Mithu Sanyal blättert in ihrer aktuellsten Ausgabe von „Wuthering Heights“ (dt. „Sturmhöhe“). Ein aufwendig gestalteter Einband mit Prägung ist es diesmal. In ihrem Oberbilker Büro stehen diverse Ausgaben des Literaturklassikers im Regal, von der zerlesenen Taschenbuchausgabe bis hin zu verschiedenen Übersetzungen ins Deutsche und natürlich auch das englische Original.
Für Sanyal ist „Wuthering Heights“ ihr Lebensbuch. Der Roman aus der Feder von Emily Brontë begleitet die Journalistin und Kulturwissenschaftlerin seit der Teenagerzeit. „Ich habe das Buch immer wieder gelesen und über die Jahre dabei neu für mich entdeckt“, sagt Sanyal. 2022 veröffentlichte sie ihre ganz persönliche Sicht auf Emily Brontë und deren einzigen Roman, der bis heute regelmäßige Neuauflagen erfährt. Jede Generation entdeckt den Klassiker, der weit mehr ist als die tragische Liebesgeschichte von Heathcliff und Catherine Earnshaw, neu. Dazu zählen auch die Filmemacherinnen und -macher. Pünktlich zum Valentinstag kommt eine bereits im Vorfeld heiß diskutierte Neuverfilmung von Emerald Fennell in die Kinos.
„Ich bin schon sehr neugierig auf die Umsetzung, da die Besetzung ausschließlich weiß ist“, sagt Sanyal in Anspielung darauf, dass Brontë ihrem Heathcliff ganz bewusst eine sehr dunkle Hautfarbe zuschrieb, was ein Grund für die dramatischen Entwicklungen ihrer Geschichte war. „Die meisten Kinoversionen haben außerdem nur das halbe Buch verfilmt“, weiß die Expertin.
Für die Düsseldorferin, die in ihrem eigenen Buch die revolutionäre Kraft von „Wuthering Heights“ feiert, gibt es Redebedarf. Deshalb nahm die Autorin auch die Einladung, Gast in der Reihe Perspektiven – #TalktrifftFilm am 18. Februar im Atelier-Kino zu sein, gerne an.
Mit dem Publikum wird Sanyal dabei ins Gespräch über die Verfasserin und ihre beiden Schwestern Anne und Charlotte Brontë kommen, die ebenfalls bekannte Schriftstellerinnen wurden. Alle drei schrieben zunächst unter männlichen Pseudonymen, um ihre weibliche Identität vor der Literaturwelt zu verbergen und veröffentlichten 1847 ihre bekanntesten Romane: Anne – „Agnes Grey“, Charlotte „Jane Eyre“ und Emily „Wuthering Heights“.
Nur ein Jahr nach der Veröffentlichung starb Emily 1848 kurz nach ihrem Bruder Branwell. Auch Anne und Charlotte war ein langes Leben nicht vergönnt. Nicht zuletzt die tragische Familiengeschichte der Brontës bietet reichlich Stoff für Spekulationen und Forschungen.
Die Diskussionen führten so weit, dass immer wieder angezweifelt wurde, ob Emily die „Sturmhöhe“ tatsächlich selbst geschrieben hat – oder ihr Bruder Branwell. „Dank KI konnte das inzwischen widerlegt werden“, freut sich Mithu, die sich in ihrer Arbeit als Kulturwissenschaftlerin immer wieder mit den Vorurteilen auseinandersetzt, Frauen könnten nicht die gleichen Leistungen wie ihre männlichen Kollegen vollbringen.
Doch wie kam es überhaupt, dass „Sturmhöhe“ ihr Lebensbuch wurde? Mithu Sanyal nippt kurz an ihrem Tee und dann sprudelt es aus ihr heraus: „Angefangen hat alles mit Kate Bush. Da war ich 15“. Ihr damaliger Freund ließ Bushs Hit-Single „Wuthering Heights“ bei einem Date laufen. Am Ende fand Mithu die Geschichte hinter dem Lied spannender als den jungen Mann. „Sie sprach mir mit dem Text einfach aus der Seele“, erinnert sich die Autorin. Weil sie die Story nicht mehr losließ, fragte sie ihre Englischlehrerin, wer das Buch dazu geschrieben hatte. „Wuthering Heights war der erste echte Roman, den ich gelesen habe“, resümiert Sanyal und nennt das Buch „meine Initiation in die Erwachsenenliteratur“. Die Lektüre war gleichzeitig der Startschuss noch tiefer in die Literaturwelt einzutauchen, wenn der Stoff auch „die Messlatte für weitere Bücher sehr hoch anlegte“, sagt Sanyal. Über die Jahre wurde die Journalistin zur Expertin für diverse Neuauflagen und Verfilmungen. „Ich habe immer wieder neue Seiten an der Geschichte entdeckt“, verrät sie. Derzeit unterrichtet die Düsseldorferin am Queen Mary‘s College London und wird für den Talk im Kino am Aschermittwoch extra anreisen.