Auf einem Bett ist die Zudecke so akkurat gefaltet, dass es wie im Hotel aussieht. Ist es frei? Wartet es auf den nächsten Gast? „Nein, da ist nur jemand sehr ordentlich und will es schön haben“, sagt Josephine Lysek, Projektkoordinatorin beim Betreiber Neue Chance gGmbH. Sie führt durch die neu eingerichtete Notunterkunft im Steglitzer Kreisel. Es ist ein Ort, der nicht gerade in einem einladenden Umfeld liegt: zwischen Busbahnhof und Parkhaus, zwischen Schloßstraße und Stadtautobahn, unter einer Baustelle und einem Stahlskelett-Turm. Aber es ist ein Ort, der für viele eins ist: ein Zuhause auf Zeit.

Kältehilfe im Kreisel in Steglitz

Ohne Schild und Ortskenntnis ist die Unterkunft für Obdachlose schwer zu finden.
© Katrin Lange | Katrin Lange

Nachdem die Einrichtung der Kältehilfe in der Bergstraße in Wannsee schließen musste, weil das Gebäude marode ist, hat der Bezirk Steglitz-Zehlendorf lange gesucht, um einen neuen Standort zu finden. Auch im Kreisel ist es nur eine Zwischennutzung für diese Wintersaison, obwohl der Träger hofft, dass es vielleicht noch weitergeht. „Es wäre schön, wenn wir hierbleiben könnten“, sagt die Leiterin der Einrichtung. Die neuen Räume seien „ganz in Ordnung und gut erreichbar für alle, auch für die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen“.

Kreisel Steglitz, Zwischennutzung im Globetrotter, Rebbek Wehner (einer der Organisatoren)

Doch das hängt weder vom Bezirk noch von dem Träger ab. Die Adler Group, Eigentümerin von Hochhaus und Gebäude-Ensemble mit Hotel, Parkhaus und Geschäften, wird die 330 Eigentumswohnungen im Kreisel nicht mehr bauen. Auf jeden Fall nicht allein. Seit Langem sucht sie einen Käufer für das Bauprojekt oder einen Partner, mit dem sie es gemeinsam beendet. Die Verhandlungen laufen, noch wurde kein erfolgreicher Verkauf gemeldet.

Obdachlosenunterkunft ist nur eine Zwischennutzung im Kreisel

So ist es nicht völlig ausgeschlossen, dass es auch weitergehen könnte. Die Obdachlosenunterkunft ist nicht das einzige Zwischennutzungsprojekt, das auf eine Verlängerung hofft. Den ehemaligen Globetrotter-Laden bespielt seit Längerem die Initiative „Zeit ist knapp“ (ZIK) mit verschiedenen kulturellen und sportlichen Angeboten, wie Rollschuh-Disco, Salsa-Tanzabenden, Boxtraining und Ausstellungen. Somit ist zumindest am Fuß der ewigen Baustelle wieder mehr Bewegung und Leben.

Kältehilfe im Kreisel in Steglitz

Angekommen: Der Eingang ist an der Kuhligkshofstraße 5.
© Katrin Lange | Katrin Lange

Doch zunächst läuft der Vertrag für die Notunterkunft bis 30. April. Insgesamt 36 Plätze stehen den Obdachlosen zur Verfügung, vier mehr als zuvor in Wannsee. Es gibt einen Frauenschlafsaal mit sechs Betten und zwei Männerschlafsäle mit zwölf und 18 Betten. Als die Einrichtung in Steglitz im November 2025 eröffnet wurde, blieb der Ansturm, den man erwartet hatte, aus. Immerhin, so dachte man, liegt die Notunterkunft viel zentraler als in Wannsee. Gerade in der Schloßstraße und am Hermann-Ehlers-Platz hat die Zahl der Obdachlosen sichtbar zugenommen.

Kältehilfe im Kreisel in Steglitz

Noch sind die Schilder vom Vormieter zu sehen. Das Randori Kampfsport-Studio nutzte vorher die Räume. Durch das Fenster ist der Speisesaal zu sehen.
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Für die meisten Gäste ist die Unterkunft ein Ersatzzuhause

Etwa 1200 Übernachtungsplätze stehen in Berlin im Rahmen der Kältehilfe zur Verfügung. Doch anders als zum Beispiel am Hauptbahnhof, ist die Einrichtung in Steglitz bis heute nicht überlaufen. Zu 80 Prozent sei die Unterkunft anfangs ausgelastet gewesen, erzählt Lysek. Im November und Dezember, als es noch wärmer war, warteten viele der Gäste stundenlang vor der Eingangstür zur Notunterkunft, bis diese öffnete. Jetzt, bei der Kälte, kommen sie erst kurz vor der Öffnung um 19 Uhr. Bis dahin bleiben sie an wärmeren Orten, wie in der U-Bahn. Seit die Temperaturen eisig wurden, sind die Betten fast immer alle belegt. Ab und zu sei noch eines frei, so die junge Frau. Mit mehr als 90 Prozent würde sie die derzeitige Auslastung beschreiben.

