Es könnte ein idyllischer Ort inmitten der hektischen Stadt sein: der alte städtische Friedhof Lichtenbergs an der Gotlindestraße. Eingeschlossen von Neubausiedlungen an der Ruschke- und Bornitzstraße dringt der Verkehrslärm nur gedämpft auf das grüne Areal vor, das sich in Sichtweite der ehemaligen Stasi-Dienstgebäude an der Gotlindestraße befindet. Brombeerbüsche umranken verwitterte Grabsteine, Sonnenstrahlen durchdringen die Baumkronen und Insekten nutzen die wuchernden Sträucher und hohen Wiesen als sicheren Rückzugsort. Doch die Idylle kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Teile des Friedhofs seit der Wende in einem beklagenswerten Zustand befinden. Alle Infos zu dem Lost Place.

Lost Places

Das sind die Fakten zum Friedhof Gotlindestraße im Überblick:

  • Adresse: Gotlindestraße 80, 10365 Berlin-Lichtenberg
  • Geschichte: 1886 als Städtischer Friedhof angelegt; 1890 um eine Friedhofskapelle und 1900 um ein Verwaltungsgebäude ergänzt; Anfang der 1970er-Jahre wurde der Friedhof geschlossen; in der Wendezeit kam es zu Einbrüchen und Totenruhestörungen auf dem Gelände
  • Führungen/Zugänglichkeit: Der ehemalige Friedhof ist als Gartendenkmal öffentlich zugänglich
  • Denkmalschutz: Objekt-Nr. 09045898
  • Status: Lost Place. Das Gebäude der ehemaligen Friedhofsverwaltung wird heute von einer Abteilung des Bezirksamtes Lichtenberg und einer Berufsbildungsstätte des Bezirks für Gärtner genutzt; die ehemalige Friedhofskapelle und die Erbbegräbnisstätten sind dem Verfall preisgegeben, aber es gibt Pläne, das Gelände als Naherholungsgebiet zu erschließen

Wo liegt der Friedhof Gotlindestraße genau?

Der ehemalige Friedhof Gotlindestraße liegt an der Adresse Gotlindestraße 80 im Ortsteil Lichtenberg des gleichnamigen Bezirks. Die Google-Koordinaten (Open-Location-Code) für das Grundstück lauten: GF9R+FC Berlin. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Standort am besten mit den Buslinien 240, N50 und N56 (Haltestelle Rüdigerstraße) zu erreichen. Von der Station ist es ein rund achtminütiger Fußweg entlang der Rüdiger-, der Schott- und der Gotlindestraße bis zum südlichen Eingang des Gartendenkmals. Auch interessant: Lost Places: Diese Strafen drohen bei Hausfriedensbruch

Gibt es Gräber berühmter Persönlichkeiten auf dem Friedhof?

Auf dem ehemaligen Friedhof befinden sich zahlreiche auffällig schön gestaltete Grabstätten und Erbbegräbnisse. Zahlreiche der für die Entwicklung der Ortschaft wichtige Persönlichkeiten wurden auf dem ehemaligen Städtischen Friedhof Lichtenberg bestattet: so etwa der Lichtenberger Pfarrer Emil Hoener (1863–1925) und die Stadträte Gustav Kielblock, Rudolf Reusch und Max Glaschke.

Auch der einzige Oberbürgermeister Lichtenbergs, Oskar Ziethen (1858–1932), fand mit seiner Ehefrau auf dem Friedhof seine letzte Ruhe. Unter den Grabstellen sticht das aufwendig gestaltete Mauseoleum der Familie Loeper heraus, bei der es sich um eine einflussreiche Bauern- und Gutsbesitzerfamilie handelte, nach der später der Loeperplatz am Stadtpark Lichtenberg benannt wurde.

