
So grell und nah am Nervenzusammenbruch waren die 70er.
Foto: Dorothea Tuch
Es ist eine verrückte Geschichte aus der neueren bundesdeutschen Filmgeschichte: Die Lichtgestalt des Kinos, Rainer Werner Fassbinder, hatte Ende der 60er Jahre in München eine Theatergruppe gegründet, nach eigener Aussage deshalb, um seine Filme finanzieren zu können. Liebevoll nannten sie sich und das, was sie taten, Antiteater. Diejenigen, die da zusammen arbeiteten, wohnten, lebten und liebten auch zusammen. Einige von ihnen wurden zu prägenden Figuren des deutschen Films für die nächsten 50 Jahre.
In drei Jahren entstanden fast zwei Handvoll Langfilme. Auch Fassbinders Nahezu-Western »Whity« mit den typischen Außenseiterfiguren. Der Film blieb erfolglos. Und das Kollektiv? Das flog bald auseinander. Zu viel autoritärer Geist in antiautoritären Zusammenhängen. Liebe und Arbeit ließen sich nur schwer verbinden, war jedes für sich doch schon emotions- und konfliktgeladen genug. Außerdem klingelte das Finanzamt bereits Sturm.
Und Fassbinder? Dem blieb nur eines: einen Film zu machen über den missglückten Streifen zuvor und über den geplatzten Traum. »Warnung für eine heilige Nutte« war sein Titel. Und die ganzen Fassbinder-Akteure, der Meister selbst inbegriffen, konnten noch mal Revue passieren lassen, wie eine Kollaboration scheitert, sich ein Kollektiv in Individuen zersprengte und Freigeist Gebrüll hieß. Alexander Kluge nannte »Warnung für eine heilige Nutte« einmal einen Inzestfilm.
Charmant ist die Idee, diesen Film über einen Film auf eine Theaterbühne zu bringen. Der Darsteller-Regisseur Patrick Wengenroth bringt etwas Fassbinder-Erfahrung mit (2013 hatte er an der Berliner Schaubühne bereits einen Theaterabend mit dem Titel »Angst essen Deutschland auf« inszeniert) und hat mit dem TD Berlin, ehemals Theaterdiscounter, einen geeigneten Ort gefunden.
Wir befinden uns in Spanien. Ein Holzverschlag bildet die Bar, die das Zentrum des Bühnenbilds darstellt. Hier kommt das Ensemble zusammen, ordert bereits einen Drink, macht sich auf die Suche nach ein bisschen Liebe. Und wartet. Worauf? Unter anderem auf den Filmemacher Jeff.
Als der endlich auftaucht, wird hier beleidigt, geschrien und geschlagen. Nichts will glücken. Das Kollektiv entpuppt sich als unfähiger denn seine einzelnen Bestandteile. Es fehlt an Geld, an Disziplin und auch an die Idee erinnert man sich kaum noch.
Wengenroth steht, wie gewöhnlich bei seinen Inszenierungen, auch selbst auf der Bühne. Er mimt den Barmann, der einen Cuba Libre nach dem anderen einschenken muss. Viel mehr als ein »sí, Señor« kommt ihm nicht über die Lippen.
Ist das vielleicht schon das Geheimnis, mit dem diese Bühnenadaption des Fassbinder-Films aufwartet? Muss der Regisseur einfach nur zurücktreten in die zweite Reihe, muss die anderen »bedienen«, sich selbst nicht so wichtig nehmen? So einfach macht es sich die Inszenierung nicht.
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Der Theaterabend bietet keine Lösung, sondern rekonstruiert mit viel Lust am Spiel die Fassbinder’sche Vorlage und verleiht ihr einen Witz, den man bei ihr kaum finden kann. Für 90 Minuten werden hier in komischer Wildheit die kleinen und großen Konflikte vorgeführt, die zunächst so banal wie unpolitisch daherkommen.
Fassbinder hatte in einem Gespräch rückblickend einmal von der »Gruppe, die keine ist« gesprochen. Der Traum vom kollektiven Arbeiten in den Künsten ist noch lange nicht ausgeträumt. Wer danach strebt, tut gut daran, sich mit den Versuchen der Vergangenheit zu befassen und deren Fehler nicht zu wiederholen.
Der Fassbinder-Familie haftet zweifelsohne der Staub der 70er an, mitsamt Pseudoradikalismus und Kunstesoterik (ziemlich überzeugend auf die Bühne gebracht wie auch die zeitdokumentarischen und stilechten Kostüme). Die Widersprüche, mit denen sie sich rumschlagen mussten, sind keinesfalls erledigt. Das Bild vom freien Künstler, der sich politischen Fragen anders widmen kann, und die Realität in der Produktion, zumal in der sogenannten freien Szene, sind unendlich weit voneinander entfernt. Ausgesprochen oder kommentiert wird das an diesem Abend nicht. Aber der Blick wird genau auf diese Fragen gelenkt.