Wetten sind beim größten Sportereignis der USA nicht unüblich. Jedes Jahr kann man beim Super Bowl nicht nur darauf setzen, wer das Spiel gewinnt, sondern zum Beispiel auch darauf, wie lange die Nationalhymne gesungen wird. Oder welche Farbe das Getränk haben wird, mit dem der Sieger später übergossen wird.
Und in diesem Jahr auch auf Dinge, wie: Wird Bad Bunny beim Super Bowl „Fuck ICE“ sagen? Wird er sich also noch klarer als bei der Grammy-Verleihung („Bevor ich Gott danke, sage ich: ICE raus!“) gegen die berüchtigte Einwanderungspolizei ICE wenden, deren brutale und mitunter tödliche Einsätze die USA erschüttern?
Am 8. Februar spielen beim Finale der amerikanischen American-Football-Profiliga NFL die Seattle Seahawks gegen die New England Patriots. Kick-off ist um 0:30 Uhr deutscher Zeit im Levi’s Stadium in Santa Clara, rund 64 Kilometer von San Francisco entfernt. Und Bad Bunny ist der Star der legendären Halbzeitshow.
Die NFL setzt auf Neutralität
Die Wettplattform Polymarket taxiert die Wahrscheinlichkeit, dass der Musiker aus Puerto Rico tatsächlich „Fuck ICE“ bei seinem Auftritt sagen wird, auf nur neun Prozent (Stand: 5. Februar).
Die NFL bekräftigte bereits vor Tagen, dass der Super Bowl kein Ort für polarisierende politische Aussagen sei. Aber das Spiel hat noch nicht einmal begonnen, da dreht sich bereits alles um Politik.
So haben mehr als 180.000 Menschen eine Petition unterschrieben, die von der NFL fordert, ICE aus dem Stadion fernzuhalten. Auch wenn die Liga zusagte, dass es rund um das Spiel keine Razzien von ICE gegen Migranten geben soll, bleiben lokale Politiker in der Region San Francisco skeptisch.
Bad Bunny ist wohl die politisch aufgeladenste Figur bei diesem Super Bowl. Der Top-Act der Halbzeitshow ist ein bekannter Kritiker von Präsident Donald Trump und hat sich schon vor seiner deutlichen Rede bei der Grammy-Verleihung mehrfach gegen dessen harten Kurs in der Einwanderungspolitik ausgesprochen.
Vor allem Republikaner reiben sich zudem daran, dass Bad Bunny, mit bürgerlichem Namen Benito Antonio Martínez Ocasio, hauptsächlich auf Spanisch singt. Einer Umfrage der Quinnipiac University zufolge finden nur 16 Prozent die Wahl von Bad Bunny als Star für den Super Bowl akzeptabel. 63 Prozent kritisieren die NFL dafür.
Republikaner sprechen vom „Woke Bowl“
Auch sonst ist die 60. Ausgabe des NFL-Finales sehr demokratisch geprägt. Neben Bad Bunny spielt im Vorprogramm die Rockband Green Day, die sich seit Jahren kritisch über Trump und seine Maga-Bewegung äußert. Gespielt wird zudem im „blauen“, also demokratischen Bundesstaat Kalifornien.
Konservative Politiker haben dem diesjährigen Super Bowl deshalb spöttisch den Spitznamen „Woke Bowl“ verpasst. Präsident Trump hat angekündigt, dem Endspiel fernzubleiben. Bad Bunny als Top-Act nannte er eine „schreckliche Wahl“.
Parallel zur offiziellen Halbzeitshow organisiert die rechtskonservative Organisation „Turning Point USA“ eine eigene „All-American Halftime Show“ als Gegenprogramm. Stargast hier ist Trump-Fan Kid Rock. Vizepräsident J. D. Vance machte auf der sozialen Plattform X sogar Werbung dafür. Vance steht „Turning Point“ sehr nahe, er war mit dem Gründer, dem bei einem Attentat getöteten Charlie Kirk, befreundet.
