Der Dirigent Sir Donald Runnicles  auf der Bühne am 01.03.2024. (Quelle: picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert)

Stand: 11.02.2026 07:57 Uhr

Fast 17 Jahre lang war der Dirigent Donald Runnicles an der Deutschen Oper Berlin. Jetzt dreht er seine Abschiedsrunde – und zwar nicht nur im Haus an der Bismarckstraße, sondern am Dienstag auch in der Philharmonie.

Es sei das perfekte Abschiedskonzert, so hatte Donald Runnicles im Vorfeld geschwärmt. Die Musik sei „so romantisch, so jugendlich, so schwelgerisch“. Da putzt man sich nochmal die Brille und guckt genau aufs Plakat: Da steht doch der Name „Arnold Schönberg“, oder? Der Erfinder der Zwölftonmusik, der Abonnentenschreck?

Aber dann sitzt man im großen Saal der Berliner Philharmonie, sieht das größtmögliche, romantische Sinfonieorchester vor sich – und hört solch unfassbar schöne Klänge.

Spätromantik statt Zwölftonmusik

Die „Gurre-Lieder“ hat Schönberg zu einer Zeit komponiert, in der er die Konzertsäle eigentlich schon mit seinen atonalen Kompositionen leergefegt hatte. Doch ein spätromantisches Ass hatte er 1911 noch im Ärmel. Die Vertonung eines dänischen Versepos über die verbotene Liebe eines Königs zu einer Bürgerlichen, deren Ermordung durch die Königin, das verzweifelte Wüten des Königs, der noch lange danach mit seiner Totenarmee die Lande terrorisiert, immer auf der Suche nach Erlösung – bevor schließlich ein neuer Tag anbricht und die Sonne die Natur erweckt.

Romantischer geht’s nimmer. Und die Mittel, die Schönberg dazu auffährt, sind auch eines Abschiedskonzerts eines großen Operndirigenten würdig. 250 Orchestermusiker und Sänger sitzen auf der Bühne, der Schalldruck ist hoch, und die Klangmassen dieser seltsamen Opernsinfoniekantatenliedersammlung wollen gut organisiert sein.

Das konnte Donald Runnicles schon immer gut. In den fast 17 Jahren an der Deutschen Oper galt er als Experte für die großen spätromantischen Schinken, vor allem für Richard Wagner, mit dessen „Ring des Nibelungen“ er sich vom Haus verabschieden wird. Und Wagner ist auch in den „Gurre-Liedern“ nicht fern. Es wimmelt von Leitmotiven, dunkel-warmen Streicherklängen, es spielen sogar Wagner-Tuben mit.

Organisierte Emotion

Bis auf wenige Wackler hat Runnicles diesen Riesenapparat gut im Griff. Und das wie immer mit sparsamsten Gesten: Die linke Hand schlägt verlässlich den Takt, die rechte sieht immer wieder so aus, als würde sie hoch ins Regal mit den Emotionen greifen, aber leider nix finden.

Runnicles bleibt sich auch an diesem Abend treu, war er doch in den langen Jahren an der Deutschen Oper klug genug, sich mit ausdrucksstarken Sängerpersönlichkeiten zu umgeben, die „das mit den Emotionen“ schon für ihn übernehmen, wenn’s hart auf hart kommt. So eben auch in diesem Abschiedskonzert.

Mit AJ Glueckert hat er einen bewundernswert strahlkräftigen Waldemar für diese unfassbar anstrengende Partie gefunden. Felicia Moore ist eine zupackende Tove, Annika Schlicht eine sensationelle Waldtaube. Und Thomas Blondelle mag zwar indisponiert sein, aber einen besseren Sängerdarsteller für die absurd-tragische Figur des Klaus-Narren findet man heutzutage nicht.

Emotionaler Sog zum Abschied

Und so gerät man eben doch in den emotionalen Sog dieser Musik, dieses letzten Aufbäumens der Spätromantik, man durchlebt das Liebesleid von Waldemar und Tove, lässt sich von der Stimmgewalt der vereinigten Chöre der Deutschen Oper und des Rundfunkchores in den Sitz drücken – und freut sich für Donald Runnicles, mit welch warm-prasselndem Sommerregen-Applaus ihn das Berliner Konzertpublikum in der Philharmonie verabschiedet.

Sendung: rbb24 Inforadio, 11.02.26, 07:55 Uhr

Rundfunk Berlin-Brandenburg