Liebe Leserin, lieber Leser,

ich
weiß: Die Welt hat andere Sorgen. Bitte sehen Sie mir nach, dass ich
Ihnen trotzdem noch einmal mit dem Radfahren im Winter komme. Es gibt
so selten Gelegenheit, dies Thema aufzugreifen.

Wobei
das Wort „Sorgen“ in eine falsche Richtung führt. Die Eis- und
Schneeberichterstattung dieser Tage hat einen sorgenvollen Ton
angenommen, der wenig Raum für anderes lässt. Glätte, Verletzte,
Streusalz, Räumpflichtmissachtung – natürlich gibt es das alles
wirklich. Aber ein bisschen mehr hat ein Ausnahmewinter wie dieser
schon zu bieten, finde ich.

Letzte
Woche habe ich endlich getan, wovor ich mich lange gedrückt hatte:
Ich habe Spikesreifen auf die Felgen meines Alltagsrads gezogen. Die
Arbeit ist lästig, und wirklich praktisch sind Spikes nicht. Die
Straßen sind ja fast überall freigesalzen, da knattern sie
unangenehm, kosten Kraft und nutzen sich ab. Aber natürlich können
sie an einigen Stellen auch sehr nützlich sein, zum Beispiel auf den
vereisten Nebenstraßen meines Wohnviertels.

Vor
allem aber verbinde ich mit Spikes durchaus vergnügliche
Erinnerungen: Fahrten über zugefrorene Seen, Fahren im Wiegetritt
durch ein schneeweißes Alstertal mit Kindern auf einem Schlitten
hinter mir. Weniger vergnüglich, aber im Rückblick kurios: Einmal
habe ich bei Glatteis allein durch meinen Anblick einen Fahrradunfall
verursacht. Ein anderer Radfahrer sah mich und nahm irrtümlich an,
wo ich problemlos fahren konnte, könne er es auch.

© ZON

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Elbvertiefung – Der tägliche Newsletter für Hamburg

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Lange
her. Vor vielen Jahren hatte meine Familie ein Winterrad, dessen
Spikes nie herunterkamen. Dann wurde es Routine, im Winter
Spikesreifen zu montieren. In der Fahrradwerkstatt in meiner
Nachbarschaft gab es einen Vorrat Ersatzspikes, weil die sich
gelegentlich lösten und niemand in so einem Fall gleich einen teuren
neuen Reifen kaufen wollte. Inzwischen liegen in derselben Werkstatt
ungenutzte Spikesmäntel auf dem Stapel alter Reifen, von dem alle
sich bedienen können. Meine eigenen Spikesreifen waren dorthin
gewandert, die einiger Nachbarn ebenfalls. Ein kleiner Hinweis
darauf, wie wärmere Winter unseren Alltag verändern.

Nun
ist es ausnahmsweise kalt. Gestern war ich wieder im Alstertal
unterwegs. Und, was soll ich sagen: Schön war es!

Ihr
Frank Drieschner

PS: Ein Fisch-Logo zum Einstieg? Blaue Links im Text? Falls Sie sich heute etwas wundern: Die Elbvertiefung hat ein kleines Update bekommen. Statt wie bisher drei finden Sie zum Beispiel ab jetzt fünf kurze Meldungen, dafür entfällt der Bereich „In aller Kürze“, und aus der Rubrik „Der Satz“ wird „Schon gelesen?“. Der Kern der Elbvertiefung aber bleibt natürlich, wie Sie ihn kennen.

WAS HEUTE WICHTIG IST

© Virginie Surdej/​picture alliance/​dpa/​Berlinale

Hamburg
baut 2026 mehr
als 10.000 Unterkunftsplätze für Geflüchtete ab.

Das berichtet der NDR mit Verweis auf eine Anfrage der Linksfraktion.
Betroffen seien neben Hotelplätzen auch große Unterkünfte – etwa
in Harburg und der City Nord. Der Senat begründet die Schließungen
mit Sanierungsarbeiten, zugleich seien rund 800 neue Plätze geplant.