„Bad Bunny wird im Kleid auftreten und Spanisch singen? Wir werden großartige Lieder spielen für Leute, die Amerika lieben“, verspricht Kid Rock.
Die Chance, dass Bad Bunny tatsächlich einen Rock oder ein Kleid tragen wird, liegt laut Polymarket bei 14 Prozent.
Die Trikots berühmter Spieler sind rund um das Finale in San Francisco ausgestellt.
© Reuters/Kirby Lee
Auch wenn Wetten dieser Art recht neu sind: Vieles am Super Bowl und seinen Halbzeitshows war schon immer politisch.
2002 trat die Band U2 auf und gedachte der Opfer der Terroranschläge von 9/11. 2009 machte die NFL die Nationalhymne zum Bestandteil der Zeremonie. Parallel begann die zunehmende Militarisierung des gesamten Events: So fliegen zur Eröffnung des Finales inzwischen traditionell US-Kampfjets über das Stadion.
Donald Trump hat den Prozess der Politisierung noch verstärkt. Als der Quarterback Colin Kaepernick 2016 aus Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus während der Nationalhymne kniete und andere Spieler es ihm gleichtaten, führte das erst einmal zu Debatten innerhalb der NFL.
Colin Kaepernick (Mitte) und andere Spieler knien während der Nationalhymne im Stadion im Oktober 2016.
© Imago/Zuma Press/Nhat V. Meyer
Doch im Herbst 2017 griff Trump das Thema öffentlich auf und verlangte von den Besitzern der NFL-Klubs, niederkniende Spieler zu entlassen. Der Präsident unterstellte ihnen mangelnden Patriotismus – und machte so aus der Geste endgültig eine Frage von Loyalität zur Nation.
Die Liga zog daraus Konsequenzen: Seit Trumps Eingreifen in die Kniefall-Proteste gilt politische Haltung als Geschäftsrisiko, schaden solche Debatten doch dem Image. Und so entfernte die NFL den Schriftzug „End Racism“ von den Spielfeldern – zu einer Zeit, als Trump gerade sämtliche Diversitätsprogramme aufgekündigt hatte.
Die NFL will die Fanbase erweitern
Angesichts dieser Vorgeschichte überrascht es, dass die NFL am Sonntag ausgerechnet einen so bekannten Trump-Gegner auf die größte Bühne lässt – und doch ergibt das Sinn.
Denn für die Liga ist die Wahl von Bad Bunny hauptsächlich eine Geschäfts- und Wachstumsentscheidung. Intern habe schnell Einigkeit geherrscht, „mitzugehen“, weil das übergeordnete Ziel globale Reichweite sei, zitierte der Sportsender ESPN einen NFL-Funktionär.
Der Auftritt von Bad Bunny helfe, sagte der Funktionär demnach weiter, „ein zentrales Geschäftsziel zu erfüllen: den Ausbau des internationalen und des Latino-Publikums“, das die Liga selbst als kritisches Wachstumsumfeld bezeichnet. Entsprechend versteht die NFL die Halbzeitshow nicht als politische Stellungnahme, sondern als Teil ihrer Internationalisierungsstrategie.
Im Levi’s Stadium in Santa Clara findet der Super Bowl statt.
© dpa/AP/Godofredo A. Vásquez
Auch von den Spielern dürften politische Statements nicht zu erwarten sein. Es gibt gute Gründe dafür: Wer Haltung zeigt, riskiert Verträge, Sponsoren – und im Zweifel die ganze Karriere.
Das erklärt dann auch, warum sich die Politisierung dieses Super Bowls vor allem außerhalb der eigentlichen Show abspielt: in Petitionen, Boykottaufrufen und Gegenveranstaltungen.
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Am Ende steht ausgerechnet eine Wette sinnbildlich für diesen Zustand: Nicht darauf, ob Politik eine Rolle spielt, sondern nur darauf, ob jemand etwas dazu sagt.
Laut Polymarket besteht eine 44-prozentige Chance, dass jemand – wer auch immer – beim Super Bowl die Worte „ICE“ oder „Border Patrol“ auf der Bühne aussprechen wird.