Schloßstraße und Steglitzer Kreisel

Für die meisten Gäste ist es ein Ersatzzuhause, das ist in den Zimmern zu sehen. Da hängen ihre Jacken, die Taschen stehen am Bett, bei den Frauen sind Kosmetikartikel ordentlich im Regal aufgereiht. Viele kommen jeden Abend wieder, darunter viele aus Polen, wenige aus afrikanischen Ländern und aus Deutschland. Bevor sie um 19 Uhr eingelassen werden, sind schon die Mitarbeiter und die Ehrenamtlichen eine Stunde vorher da, um alles vorzubereiten. In der Küche, die in einer Wohnung an der Kuhligkshofstraße untergebracht ist, werden 40 Portionen warmes Abendessen gekocht.

Viele Routinen, aber dennoch auch jeden Tag andere Geschichten

„Jeder Tag schreibt eine eigene Geschichte“, erzählt die Leiterin. Obwohl der Ablauf erst einmal sehr routiniert abläuft. Unten am Eingang ist Taschenkontrolle, Flaschen werden abgenommen und verwahrt. Vier Treppenabsätze höher registrieren sich die Gäste und reservieren auch gleich für den nächsten Tag ihr Bett. Jeden Abend wird Wäsche gewaschen in einer 8-Kilo-Maschine, die immer voll ist.

Kältehilfe im Kreisel in Steglitz

Im Speisesaal ist ein Tisch mit DVDs. Ein Film läuft immer, meistens Action oder Thriller.
© Katrin Lange | Katrin Lange

Um 20 Uhr gibt es Essen. Im Speisesaal steht ein Fernseher, daneben liegt ein Stapel DVDs auf einem Tisch. Meistens wird sofort ein Film eingelegt, sagt Lysek beim Rundgang. Thriller, Action, Klassiker mit Tom Cruise. Für die Gäste sei das ein Stück Normalität. Ein Leben, wie alle anderen es haben: nach Hause kommen, sich waschen, essen, fernsehen, schlafen gehen.

Menschen wollen das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden

Dazu gehört auch das gute Gefühl, gebraucht zu werden. Einmal sei das Waschbecken verstopft gewesen, erzählt Lysek. Bevor sie einen Handwerksbetrieb beauftragte, fragte sie bei den Schlafgästen nach, wer helfen könnte. Einer sah sich das Problem an und löste es mit ein paar Handgriffen. „Kannst mich wieder fragen“, sagte er nach geleisteter Reparatur. Es seien alles gestandene Männer, sehr lebenspraktisch, die sich freuen und stolz darauf seien, helfen zu können, sagt Lysek. Vor allem wollten sie gern etwas zurückgeben.

Kältehilfe im Kreisel in Steglitz

Warten auf die Gäste: Noch sind die Stühle von der Reinigung hochgestellt.
© Katrin Lange | Katrin Lange

Es sind diese Episoden, die jeden Tag anders machen. Natürlich kommt es auch mal zu Konflikten am Abend oder es kehrt schwer Ruhe ein. Um 22 Uhr ist Nachtruhe, dann soll es still sein. Nicht jeder sieht das immer ein. Doch dafür sind jeden Abend drei Betreuer in der Nachtbereitschaft und damit auch in Notfällen da. Manchmal wird in der Nacht auch noch ein Gast von der Straße gebracht.

Viele Ehrenamtliche sind als Ansprechpartner und Betreuer da

26 Ehrenamtliche unterstützen das Projekt, sie kochen, putzen, sind Ansprechpartner. Die Räume mit den neu eingezogenen Zwischenwänden, in denen vorher ein Kampfsportstudio war, sind extrem hellhörig. Anders als in der kleinen, verwinkelten Einrichtung in Wannsee, bekommen die Betreuer jede kleine Auseinandersetzung, jede Ruhestörung sofort mit.

Morgens um sechs Uhr ist die Nacht vorbei. Dann heißt es, aufstehen. Das gefällt nicht jedem. Lysek vermutet auch, dass das der Grund ist, warum manche die Unterkunft nicht zum Übernachten aufsuchen. Von den Schlafsälen aus sieht man auf eine kleine Zeltstadt, die zwischen den S-Bahn-Gleisen und der Autobahnabfahrt entstanden ist. Die Bewohner kommen gelegentlich zum Essen, kehren aber immer zum Schlafen in ihre Zelte zurück, auch bei Frost. Regeln wollen sie nicht.

Nach dem Frühstück geht es wieder raus in die Kälte. Es gab Befürchtungen, dass sich mit der Einrichtung der Kältehilfe eine neue Obdachlosenszene rund um den Kreisel ansiedelt. Schon war vom „Hermann-Elends-Platz“ die Rede. Doch das ist nicht eingetreten. Der Eingang zur Unterkunft ist auf der anderen Seite, etwas versteckt neben der Parkhaus-Einfahrt. Alle gehen in Richtung S- und U-Bahnhof raus, einige sind tagsüber in Schöneberg in einer Tagesstätte für Wohnungslose. In Bibliotheken und Einkaufszentren wollen sie nicht, aus Angst, von der Security rausgeschmissen zu werden. Sie kennen andere warme Ecken.