Hamburgs
Bürgermeister Peter Tschentscher wirft dem maritimen Koordinator der
Bundesregierung, Christoph Ploß, vor, sich nicht entschlossen genug
für mehr Bundesmittel
für die Häfen
einzusetzen.
Der Bund zahlt bislang 38 Millionen Euro jährlich für alle
Seehäfen, die Küstenländer fordern rund 500 Millionen. Die CDU
weist die Kritik zurück.

Am
Freitagabend ist ein 24-Jähriger im Stadtteil Eißendorf von
fünf maskierten Männern angegriffen
und
so schwer verletzt worden, dass er später starb. Er war zu Fuß
unterwegs, als er im Bereich der Bushaltestelle Eißendorfer
Straße/Mehringweg attackiert wurde. Die Mordkommission ermittelt,
das Motiv ist laut Polizei unklar.

Umweltbehörde
und Polizei warnten erneut davor, Eisflächen
auf Alster, Kanälen und Parkteichen

zu betreten. Trotz Minusgraden seien die Eisdecken oft nur wenige
Zentimeter dick und brüchig – es bestehe akute Einbruch- und
Lebensgefahr. Eltern sollten Kinder sensibilisieren, auch Hunde seien
fernzuhalten.

Die
Hamburger CDU-Fraktion will alle kinderärztlichen
U-Untersuchungen bis zum sechsten Lebensjahr verpflichtend

machen. Der Senat soll eine landesgesetzliche Regelung samt
Einladungs- und Nachverfolgungssystem erarbeiten, heißt es in einem
Antrag, den die Fraktion in die Bürgerschaft einbringen will. Ziel
sei ein verbindlicherer Kinderschutz.

AUS HAMBURG

© Virginie Surdej/​picture alliance/​dpa/​Berlinale

„Dieser Film war wie eine Therapie für mich“

Die
Regisseurin Shahrbanoo Sadat ist ein Ausnahmetalent: Im Alter von 20
Jahren drehte sie ihren ersten Kurzfilm, und nun wird ihr dritter
Film „No Good Men“ am 12. Februar die Berlinale eröffnen. Sadat
lebt in Hamburg, ihr Film wurde teils hier gedreht und von der
Moin!-Filmförderung finanziert. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat sie
zum Gespräch getroffen, lesen Sie hier einen Auszug aus dem
Interview.

DIE
ZEIT:

Frau Sadat, No
Good Men
ist die Geschichte einer jungen alleinerziehenden Mutter, die bei
einem Fernsehsender in Kabul arbeitet. Wie viel von dem Film
ist Ihre eigene Geschichte?

Shahrbanoo
Sadat:

Alle meine Filme sind meine Geschichte. Ich habe aber auch einen Teil
der Geschichte von Anwar Hashimi einfließen lassen, der die andere
Hauptrolle spielt. Anwar war zehn Jahre lang Fernsehproduzent für
Wirtschaftsnachrichten. Ich selbst habe von 2009 bis 2014 beim
Fernsehen gearbeitet, unter anderem für eine Kochsendung. Mein
damaliger Manager war der Meinung, dass Frauen und Kochen gut
zusammenpassen. Ich hasse Kochen. Ich hasste diese Sendung, ich
hasste den Koch, ich hasste den Moderator, ich hasste das ganze
Konzept. Sie redeten so sexistisch, und es war einfach völlig
irrelevant. Ich litt darunter. Aber ich musste ja meine Rechnungen
bezahlen. Und für mich als junge Frau war es eine gute Gelegenheit,
bei diesem sehr renommierten Fernsehsender zu arbeiten. Parallel dazu
entwickelte ich meine eigenen Projekte.

ZEIT:
Haben Sie bereits damals Anwar Hashimi kennengelernt und beschlossen,
eine fünfteilige Filmreihe zu drehen?

