- Victor Klemperers Aufzeichnungen zur NS-Sprache können heute als Warnung dienen, meint Thomas Stern von der Sächsischen Landesbibliothek.
- Klemperer hatte detailliert festgehalten, wie Ausgrenzung und Terror mit der Sprache beginnen.
- Der Dresdner Historiker Mike Schmeitzner sieht heute eine neue Zuspitzung sprachlicher und auch physischer Gewalt.
„Nichts führt uns dichter an die Seele eines Volkes heran als die Sprache“, schrieb Victor Klemperer. Und obwohl er bereits vor 66 Jahren in Dresden starb, sind seine Bücher heute noch von großem Interesse. Besonders bekannt ist sein Werk „LTI“ – „Lingua Tertii Imperii“ (Sprache des Dritten Reiches). Darin untersucht er die Veränderung der Sprache durch die Nationalsozialisten.
Nichts führt uns dichter an die Seele eines Volkes heran als die Sprache.
Victor Kelmperer in „LTI – Notizbuch eines Philologen“
Für Historiker und interessierte Laien gleichermaßen erkenntnisreich sind außerdem seine Tagebücher, in denen er intensiv und emotional seinen Blick auf drei Epochen abbildet: die Weimarer Republik, die NS-Zeit und die Anfänge der DDR. „Das gibt dem Ganzen eine ganz besondere Aura, weil wir hier gelebte Geschichte vor Augen haben“, sagt Thomas Stern, Leiter des Referats Handschriften und alte Drucke an der Sächsischen Landesbibliothek (SLUB) Dresden, im Gespräch mit MDR KULTUR. Er betreut dort den Nachlass des Autors.
Victor Klemperer, Zeitzeuge und Sprach-Analytiker aus Dresden
Victor Klemperer hat lange Zeit in Dresden gelebt und schildert anhand seiner eigenen Erlebnisse, wie sich die Gesellschaft in der NS-Zeit grundlegend verändert. Im besonderen Fokus ist bei Klemperer immer die Sprache. Das mache ihn auch für die heutige Zeit interessant, sagt Thomas Stern, der sich in der Bibliothek um Handschriften und Nachlässe kümmert.
Klemperer beschreibe sehr detailliert eine Radikalisierung der Sprache. Das könne eine Warnung für die heutige Zeit sein, „wo man sehen kann, wohin es führt, wenn eben Sprache bewusst eingesetzt wird, um zu diffamieren, um auszugrenzen“, so Stern.
Das ist durchaus eine Warnung für die heutige Zeit.
Thomas Stern, Experte für Handschriften und alte Drucke
Auch wenn sich Victor Klemperer stets als patriotischer Deutscher empfand: Die Nazis sahen das anders. Ab 1933 wurde er immer stärker aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. 1935 wurde er als Professor der Technischen Hochschule entlassen, ab 1938 durfte er die Bibliothek nicht mehr betreten.
Klemperer berichtet in seinen Tagebüchern von Nadelstichen, die sich anfühlen wie Keulenschläge, und meint damit die sprachliche Verrohung und die schrittweise Entrechtung, die er von den Nazis erfährt. Ihm werden das Geld, sein Haus und seine Arbeit genommen.
Ausgrenzung beginnt mit Sprache
Mike Schmeitzner, Historiker am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, sieht darin eine „universalistische Geschichte“. Sie zeige, „dass man sich hüten muss, Menschen, die dazu gehören, aus ganz bestimmten Gründen – ob konfessioneller oder ethnischer Art – auszugrenzen“.
Diese Ausgrenzung sei besonders stark in der Sprache zu erkennen, betont Schmeitzner: „Er [Klemperer] spricht von Gift, was so langsam wirkt, was tröpfchenweise eingeflossen ist in den Jahren nach 1933“. Klemperer habe es sehr getroffen, dieses „unreflektierte Übernehmen von Sprache durch Menschen, die es gut mit ihm meinen.“
So hielten in NS-Zeit unter anderem Begriffe aus der Biologie Einzug, um jemanden abzuwerten. Menschen wurden als Parasit, Schädling oder Schmarotzer bezeichnet.
Dresdner Historiker sieht bedenkliche Entwicklung in der Gegenwart
Eine solche sprachliche Verrohung gäbe es auch heute längst wieder, sagt Mike Schmeitzner MDR KULTUR: „Das sieht man ja, das hört man ja, das bekommt man mit in der Politik. Das ist vollkommen klar in den letzten Jahren.“
Dabei bliebe es inzwischen nicht nur bei verbalen Angriffen. Bei Wahlkämpfen würden Politiker auch zusammengeprügelt: „Dieses Ausmaß, die Zuspitzung von physischer Gewalt und auch sprachlicher Verrohung, hat es vor Jahren noch nicht gegeben. Da gibt es eine Entwicklung und die ist bedenklich.“
Dieses Ausmaß, die Zuspitzung von physischer Gewalt und auch sprachlicher Verrohung, hat es vor Jahren noch nicht gegeben.
Mike Schmeitzner, Historiker
Dieser Entwicklung sind sich auch die Bibliotheksmitarbeiter in der SLUB Dresden bewusst. Umso mehr solle man Klemperer rezipieren, sagt Thomas Stern und verweist auf ein wachsendes Interesse an seinen Werken, insbesondere an der „LTI“ – hier beschreibe Klemperer die Institutionalisierung von Sprache, „wie man sie zum Teil heute auch wieder beobachtet“.
Redaktionelle Bearbeitung: lm