Das sind die wichtigsten Etappen der Geschichte des Friedhofs Gotlindestraße:

Ausgangslage: Vom Dorf zur Stadt im grünen Umland Berlins
Berlin, Turmuhr am Rathaus Lichtenberg

Eindrucksvolles Bauwerk: das 1898 fertiggestellte Rathaus der Gemeinde Lichtenberg an der Möllendorffstraße
© picture alliance / Caro | Preuss

Über Jahrhunderte war das im 13. Jahrhundert gegründete Lichtenberg eine ländliche Siedlung am Rande Berlins – geprägt von Landwirtschaft und beschaulichem Dorfleben. Erst mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann ein tiefgreifender Wandel: Fabriken und Arbeiterwohnquartiere entstanden, die Bevölkerungszahlen stiegen rapide und auch für gutbetuchte Zuzügler aus Berlin – Industrielle, Beamte und Banker, die sich in neugebauten Landhäusern dem Trubel der Hauptstadt entziehen wollten – wurde der grüne Fleck im Osten Berlins interessant.

Selbstbewusst verlieh der Ort der Entwicklung architektonisch Ausdruck: 1898 wurde nach zweijähriger Bauzeit der imposante Neubau des Lichtenberger Rathauses als reich verziertes neugotisches Backsteingebäude fertiggestellt. 1908 erhielt die Gemeinde Lichtenberg das Stadtrecht. Als erster Bürgermeister wurde Oskar Ziethen gewählt, der sich zuvor als Gemeindevorsteher um den Ausbau der Infrastruktur verdient gemacht hatte. Unter seiner Ägide waren Feuerwehr- und Straßenreinigungsdepot, Gericht und Gefängnis sowie die große Glaubenskirche und Schulen entstanden; Straßen wurden neu gepflastert und Schmuckalleen angelegt.

Friedhof Gotlindestraße: So war der Friedhof aufgebaut

Die Toten der Gemeinde Lichtenberg wurden auf dem alten Dorffriedhof im Rathauspark an der Möllendorffstraße und seit 1886 auf einem als Alleequartierfriedhof angelegten Kirchhof an der damaligen Planstraße 25 – der heutigen Gotlindestraße – südlich des ehemaligen Rittergutes Lichtenberg bestattet. Der eine Fläche von knapp 30.000 Quadratmetern einnehmende Totenacker gehörte zur evangelischen Kirchengemeinde Lichtenbergs, deren Pfarrkirche am Loeperplatz lag.

Der Friedhof wurde in rechteckige Bestattungsfelder aufgeteilt, die Hauptwege als Alleen mit Bäumen bepflanzt und die Nebenwege mit Hecken gestaltet. Um 1890 erhielt der Gemeindefriedhof eine große Friedhofskapelle, die leicht nach Westen versetzt, an den beiden Hauptachsen des Friedhofs errichtet wurde. Die Kapelle war aus gelben Backsteinen im Stil der italienischen Renaissance gestaltet. An den Gebäudeseiten befanden sich je drei hohe Rundbogenfenster im gotischen Stil. Das Gebäude wurde im Osten durch eine Rundapsis abgeschlossen. Im Westen befand sich ein Treppenaufgang, der zu einem als Portikus gestalteten Eingangsportal der Friedhofskapelle führte.

Friedhof Gotlindestraße: Reich geschmückte Gräber an der südlichen Einfriedung

Um 1900 erhielt die Begräbnisstätte ein Verwaltungsgebäude, das östlich des Friedhofeingangs an der Gotlindestraße gebaut wurde. Es handelte sich um einen Ziegelbau mit rechteckigem Grundriss, der eine Grundfläche von rund 170 Quadratmetern einnahm. Das zweigeschossige Gebäude mit Lünettengiebel und Wandblenden wurde nach Art der norddeutschen Renaissance mit stark gegliederten Schaufassaden gestaltet. Mit der Verleihung des Stadtrechts 1908 wurde der Gemeindefriedhof zum Städtischen Friedhof Lichtenberg.

An der südlichen Friedhofsmauer befand sich eine Reihe von aufwendig gestalteten Erbbegräbnisstätten. Die Grabinschriften erinnerten hier auch an eine Reihe von im Ersten Weltkrieg – und später im Zweiten Weltkrieg – gefallener oder vermisster Lichtenberger: so etwa an den 19-jährigen Kanonier Georg Haarlos, der 1918 in Frankreich sein Leben ließ. Die auffälligste Familiengrabstätte wurde 1925 für die Gutsbesitzerfamilie Loeper errichtet. Es handelte sich um ein Mausoleum im dorischen Stil, dessen Front auf die Sichtachse am Haupteingang des Friedhofs an der Gotlindestraße ausgerichtet war.

