Einst dienten Technik und Material dem Menschen zum Überleben. Was ist, wenn sie überhand nehmen und die Natur zu ersetzen drohen? Im Raum des Neuen Kunstvereins in der Hofaue 51 präsentieren Ulrike Donié und Andrea Raak in ihrer aktuellen Ausstellung „Kipppunkt“ Werke, die sich auf den Widerspruch zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen konzentrieren. Im Zeitalter des Anthropozäns, das von Klimawandel, Artensterben und neuen Materialien gezeichnet ist, scheint das künstliche Abbild die ursprüngliche Natur nicht nur zu imitieren, sondern zunehmend zu verdrängen. Organisch wirkende Formen der Rauminstallation, die mal in Form von Pilzfäden und Algen an die Entwicklung der ersten Pflanzen, mal an mikrobiotische Prozesse denken lassen, die sich auf Galeriewänden ranken und durch die Glasscheiben hindurch wachsen, trügen. Sie bestehen aus industriell gefertigten Materialien wie Draht, Polyurethan, Styropor und Verpackungsnetzen – nichts ist daran natürlich. Natur entpuppt sich als Illusion. Die moderne Vanitas erscheint verdreht: Vielmehr ist es die problematische Dauerhaftigkeit synthetischer Stoffe, als die Vergänglichkeit des Lebens, die hier vor Augen geführt wird.