Die Unterschiede könnten kaum größer sein. Hier Patrick Beckert, der das Ganze routiniert angeht. Für den 35-jährigen Eisschnellläufer sind es die fünften Olympischen Spiele in seiner Karriere und es werden seine letzten sein. „Das bewegt mich schon“, sagt Beckert. Mit Emotionen hält sich der Erfurter sonst eher knapp, nicht ungewöhnlich für einen, der die langen Distanzen dreht, 5000 Meter, 10 000 Meter. Konstanz und Durchhaltevermögen sind es, die die Langstreckler auf dem 400 Meter langen Eisoval auszeichnen, wenn sie dort ihre Runden ziehen, Bahn um Bahn, Kurve um Kurve.
Das Gegenteil von Beckert ist Finn Sonnekalb. Der 18-Jährige ist der jüngste männliche deutsche Athlet bei diesen Olympischen Spielen, jünger im Team D ist nur die Eishockeyspielerin Mathilda Heine, die zum Turnierauftakt gerade 16 war. Sonnekalb sprüht vor Unternehmungslust und Tatendrang. „Finn ist schon etwas aufgeweckter als ich“, sagt der bedachte Patrick Beckert. „Sprinter sind grundsätzlich etwas aufgedrehter als Langstreckler.“
Sonnekalb ist jung, ungeduldig, explosiv, er soll so etwas werden wie der Initialzünder für eine bessere deutsche Eisschnelllauf-Zukunft. Denn die goldene Zeit, als Gunda Niemann-Stirnemann, Claudia Pechstein, Anni Friesinger-Postma oder Franziska Schenk nach der politischen Wende und rund um die Jahrtausendwende Olympia– und WM-Medaillen für Deutschland abräumten, ist ferne Vergangenheit. Bei den Frauen gab es zuletzt 2010 olympische Podestplatzierungen zu feiern, die Männer warten sogar schon seit 24 Jahren auf ein Stückchen edel überzogenes Metall. Und in der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) rumort es seit Jahren. Nun enthüllte die ARD, dass Mitglieder des Nationalkaders für Wettkämpfe angeblich bis zu 2000 Euro „Teilnahmegebühren“ an den Verband berappen müssen. Die DESG um ihren umstrittenen Präsidenten Matthias Große äußert sich öffentlich eher sparsam.
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Privatjet, Promifreund, Wachsfigur: Jutta Leerdam polarisiert wie keine zweite Eisschnellläuferin. Für die einen ist sie eine Vorzeigefrau, für die anderen eine Art Kim Kardashian auf Kufen.
Aber da ist ja nun Finn Sonnekalb, der in der Szene eingeschlagen hat wie ein Blitz aus blauem Himmel. Zu Saisonbeginn stellte der für den ESC Erfurt startende Läufer in Salt Lake City über seine Spezialstrecke 1500 Meter in 1:41,33 Minuten gleich mal einen deutschen Rekord und neuen Junioren-Weltrekord auf, verbesserte dabei die gerade mal zehn Monate alte nationale Bestmarke von Teamkollege Hendrik Dombek (1:43,73) um knapp zweieinhalb Sekunden. Welten in der Hundertstelbranche: „Ich habe den Weltrekord erwartet, denn gestern war ein guter Tag für mich“, sagte Sonnekalb danach mit jugendlicher Nonchalance. Tags zuvor hatte er bereits den deutschen Rekord von Joel Dufter aus dem Jahr 2019 über 1000 Meter auf 1:46,48 Minuten verbessert. Als Dritter über 1500 Meter erklomm er nicht nur sein erstes Weltcup-Podium bei den Männern, sondern hatte außerdem frühzeitig die Qualifikation für die Winterspiele 2026 sicher.
