Bielefeld. Venezuela, das bedeutet reiche Landschaften mit gewaltigen Wasserfällen, geheimnisvollen Tafelbergen, zauberhaften Karibikstränden und verwunschenen Flussläufen. Die größten bekannten Erdölreserven der Welt versprechen dem Land auch materiellen Reichtum. Doch gedanklich wird Venezuela heute eher mit Diktatur und Misswirtschaft verbunden, mit enormen Mordraten und einer ungewissen Zukunft. Obwohl die USA in einem umstrittenen Handstreich den nach verbreiteter Überzeugung unrechtmäßig herrschenden Autokraten Nicolas Maduro Anfang Januar 2026 überrumpelten und in die USA entführten, ist die Lage weiterhin unklar.

Maria Gabriela Trompetero denkt beim Stichwort Venezuela zuerst an ihre Familie in der Hauptstadt Caracas. Die Wahl-Bielefelderin erinnert sich an das schöne Wetter, „denn dort ist es immer warm“, an leckeres Essen und die Schönheiten der Natur. Doch die guten Erinnerungen werden verdrängt von Gedanken an die wirtschaftliche und politische Krise, die den Alltag in Venezuela weiterhin bestimmt.


Gabriela Trompetero kommt gebürtig aus Venezuela und arbeitet an der Uni Bielefeld: Wie ist die Lage in dem krisengeschüttelten Land? - © Peter Unger

Gabriela Trompetero kommt gebürtig aus Venezuela und arbeitet an der Uni Bielefeld: Wie ist die Lage in dem krisengeschüttelten Land?
| © Peter Unger

Maria Gabriela Trompetero promoviert an der Uni Bielefeld im Fach Soziologie und erforscht derzeit, wie und warum Millionen Menschen in den vergangenen Jahren das eigentlich so reiche Land verlassen haben. Auf 7,8 Millionen wird die Zahl der Emigranten und Flüchtlinge derzeit geschätzt, wie Trompetero sagt. Die meisten von ihnen lebten in lateinamerikanischen Nachbarländern. Doch zuletzt sei die Fluchtwelle verstärkt auch nach Europa gelangt, und 2025 seien Migranten und Migrantinnen venezolanischer Herkunft die größte Gruppe von Asylbewerbern in der EU gewesen. Mehr als 300.000 von ihnen leben derzeit in Spanien, aber auch in Deutschland wurden einige Tausend venezolanische Geflüchtete aufgenommen – allein in Sachsen sind es etwa 10.000.

„Es gab eine Epidemie an Gewalt, ich hatte Angst“

Die Wissenschaftlerin hatte ihr Heimatland selbst 2014 in Richtung Europa verlassen, sie ging zuerst nach Dublin. Damals hatte es in Venezuela bereits massive Proteste vor allem von Studenten gegen die Staatsführung gegeben. „Ich habe gesehen, wie Ordnungskräfte die Studenten drangsaliert haben“, sagt Trompetero. Das war gut ein Jahr nach dem Tod des seit 1999 regierenden, ebenfalls als zunehmend autoritär kritisierten sozialistischen Präsidenten Hugo Chavez. Vor allem in Caracas war die Kriminalität gewaltig. Die damals 26-jährige Studentin hatte selbst viele Todesopfer auf den Straßen gesehen. „Es gab eine Epidemie an Gewalt und Kriminalität, ich hatte Angst und musste abends immer ein Taxi nehmen, obwohl ich keinesfalls in einem Armenviertel wohnte.“

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Schon 2014 seien Lebensmittel, Medikamente und ärztliche Versorgung knapp gewesen, „ich sah keine Perspektive für die Zukunft“. Die junge Frau, ausgestattet mit einem Bachelor in Deutsch und Englisch, machte sich auf den Weg nach Irland, wo sie eine Zeit lang jobben konnte. 2016 zog sie nach Bielefeld um, wo sie 2018 einen Masterabschluss in Interamerikanischen Studien erwarb.