Sadat:
Wir haben uns tatsächlich im Café der Kantine des Senders
getroffen, und dann erzählte er mir, dass er seine Lebensgeschichte
aufschreiben möchte. Ich sagte: „Okay, machen wir einen Deal. Du
schreibst von nun an jeden Tag acht Seiten und schickst sie mir per
E-Mail, damit ich kontrollieren kann, dass du deine Arbeit machst.“
Am nächsten Tag waren acht Seiten in meinem Posteingang, und
innerhalb eines Jahres hatten wir 800 Seiten gesammelt. Ich war sehr
beeindruckt, weil er sehr ehrlich und authentisch über sein Leben
berichtete. Er schrieb über die Geschichte Afghanistans, über
Dinge, die ich nicht wusste, weil wir in unseren Schulen keinen
Geschichtsunterricht hatten. Durch Anwars Text habe ich mich in
Afghanistan verliebt und ihm gesagt: „Ich werde daraus fünf Filme
machen.“

ZEIT:
No
Good Men
spielt im April 2021, kurz bevor die Taliban erneut das Land
übernehmen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Sadat:
Ich bin ein sehr verträumter Mensch, ich habe keinen Bezug zur
Realität, ich habe meine eigene. Als ich am Drehbuch zu No
Good Men
schrieb, war ich in dieser rosaroten Welt, arbeitete an dieser
romantischen Komödie und an dem ersten Kuss in der afghanischen
Filmgeschichte. Und dann fuhr ich mit einem Journalisten, den ich
während meiner Recherchen kennengelernt hatte, zum Präsidentenpalast
und flog mit dem Hubschrauber des Verteidigungsministers zu den
Kampfeinheiten. Der Journalist versuchte, den Menschen Hoffnung zu
machen, er sagte: „Es wird Wahlen geben, auch wenn die Taliban
kommen.“ Tatsächlich bereitete er schon mit seiner Familie die
Flucht vor.

„No
Good Men“ wurde unter anderem in Hamburg gedreht – denn hier fand
Shahrbanoo Sadat eine Kulisse, die der Innenstadt von Kabul ähnelt.
Wo genau das war, warum die Regisseurin Hamburg anfangs nicht mochte
und wie es ihr heute hier ergeht, lesen Sie weiter in der ungekürzten
Fassung auf zeit.de.→ Zum
Artikel (Z+)

SCHON GELESEN?

© Christian Schumacher/​BUND Hamburg

Die Baumschützer planen schon Sitzblockaden

Im
Stadtteil Wilhelmsburg will die Stadt zehn Hektar Wald abholzen,
damit dort Wohnungen gebaut werden können. Ist das noch zeitgemäß?

Zum
Artikel (Z+)

DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN

Das
Museum am Rothenbaum bietet neuerdings einmal im Monat
Taschenlampenführungen für BesucherInnen ab fünf Jahren an. Nach Ende der regulären
Öffnungszeiten erkunden die Teilnehmenden die Ausstellungsräume im
Dunkeln und können die Exponate im Schein der Taschenlampe neu
entdecken.

Taschenlampenführung,
14.2., 18 Uhr, MARKK, Rothenbaumchaussee 64; Taschenlampen sind vor
Ort erhältlich; eine
Anmeldung ist online möglich

MEINE STADT

Winterschollen © Liisa Kleemola

HAMBURGER SCHNACK

Zwei
Freundinnen im Gespräch: „Bei Schnee- und Eisglätte fährst du
immer noch Fahrrad?! Wow!“ – „Ja, und ich habe sogar Vorteile
entdeckt. Es finden sich überall freie Plätze, um das Fahrrad
anzuschließen – selbst direkt vor dem Sportcenter.“ – „Klar,
das kann man feiern. Vorausgesetzt, man kommt heil an.“

Gehört
von Monika Schleith

Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.