Für Patrick Beckert sind es bereits die fünften Olympischen Winterspiele – und die letzten. (Foto: Karina Hessland-Wissel/Imago)
Und so ging das den Winter über weiter. Mit insgesamt drei Podien und mehreren Top-Ten-Platzierungen etablierte sich der Thüringer in der Weltelite. Schnell wurden Sonnekalb die üblichen Etiketten angeklebt: Wunderkind. Überflieger. Potenzieller Herausforderer des siebenmaligen Weltmeisters Jordan Stolz aus den USA. Sonnekalb selbst nährte die Erwartungen mit Sätzen wie diesem: „Jedes Mal, wenn ich auf der Bahn stehe, will ich gewinnen. Ich bin ein Wettkampftyp. Ich habe den Drang, einfach besser als irgendjemand zu sein.“ Und seine Erfolge kamen ja nicht aus dem Nichts.
Seit zwölf Jahren steht der 1,93 Meter große Teenager auf den langen Klappkufen. Nach der Mittleren Reife konzentrierte er sich auf den Sport, absolvierte ein Soziales Jahr bei seinem Heimatverein, schloss sich danach der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Oberhof an – und gewann 2024 bei den Olympischen Jugendspielen in Korea dreimal Gold. Dreimal war er auch Juniorenweltmeister. Er will aus seinem Talent etwas machen und dafür hart arbeiten, auch wenn das bedeute, über die „Kotzgrenze“ zu gehen, wie er das einmal salopp formuliert hat. Er liebe es, sich über die dreieinhalb Runden „voll in den Eimer zu laufen“.
„Finn haut einfach raus, was er im Kopf hat“, sagt Teamkollege Beckert über Talent Sonnekalb
Auch in Mailand, wo an diesem Mittwoch die 1000 Meter gelaufen werden und am 19. Februar die 1500 Meter, will er zeigen, was er in sich hat. „Ich möchte nicht sagen, dass jemand schneller ist als ich, ich mag das nicht“, sagt Sonnekalb. Schließlich – kleiner Rekurs auf seine Juniorenzeit – habe er nie gelernt, wie das geht: verlieren. Weil er wettete, dass er schon 2026 bei Olympia starten werde, musste sein Vater Gerrit Schädler 1000 Kilometer mit dem Rad von Erfurt nach Mailand strampeln. Versprochen ist versprochen. Am Montag kam er an, nach einer Woche im Sattel.
Patrick Beckert muss schmunzeln, wenn er solche Sätze hört. „Finn haut einfach raus, was er im Kopf hat“, sagt der Vereinskollege von Sonnekalb beim ESC Erfurt. Bei aller Gegensätzlichkeit im Temperament erkennt er durchaus Parallelen zwischen sich und dem aufgehenden Stern am Schnelllaufhimmel. Beckert war auch erst 19, als er 2010 in Vancouver zum ersten Mal an Olympischen Spielen teilnahm. Und er hat Verständnis für das Ungestüm des Teenagers: „Er hat einfach Bock, sich zu duellieren.“ Nicht verkehrt für Leistungssportler.
Aber Beckert sendet auch ein paar sanfte Mahnungen. Das Eis in Mailand sei nicht so schnell wie in Salt Lake City. Die Bahn im Speed Skating Stadium von Mailand liegt 120 Meter über dem Meer, jene in Utah auf 1300 Meter und gilt wegen der dünnen Luft in der Halle als eine der schnellsten weltweit. Sonnekalb sollte sich also, soll das heißen, nicht zu viel erwarten und auch nicht an den eigenen Zeiten messen. „Er ist ein Hoffnungsträger, er ist die Zukunft“, sagt Beckert. „Aber er sollte nicht die Last tragen, dass er hier schon Medaillen holen muss.“ In Mailand flitzen Olympiasieger und Weltmeister übers Eis „mit etwas mehr Erfahrung“. Sonnekalb solle „seine Lockerheit mitnehmen“ und seine Premiere genießen.
Eins hat Sonnekalb seinem älteren Teamkollegen auf jeden Fall voraus: Vor den Sommerspielen in Paris 2024 durfte der damals 16-Jährige die olympische Fackel ein paar Hundert Meter durch Marseille tragen. Er hatte sich im Sommer zuvor dafür beworben, und weil er nicht verliert, wurde er vom Organisationskomitee ausgewählt. Das olympische Feuer in der Hand dürfte seinen Ehrgeiz noch weiter angefacht haben.
