Kiel. Einen „Schildbürgerstreich“ nennt die Holtenauer Ortsbeiratsvorsitzende Martina Starke (SPD) das Vorhaben der Stadt Kiel, die Immelmannstraße in eine Fahrradzone mit Einbahnstraßenregelung umzuwandeln. Marla Wolframm, kommissarische Radverkehrsbeauftragte, die die geplante Maßnahme im Ortsbeirat Holtenau vorstellte, bekam nicht nur den Unmut des Gremiums, sondern auch den der Bürgerinnen und Bürger zu spüren.
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Laut Zählungen der Stadt aus dem Jahr 2021 überwiegt in der 3,55 Meter breiten Immelmannstraße mit 55 Prozent noch der Kfz-Verkehr gegenüber dem Radverkehr mit 45 Prozent. Die Spitzenzeiten bei den Pkw sind von 10 bis 11 Uhr und von 16 bis 17 Uhr – beim Radverkehr von 7 bis 8 Uhr. „Wir schauen uns einen Straßenabschnitt vollkommen unvoreingenommen an“, sagte Wolframm zum weiteren Vorgehen. Dabei würden die Gefahrenquellen für alle Verkehrsteilnehmer betrachtet.
Stadt Kiel erkennt fünf Gefahrensituationen im Bereich der Immelmannstraße
Bei mehreren Ortsterminen der Straßenverkehrsbehörde und des Tiefbauamtes wurden im Bereich der Immelmannstraße fünf Gefahrensituationen erkannt: unter anderem die Missachtung der „Rechts vor Links“-Regelung am Dittmarweg und der Hirtstraße durch Rad- und Autofahrer. Zudem sei aufgrund dicht parkender Autos die Sicht für Fußgänger, die die Straße queren, schlecht. Gleichzeitig sei der Begegnungsverkehr von Autos untereinander sowie von Rädern und Autos nur mit Ausweichen in Parklücken möglich. Und letztlich gibt die Stadt an, dass auch sich plötzlich öffnende Autotüren (Dooring) eine Gefahr für Radfahrer bergen.
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Das Vorhaben gleicht einem Schildbürgerstreich.
Martina Starke (SPD), Vorsitzende im Ortsbeirat Holtenau
Schließlich wurden 23 mögliche Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit überprüft. Abgesehen von der Umwidmung in eine Fahrradzone im Bereich der Immelmannstraße möchte die Stadt Kiel dort auch eine Einbahnstraßenregelung von Nord nach Süd einrichten. Sie soll hinter dem „Haus der Hilfe“ beginnen und bis zur Hirthstraße reichen. Zudem dürfen nur noch Anlieger in die Zone einfahren. An zwei Stellen soll für Fußgänger in der Immelmannstraße eine barrierefreie Möglichkeit geschaffen werden, die Straße zu queren.
Die Planungen kamen weder beim Ortsbeirat in Holtenau noch bei den Bürgern gut an. „Das höre ich zum ersten Mal“, sagte Starke erstaunt. Da sei wohl etwas schiefgelaufen in der Kommunikation. „Wir sind überrumpelt worden.“ Es fehle sowohl eine Bürgerbeteiligung als auch rechtzeitige Informationen an den Ortsbeirat, beklagt Starke.
Ihr Parteikollege Manfred Heller sagte hingegen: „Es hat doch dort alles gut funktioniert.“ Auf die Frage nach der Unfallhäufigkeit antwortete Wolframm: „In so kleinen Straßen findet man gar nichts.“ Darauf reagierten die Anwesenden umso ungehaltener. „Es ist schon kurios, einen solchen Arbeitsumfang nur anhand von Möglichkeiten in Gang zu setzen. Das bezahle ich und auch Sie“, sagte ein Holtenauer.
SSW hält Planungen für skandalös: „keine belegte Unfallhäufigkeit“
Neben der fehlenden Kommunikation und dem Unverständnis für die Maßnahme stand vorwiegend die Mehrbelastung der noch schmaleren Hirth- und Lilienthalstraße in der Kritik. Denn wer im Dittmarweg wohnt, muss künftig über die beiden Straßen einfahren und nicht mehr über die Immelmannstraße. Das gilt auch für alle Patienten, die zur Arztpraxis in der Immelmannstraße möchten. Durch das höhere Verkehrsaufkommen in der Hirth- und der Lilienthalstraße entstehen nach Ansicht des Ortsbeirates „andere Gefahrenquellen in den umliegenden Straßen“. Denn auch diese werden von Radfahrern und Kindern genutzt, um zur Sporthalle der Grundschule zu gelangen.
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Ortsbeirat, SSW- und CDU-Fraktion sehen deshalb noch Diskussionsbedarf. Der für Holtenau zuständige SSW-Ratsherr Marvin Schmidt empfindet es als skandalös, dass die Politik erst so spät von der Planung erfahren hat. „Dabei gibt es weder eine belegte Unfallhäufung noch erkennbare Konflikte zwischen Rad- und Kfz-Verkehr. Dennoch wird seit Jahren mit erheblichem Aufwand an einer Lösung gearbeitet, obwohl es im Stadtteil deutlich gefährlichere Verkehrsschwerpunkte gibt. Das ist nichts anderes als eine Verschwendung von Zeit, Geld und personellen Ressourcen“, teilte er mit. Auch CDU-Ratsfrau Claudia Büsgen sieht „Klärungsbedarf hinsichtlich der konkreten Datengrundlage und der Bewertungskriterien“.
Schmidt schlug zudem eine Alternative vor: „Sinnvoller wäre es, den Radverkehr konsequent zu trennen und die Veloroute entlang der Auffahrt zur Bundesstraße 503 zu führen. Dort ließe sich eine leistungsfähige und sichere Lösung für den Radverkehr schaffen, ohne den gesamten Stadtteil unnötig zu belasten.“
KN