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Rendsburg (Schleswig-Holstein) – Sie sind ziemlich beste Freunde: Jerome Rieper (39) und Andreas Kolvitz (42) trafen sich vor sechs Jahren zum ersten Mal an einem Kiosk in Berlin. Damals ahnten der ehemalige Immobilienmakler und der ehemalige Obdachlose nicht, dass diese Begegnung ihr Leben verändern würde. Heute leben die beiden Männer zusammen in Deutschlands wohl ungewöhnlichster Wohngemeinschaft. BILD besuchte sie dort.

Andreas „Andi“ Kolvitz schläft heute in einem Bett. Er wacht ohne Zittern auf, ohne Angst. Vor sechs Jahren wäre das undenkbar gewesen. Damals übernachtete er dort, wo gerade Platz war. Auf Spielplätzen, in Tunneln, zwischen Autos und Hecken. Immer mit der Sorge, verprügelt oder angezündet zu werden. „Beides ist mir schon passiert“, sagt er.

Der alte Jerome 2019: Als Immobilienmakler und Workaholic trug er immer Anzug. Viel Geld, wenig Leben – bevor er alles änderte. „Zum Besseren“, sagt er heute

Der alte Jerome 2019: Als Immobilienmakler und Workaholic trug er immer Anzug. Viel Geld, wenig Leben – bevor er alles änderte. „Zum Besseren“, sagt er heute

Foto: Privat

Überleben statt Leben

Fast zwanzig Jahre lebte Andi auf der Straße. Heroin bestimmte seinen Alltag. Um durchzukommen, bettelte er – und schnorrte sich Fahrscheine, die er für ein paar Euro weiterverkaufte. Mindestens 80 Euro brauchte er jeden Tag. Seine damalige Freundin war auch abhängig. Ihre beiden Kinder, heute 17 und 20, wuchsen in Pflegefamilien auf.

Zur gleichen Zeit führte Jerome Rieper in Berlin-Moabit ein Leben auf der Überholspur. Immobilienmakler, rund 150.000 Euro Jahresgehalt. Anzug selbst im Homeoffice. Viel Geld, keine Freunde. Jeden Tag holte er sich seinen Kaffee in dem Laden neben dem Späti an der U-Bahn-Station Birkenstraße. Genau dort stand Andi.

Hier begann alles: Vor diesem Kiosk in Berlin-Moabit trafen sich Jerome und Andi zum ersten Mal. Eine zufällige Begegnung, aus der zwei neue Leben wurden

Hier begann alles: Vor diesem Kiosk in Berlin-Moabit trafen sich Jerome und Andi zum ersten Mal. Eine zufällige Begegnung, aus der zwei neue Leben entstanden

Foto: Privat

Andi fällt auf, weil er nicht auffällt

Während Jerome in der Corona-Zeit vor dem Kiosk Masken verteilte, fiel ihm ein Mann mit Käppi und Hoodie auf. Drei Bier zum Frühstück. Aber kein Gebrüll, kein Gepöbel wie bei vielen anderen dort. Andi bedankte sich höflich für die Maske. Ein leiser Typ.

Als Jerome mitbekam, dass Andi obdachlos ist, machte er ihm ein Angebot. Kein großes Versprechen. Nur zwei Wochen. Jerome war in dieser Zeit selbst nicht in Berlin, seine Wohnung stand leer. Andi durfte rein. Warm. Sicher. Mit Tür zum Abschließen. „Irgendwie hatte ich ein Grundvertrauen in ihn“, sagt Jerome.

Vom Sofa zur Matratze: Erst nach Wochen traute sich Andi, bei Jerome vom Sofa auf eine Matratze umzuziehen – aus Angst, sich an etwas zu gewöhnen, das er wieder verlieren könnte.

Erst nach Wochen traute sich Andi, bei Jerome vom Sofa auf eine Matratze umzuziehen – aus Angst, sich an etwas zu gewöhnen, das er wieder verlieren könnte

Foto: Privat

Als er zurückkam, war alles noch da. Der Fernseher. Die Möbel. Und Andi. Da fällte er eine Entscheidung, die alles veränderte: Andi durfte bleiben, ohne Frist. Alle rieten ihm davon ab, doch Jerome machte es trotzdem. Einfach, weil er Andi mochte und ihn nicht fallen lassen wollte. Für Andi fühlte es sich wie ein Wunder an. „Ich konnte endlich wieder in Shirt und kurzer Hose schlafen“, sagt er.

