperre oder blockiere, weil ich gemerkt habe, da ist gar kein konstruktiver Austausch gewünscht.“ Eine Meldung bei der Plattform oder eine Anzeige bei der Polizei mache sie auch nicht mehr: „Das bringt meistens auch nix und kostet sehr viel Zeit“, so Siegert.
Pirna-Sonnenstein: Ein Tat- und ein Lernort
Im Buch „Gedenken neu denken“ spricht Siegert auch die Euthanasie-Verbrechen an. Die Gedenkstätte Pirna‑Sonnenstein markiert einen zentralen Tatort dieser Verbrechen in Sachsen. In der sogenannten Heil‑ und Pflegeanstalt ermordeten die Nationalsozialisten Anfang der 1940er-Jahre fast 15.000 Menschen, die sie im Sinne der NS‑Rassenideologie als „lebensunwert“ bezeichneten. Die Tötungen fanden in einer Gaskammer im Keller statt.