Friedhof Gotlindestraße: Steinwurf von Stasi-Nachrichtenzentrale entfernt

Generationen von Lichtenbergern fanden auf dem städtischen Friedhof an der Gotlindestraße die letzte Ruhe. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Stadtverwaltung weitere Flächen für Begräbnisse freigegeben. 1904 wurde der „Städtische Friedhof Rudolf-Reusch-Straße“ in der Nähe des Rathauses zur Entlastung der umliegenden Friedhöfe an der Gotlinde- und der Möllendorfstraße angelegt und ab den 1920er-Jahren als Urnenfriedhof genutzt.

Im Jahr 1920 wurde Lichtenberg mit dem Groß-Berlin-Gesetz als namensgebender Ortsteil des Bezirks Lichtenberg nach Berlin eingemeindet. Damit lagen weitere Friedhöfe in den Bezirksgrenzen wie der Alleequartierfriedhof St. Andreas-St. Markus an der Konrad-Wolf-Straße und der „Sozialistenfriedhof“ genannte Zentralfriedhof Friedrichsfelde an der Gudrunstraße.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Lichtenberg Teil der sowjetischen Besatzungszone des geteilten Berlins und gehörte später, nach der Gründung der DDR, zur ostdeutschen Hauptstadt. Der Friedhof Gotlindestraße lag jetzt nur noch einen Steinwurf von der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) entfernt, die sich seit 1950 ausgehend von der Normannenstraße raumgreifend im Kiez ausbreitete. An der Gotlindestraße baute die Stasi ab 1975, unmittelbar südlich des Friedhofs, einen Gebäudekomplex aus drei Bürobauten und einen Funktionsbau für Nachrichtentechnik. Die Hochhäuser werden heute von Ämtern und Behörden genutzt.

Friedhof Gotlindestraße: Stilllegung des Friedhofs in den 1970er-Jahren

Auf dem städtischen Friedhof Gotlindestraße fand Anfang der 1970er-Jahre die letzte Bestattung statt. 1973 wurde die Begräbnisstätte geschlossen. Nach Verstreichen der Ruhe- und Pietätsfristen wurde der aufgelassene Kirchhof 1985 zu einer „Grünanlage mit Friedhofcharakter“ umgewidmet. Anrainer konnten die Flächen neben ehemaligen Grabstätten jetzt als Grünfläche mit Naherholungswert nutzen – doch in der Vorwendezeit und den Jahren nach der Wiedervereinigung genossen weite Teile der Anlage kaum die nötige Pflege, um den Ex-Friedhof als Erholungsstätte für Anwohner attraktiv zu halten.

Windschiefe Grabplatten, verrostete Stabgitter und wildwuchernde Pflanzen – das Gelände entwickelte sich zu einem Hotspot für Jäger verlorener Orte in Berlin, die den morbiden Charme von Lost Places zu schätzen wissen. Gleichzeitig drohte die Grünanlage als Stätte der Erinnerungskultur verloren zu gehen und als vergessener Ort zu einer Wildnis zu verkümmern. Die einst imposante Friedhofskapelle ist seit Jahrzehnten ungenutzt und verfällt ebenso wie das Mausoleum Loeper und die meisten der verbliebenen 271 Grabstätten – darunter lokalhistorisch bedeutsame Grüfte und Erbbegräbnisse. Ganze Areale verschwanden hinter einem Dickicht aus ungezügelt wucherndem Efeu, Farnen und Brombeerbüschen.

Friedhof Gotlindestraße: Grabschänder öffneten Mausoleen und Särge

Neben Vernachlässigung und Verwitterung spielte Vandalismus bei dem Verfall des aufgegebenen Friedhofs eine Rolle. Besonders düstere Akte kriminellen Handelns ereigneten sich in der Nachwendezeit. In das Mausoleum Loeper wurde in den 1990er-Jahren mehrmals eingebrochen. Grabschänder öffneten die Metallsärge, unterbrachen die Totenruhe der Bestatteten und entwendeten Leichenteile. Diese konnten später von der Polizei sichergestellt werden und wurden an unbekannter Stelle der Erde übergeben.

