Man kann eine Buchhandlung mögen. Man kann sie auch weiterempfehlen. Und aus Gründen immer wieder aufsuchen. Doch wer kommt auf den Gedanken, eine Buchhandlung gleich „Buchpalast“, „Oase der Literatur“ oder „Überlebensasyl für Bücherfreunde“ zu nennen? Und welche Buchhandlung bekommt solche Etiketten aus dem Munde eines Schriftstellers, Verlegers und umtriebigen Nestors deutscher Literatur: Michael Krüger? Sein flammendes Votum gilt der Literaturhandlung von Selinde Böhm und Rudolf Müller im Heine Haus. Die darf auf den Wogen von Krügers Worten demnächst ihr 20-Jähriges feiern. Und das in einer Zeit, in der die Zahl unabhängiger Buchhandlungen in Deutschland beständig abnimmt. Mit dem Einzug ins Heine Haus 2006 eröffnete auch endlich ein Literaturhaus in Düsseldorf. Das wird seither partnerschaftlich von der Landeshauptstadt, dem Förderverein des Heine Hauses und der Literaturhandlung betrieben.

Wer dem Besonderen nachspürt – Bücher gibt es schließlich vielerorts zu kaufen – wird bei den beiden Inhabern und Gastgebern fündig, beim zur „Melancholie neigenden Windhund“, der am Eingang zum Lesesaal wie Zerberus wacht; aber gutmütig und „menschenfreundlich“ ist, wie Krüger im Nachwort eines neuen Gedichtbands schreibt: „jetzt plötzlich“ hat Rudolf Müller selbst geschrieben. Das Werk wird Ende Februar erscheinen und auch ein Bekenntnis zur lyrischen Tradition des Hauses sein, die mit dem jährlichen Poesiefest gepflegt wird.

Geburtshaus des großen Harry Heine

Woran niemand, der die Literaturhandlung rühmt, vorbeikommt, ist ihr Standort. Mitten in der Altstadt, am Wochenende ein Ballermann-Ableger. Dass die Bücherstube im Geburtshaus des großen Harry Heine residiert – des geistreichen Ironikers, Deutschland-Spötters und zeitlosen Romantikers – macht die Lage kaum besser. Krügers Rat ist also dieser: Man solle sich bitteschön vor dem Besuch der Buchhandlung über deren genaue Lage kundig machen, da es schon vorgekommen sei, dass sich „anfällige Menschen von der trunkenen Masse haben mitreißen lassen und erst nach Tagen in der Lage waren, wieder ein Buch von einer Flasche zu unterscheiden oder ein Gedicht von dem Beipackzettel einer Kopfschmerztablette“.

Es gibt aber auch einen gepflegteren Umgang mit den Verlockungen ringsum. Wie der niederländische Autor Cees Nooteboom, der nach eigenen Worten die Müllers ebenso liebe wie den Hund, die Atmosphäre überhaupt, aber eben auch das Essen nach den Lesungen beim Italiener und die paar Grappa auf dem Weg ins Bett. Aber vorher gehe er noch kurz an den Rhein, schreibt er, beobachte die „flachen Schiffe“ im Strom und rätsele darüber, aus welchem Land sie wohl kommen.

Die schönste Buchhandlung der Welt

Nooteboom war einst vom niederländischen Buchhändler-Verband nach der für ihn schönsten Buchhandlung der Welt befragt worden. Da dachte der Weltreisende zunächst an den winzig kleinen Laden von Sandoes in London, dann an die nette Bücherstube in Madrid gleich neben dem Seiteneingang des Circulo de Bellas Artes. Schließlich aber landeten seine Erinnerungen in Düsseldorf: bei der Literaturhandlung von Müller und Böhm.

Das alles beschreibt die besondere Atmosphäre, vielleicht sogar eine literarische Aura der Literaturhandlung, die viele Autorinnen und Autoren schon begeistert hat. Knapp 2000 dürften es in den vergangenen zwei Jahrzehnten gewesen sein. Wie John Berger und Mario Vargas Llosa, Jürgen Habermas, Alain Robbe-Grillet, Ernst Jandl, Friederike Mayröcker, Alfred Brendel, Raymond Federman, Judith Hermann mit jedem neuen Buch, oft Martin Walser und noch öfter Durs Grünbein, Peter Bichsel und Christoph Ransmayr. Unvergessen der Auftritt von Stéphane Hessel, dem KZ-Überlebenden, Diplomaten, Bestsellerautor („Empört euch!“) und Menschenrechtsaktivisten, der sich bei Selinde Böhm für die freundliche Betreuung mit dem zweifelhaften Lob bedankte, sie sei „wie eine Mutter“ zu ihm. Da war Hessel 94.

Nobelpreisträger zu Besuch

Natürlich sind auch viele Nobelpreisträger dagewesen, Annie Ernaux aus Frankreich und die Polin Olga Tokarczuk, die auf der Fahrt ins Heine Haus erfuhr, dass sie den bedeutendsten Literaturpreis der Welt bekommen hatte. 2019 teilte sie sich den Preis mit Peter Handke, dem wegen seiner Serbien-Sympathie umstrittenen Dichter. Auch er kam ins Heine Haus und trat in unvergessener Eleganz auf: braungebrannt, im dunklen Anzug, darunter Bergschuhe und in der Hand eine Tüte mit Pilzen. Die hatte er noch am Morgen in einem Wald unweit von Paris gesammelt. Dann zog er sich in die kleine Küche zurück und bereitete seine Fundstücke für die Anwesenden zu.

Mitunter treffen die Welten der Literatur im Haus mit den Feierwütigen vor dem Haus aufeinander. Als Herta Müller in einer Pause zum Rauchen kurz auf die Straße trat, hörte sie eine Passantin zu ihrer Freundin sagen: Sieh einmal, da raucht eine Nobelpreisträgerin.

Seit Kurzem gibt es am Treppenabgang im Lesungssaal auch eine Art Wall of Fame (die natürlich nicht so genannt wird). Dafür umkreisten die Autorinnen und Autoren mit einem Stift ihre Hand. Eine Art Anwesenheitsnachweis und ein bisschen wie „Kilroy was here“. Der jüngste und aufregend krakelige stammt von T.C. Boyle.

Zur speziellen Lage, dem literaturliebhabenden Buchhändlerpaar, dem Windhund und dem Grappa danach gehört vor allem das erlesene Bücherangebot. Denn ein bisschen Missionare sind beide auch. Sie lieben das, was sie verkaufen und empfehlen und besprechen. Sogenannte Megaseller, die sie für entbehrlich halten, kommen nicht auf einen Extratisch und nur selten ins Regal. „Auch für die Bücher gilt: Jedes steht aus guten Gründen hier“, schreibt Andreas Licht über das Heine Haus in seinem Buch „Meine schöne Buchhandlung“. Auch sucht man Non-Book-Artikel vergeblich. Ihre Kunden kommen schließlich zum Lesen, nicht zum Basteln, lautet ihr Credo.

Ihre Buchhandlung sei offenkundig ihr Leben, hat Nooteboom einmal über Rudolf Müller und Selinde Böhm gesagt. Und jetzt sitzt man mit den beiden im großen Lesesaal am frühen Abend. Die letzten Kunden haben die Literaturhandlung gerade verlassen. Von draußen dringt der erste Lärm von der Bolkerstraße sacht herein. 20 Jahre Heine Haus, davor 16 Jahre Neustraße gleich um die Ecke. Und die Bilanz? Irgendwie sei die Zeit wie im Flug vergangen, sagen sie. Und vielleicht ist es bis heute so geblieben: ein schöner Flug.