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Die Frage, warum das rohstoffreiche Venezuela zu einem Land ohne Hoffnung werden konnte, beschäftigt Trompetero. Hugo Chavez habe einst versprochen, dass jedermann vom Erdöl profitieren sollte, und er habe auch entsprechende Programme aufgelegt. Doch die Maßnahmen seien willkürlich und nicht systematisch erfolgt, hinzu kam enorme Korruption.

In einer Phase, in der die Ölpreise sanken, geriet die aufs Erdöl fokussierte Wirtschaft in eine tiefe Krise – die Verarmung großer Bevölkerungskreise war die Folge, so die Analyse. Auf Kritik und Proteste reagierte Chavez mit einer Unterdrückung der Meinungsfreiheit. Der Präsident regierte zunehmend mit Notstandsdekreten, nach einem Putschversuch wurde er noch radikaler. Der Weg in die Diktatur war beschritten.

Im reichen Venezuela breiteten sich Unterernährung und Hunger aus  

2017 sei es besonders schlimm geworden, sagt Trompetero. Die durch Knappheiten begründete Inflation nahm absurde Ausmaße an, Unterernährung und Hunger breiteten sich aus. „Wer einkaufen wollte, brauchte ganze Pakete an Bolivares“, also Scheine der Landeswährung Bolivar. In Gaststätten habe es keine Preislisten mehr gegeben, weil sich die Preise täglich änderten. Damals habe sie erkannt, dass sie auch von Deutschland aus mehr für ihr Land tun müsse. Unter anderem organisierte sie Infoveranstaltungen an der Universität. Und die junge Frau schickt Geld zu ihren Eltern und ihrem jüngsten Bruder nach Caracas.


Die frühere venezolanische Oppositionsführerin Maria Corina Machado im auf einem Balkon des Grand Hotels in Oslo: Im Dezember 2025 war ihr der Friedensnobelpreis verliehen worden. - © picture alliance / Kyodo

Die frühere venezolanische Oppositionsführerin Maria Corina Machado im auf einem Balkon des Grand Hotels in Oslo: Im Dezember 2025 war ihr der Friedensnobelpreis verliehen worden.
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Nach der Entführung des Diktators Nicolas Maduro durch US-Spezialkräfte, die Trompetero wie viele Experten aus rechtsstaatlichen Gründen kritisiert, aus der sie aber dennoch Hoffnung für die Demokratisierung ihres Heimatlandes schöpft, sei die politische Lage dort weiterhin unsicher. Die Nobelpreisträgerin und frühere Oppositionsführerin María Corina Machado agiert weiter im Untergrund, und ihr Nachfolger, der 2024 von Maduro um den Wahlsieg betrogene Edmundo Gonzales, befindet sich in Spanien im Exil.

Noch immer spiele die Opposition keine wichtige Rolle, noch immer sei nur ein Bruchteil der politischen Gefangenen auf freien Fuß gesetzt worden. Unter der Führung von Vizepräsidentin Delcy Rodríguez habe das alte Regime noch immer die Macht und kontrolliere Militär und Polizei. Doch immerhin, es gebe wieder erste freie Demonstrationen – ein Hoffnungsschimmer.

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Der Einfluss von Menschen wie Maria Gabriela Trompetero ist äußerst begrenzt. In den Jahren seit 2016 hat sich die Wissenschaftlerin ein neues Leben in Bielefeld aufgebaut. Zusammen mit ihrem aus Kolumbien stammenden Mann, den sie an der Bielefelder Universität kennenlernte, wo er ebenfalls als Doktorand tätig war, erwartet sie im April ihr erstes Baby.

Doch irgendwann, „‚wenn es klare Garantien für den Beginn eines demokratischen Übergangs gibt“, möchte die 38-Jährige wieder nach Venezuela reisen. So, wie zuletzt in den Jahren 2022, ’23 und Anfang ’24. Wenigstens zum Besuch, um die Familie wiederzusehen.