Das Mausoleum steht seitdem leer. Es wurde beräumt, die Metallsärge auf dem Friedhofsgelände vergraben und das Gebäude 1996 versiegelt. Die ehemaligen Eingangstore befinden sich in Verwahrung des Museums Lichtenberg. Die Friedhofskapelle wurde mit einem Bauzaun gesichert. Dennoch haben sich an der Fassade großflächig Graffiti-Künstler verewigt. Generell befinden sich die denkmalgeschützten Gebäude des Ex-Friedhofs in einem maroden Zustand. Eine Ausnahme davon bildet das ehemaligen Wärter- und Verwaltungsgebäude im Süden. Es wird vom Grünflächenamt des Bezirks und als Ausbildungsstätte für Landschaftsgärtner genutzt und sorgsam instand gehalten.

Friedhof Gotlindestraße: Oskar sprang zwischen den Gräbern herum

Im Frühjahr 2016 geriet der verwilderte Ex-Friedhof wiederum in die Schlagzeilen: Ein junger Rehbock hatte sich auf das Gelände verirrt und auf dem stillgelegten Friedhof Revier bezogen. Das Friedhofs-Reh von Lichtenberg wurde zu einer lokalen Attraktion. Besucher der Grünanlage hatten immer wieder beobachtet, wie das Wildtier zwischen den verwitterten Grabstätten hin und her sprang und sich dabei besonders häufig in der Nähe des Grabsteins des Lichtenberger Bürgermeisters Oskar Ziethen aufhielt. Folgerichtig erhielt der kleine Rehbock, der monatelang auf dem Ex-Friedhof seine Runden drehte, den Spitznamen „Oskar“.

Wildtierexperten des Senats vermuteten, dass das Tier aus dem nahe gelegenen Landschaftspark Herzberge stammte und sich auf der Flucht vor Hunden den Rückzugsort auf dem Friedhof erschlossen hatte. Das Problem: Auch die Anlage an der Gotlindestraße wurde als Hundeauslauf genutzt. Für Oskar liefen eigens Mitarbeiter des Ordnungsamtes Lichtenberg Patrouille, um sicherzustellen, dass freilaufende Hunde dem Rehbock nicht hinterherhetzten. Vermutlich vergebens: Seit Oktober 2016 blieb das Friedhofs-Reh Oskar spurlos verschwunden. Möglicherweise hatte es den Weg zurück in den Landschaftspark Herzberge gefunden.

Friedhof Gotlindestraße: Und wie sieht die Zukunft aus?

Im März 2011 wurde das Gebiet Frankfurter Allee Nord (FAN) vom Berliner Senat als Förder- und Sanierungsgebiet ausgewiesen. Seitdem wurden viele Projekte in dem Areal ins Leben gerufen, die zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen sollten – und auch der teils verwilderte Ex-Friedhof an der Gotlindestraße geriet wieder in den Blick der Quartierspolitik. Das Bezirksamt Lichtenberg lobte einen Ideenwettbewerb aus, um die in ihrem Bestand gefährdete Anlage zu erhalten und neue Ideen für die Nutzung zu entwickeln.

Ziel des Verfahrens war es, die Fläche unter Beibehaltung des Friedhofscharakters als einen generationenübergreifenden Naherholungsraum für die Anwohner zu gestalten und dabei Anforderungen des Denkmal- und Naturschutzes sowie des Klimawandels zu berücksichtigen: die einsturzgefährdete Friedhofskapelle sollte dabei nach Möglichkeit gesichert werden, vorhandene Gräber vor weiterem Verfall geschützt und ein Denkmalpflegekonzept für die Gesamtanlage vorgelegt werden.

Im September 2024 stellten vier Planungsbüros ihre Visionen für das Areal an der Gotlindestraße vor. Die Jury entschied sich für den Entwurf des Büros „gruppe F“, der zur weiteren Umsetzung ausgewählt wurde. Der Plan sieht unter anderem vor wichtige Gräber zu restaurieren, Wege barrierefrei zu gestalten und Hecken sowie Baumreihen neu zu strukturieren. Die Planungsphase sowie die Beantragung der Fördermittel sind im Oktober 2024 angelaufen, und der Beginn der Umsetzung ist voraussichtlich für 2026 vorgesehen.

Auf dem Hauptstadtportal finden Sie den Gewinnerentwurf zur Umgestaltung des ehemaligen Friedhofs Gotlindestraße.