Vor dem Jobcenter-Termin: Andi wird neu eingekleidet. Noch ist er krankgeschrieben wegen einer schweren Beinwunde und Rückenproblemen. Ein Aushilfsjob, etwa im Tierheim oder Supermarkt, ist für ihn vorstellbar

Vor dem Jobcenter-Termin: Andi wird neu eingekleidet. Noch ist er krankgeschrieben wegen einer schweren Beinwunde und Rückenproblemen. Ein Aushilfsjob, etwa im Tierheim oder Supermarkt, ist für ihn vorstellbar

Foto: Privat

Hilfe ist kein Sprint

Jerome glaubte an den schnellen Ausstieg aus der Drogenszene. Ein Irrtum. Rückschläge prägten den Alltag, das Zusammenleben kostete Kraft. Doch Aufgeben kam für ihn nicht infrage. Erst nach einem Jahr schaffte Andi es zum Jobcenter, erst 2022 folgte der Entzug in einer Klinik. 2024 verließen beide Berlin und zogen zusammen nach Westerrönfeld in Schleswig-Holstein, Jeromes Heimat. „Ich habe zum ersten Mal Berlin verlassen. Überall Natur, keine U-Bahn, aber eben auch kein schlechtes Umfeld mehr“, sagt Andi.

Andi muss immer noch lernen, wie Alltag funktioniert. Deswegen schnibbeln Jerome und er regelmäßig zusammen in der Küche und kochen etwas

Andi muss immer noch lernen, wie Alltag funktioniert. Deswegen schnibbeln Jerome und er regelmäßig zusammen in der Küche und kochen gemeinsam

Foto: Sybill Schneider

Er bereue keine seiner Entscheidungen, versichert Jerome heute: „Wir sind wie Brüder, beste Freunde. Es macht mich glücklich, ihn so zu sehen.“ Andi ist clean, nimmt täglich Methadon, will aber auch davon loskommen. Er hat wieder Kontakt zu seinen Kindern. Sie nennen ihn „Papa“. Mit seiner Tochter, seinem „Engelchen“, telefoniert er jeden Tag.

Dieser Teddy ist der einzige Gegenstand, auf den Andi immer aufgepasst hat – gedacht für seinen Sohn. Zu seinen Kindern hat er wieder Kontakt, seine drei Geschwister hat er seit über 20 Jahren nicht gesehen und konnte sie auch nicht ausfindig machen. Er hofft, dass sie sich bei ihm melden

Dieser Teddy ist der einzige Gegenstand, auf den Andi immer aufgepasst hat – gedacht für seinen Sohn. Zu seinen Kindern hat er jetzt wieder regelmäßig Kontakt

Foto: Sybill Schneider

Teil des neuen Alltags: Methadon im Safe. Das Ersatzmedikament hilft Andi, ohne Heroin zu leben und den Entzug stabil zu halten. Einmal pro Woche muss er zur Urinkontrolle zu seiner Ärztin

Teil des neuen Alltags: Methadon im Safe. Das Ersatzmedikament hilft Andi, ohne Heroin zu leben und den Entzug stabil zu halten. Einmal pro Woche muss er zur Urinkontrolle zu seiner Ärztin

Foto: Sybill Schneider

Jerome hat Berlin und das große Geld hinter sich gelassen. Mittlerweile arbeitet er bei der Hotline eines Pannenservices, hat ein gesundes Privatleben – und ist zufrieden.

Ihre ungewöhnliche WG haben sie in dem Buch „Zwei neue Leben“ (YES Publishing) festgehalten. Doch bald beginnt ein neues Kapitel. In einem halben Jahr zieht Jerome mit seiner Freundin ein Dorf weiter. Andi bleibt in der gemeinsamen Wohnung. Er weiß, dass er Jerome im Alltag sehr vermissen wird – aber er weiß auch: Ohne ihn wäre er nie hier angekommen.

Zwei Männer, zwei Wege, ein Wendepunkt: Das Buch „Zwei neue Leben“ (YES Publishing) erzählt die Geschichte von Jerome Rieper und Andreas „Andi“ Kolvitz

Zwei Männer, zwei Wege, ein Wendepunkt: Das Buch „Zwei neue Leben“ (YES Publishing) erzählt die Geschichte von Jerome Rieper und Andreas „Andi“ Kolvitz

Foto: Sybill Schneider