
Raus aus dem Sozialismus: Lemmy Caution sucht zu Fuß den Weg nach Westen
Foto: Deutsche Kinemathek, © ECM Records
Ist »Lola rennt« von Tom Tykwer ein guter Film? Als er 1998 im Kino lief, kam mir das so vor, aber ich war auch erst kurz in Berlin und mochte die Stadt sehr. Könnte ich jetzt überprüfen, »Lola rennt« läuft in der Retrospektive der diesjährigen Berlinale, die »Lost in the 90s« heißt. Darin geht es um junge Menschen, Musik, Osten, Berlin und auch ein bisschen um die USA.
Das unvermeidliche Berlin schon wieder. In den 80ern hatte ich Ideal gehört, »Ich steh auf Berlin«, war als Schüler in Westberlin und ein bisschen in Ostberlin zu Besuch, im »Dschungel« ohne David Bowie und in einer Disco am Alexanderplatz mit NVA-Soldaten. Das war also der Wettlauf der Systeme gewesen, bei »Lola rennt« lief nur noch Franka Potente, es ging dabei um sehr viel Geld und die Macht des Zufalls. Das ergibt bei Tykwer drei Möglichkeiten, wie man die Geschichte erzählen kann, doch der Osten hatte nur eine: den Westen. Denn er hatte kein Geld und keine gute Laune und dann auch bald schon keine Arbeit mehr, da war dann Depression und Gewalt angesagt.
Davon kündet 1990 der Dokumentarfilm »Im Glanze dieses Glückes«, der von einem Regiekollektiv kurz vor der letzten, aber ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 gedreht wurde. Im sächsischen Karneval tanzen auf einer Bühne junge Frauen und Männer in Röcken und kurzen Hosen, die aus der schwarz-rot-goldenen Fahne geschneidert sind, zu »Bambolero« von den Gipsy Kings, wobei nicht ihre Gesichter, sondern nur ihre Unterkörper gefilmt werden. Vor jubelnden Massen in Leipzig verkündet Bundeskanzler Kohl auf einer Wahlveranstaltung der CDU: »Nie wieder wollen wir die geballte Faust des Genossen sehen, sondern die ausgestreckte Hand des Partners«, verkündet Bundeskanzler Kohl vor den jubelnden Massen in Leipzig.
Und eben dieser westliche »Partner« hat dann die DDR niedergestreckt und eingesackt. In einem sächsischen Dorf steht einer von Kohls Parteifreunden aus dem Westen unter einem CDU-Sonnenschirm und schenkt fröhlich den mitgebrachten Wein aus Rheinhessen aus. Die neuen Untertanen versichern begeistert, die Stasileute sofort erschießen zu wollen, wenn man sie denn nur bewaffnen würde. Ein Psychologe der Stasi sitzt dann auf dem Sofa zu Hause und versteht die Welt nicht mehr, kann sich aber der Filmemacherin Tamara Trampe nicht richtig verständlich machen, weil er doch sehr formelhaft spricht. Auf jeden Fall ist er sehr enttäuscht, vor allem von seinen Chefs im Ministerium und von der Staats- und Parteiführung.
»Ich bin nur ein Papiersoldat, aber aus gutem Papier«, sagt ein sowjetischer Offizier in dem Film »Gorilla Bathes at Noon« von Dusan Makavejev. Die Rote Armee hat ihn ebenso verlassen wie seine Frau, er ist in Berlin übriggeblieben, versucht, mehr schlecht als recht mit Waffen zu handeln und schaut sich die Demontage des Lenin-Denkmals vor dem Volkspark Friedrichshain an. In letzter Sekunde ist er dort sogar raufgeklettert, doch man kann nicht sagen, dass es seinen Horizont erweitert hätte. Gedreht hat diesen Film der serbische Regisseur Dusan Makajevev, als Produktionsland wurde 1993 noch Jugoslawien genannt, auch wenn dessen Zerfallskriege schon längst begonnen hatten. Deshalb hat es einen morbiden Witz, wenn Želimir Žilnik 1994 einen Schauspieler verkleidet als Tito in einer Performance durch Belgrad wandeln lässt: »Tito pro drugi put medu Srbima« (Tito zum zweiten Mal unter Serben). Der 1980 verstorbene Staatsführer des sozialistischen Jugoslawiens kam ja aus Kroatien, wenn man es genau betrachtet, sogar aus Österreich-Ungarn, einem schon viel länger verschollenen Land, wo er 1892 geboren worden war. Der Fake-Tito, dargestellt vom Komiker Dragoljub Ljubičić, wird von echten Passanten gehasst wie geliebt. »Du bist zu früh gestorben!«, bekommt er zu hören, oder: »Es ist genauso, wie du gesagt hast: von 1988 bis 1990 gibt es große Probleme.« Oder: »Du hast Russland verraten«, worauf ein anderer ruft: »Russland hat uns verraten!« Ljubičić als Tito weiß nur eines: »Als ich herrschte, gab es keine Opposition!« Ein Scherz am Rande.
Und in den USA, dem Sieger der Geschichte, gibt es keinen Ehrgeiz, wovon Richard Linklaters erster Film »Slacker« (1990) erzählt. Jugendliche Hängertypen in Austin, Texas, verpeilt und verprellt, die über solche Dinge wie »Die Schlümpfe« diskutieren. Diese Leute nannte man damals »Generation X«, was mehr ein Markenname war denn eine soziologische Analyse. Gleichwohl erschien 1991 unter diesem Begriff ein Bestseller von Douglas Coupland mit ironisch-neurotischen Anekdoten über Mittelklasse-Kinder. Bemerkenswert ist vorallem der von Coupland extra dafür ersonnene Begriffsapparat, der am Rand der Buchseiten mitläuft und in Form kleiner lexikalischer Einträge den damaligen Zeitgeist sehr gut beschreibt. Zum Beispiel das Gefühl des »Mid-Twenties Breakdown«: »eine Periode geistigen Kollapses zwischen zwanzig und dreißig, oftmals ausgelöst durch die Unfähigkeit, außerhalb der Uni oder einer durchstrukturierten Umgebung zu funktionieren, gekoppelt an die Erkenntnis des wesentlichen Alleinseins in der Welt«.
Um diese 90er-Jahre-Retrospektive der Berlinale richtig zu genießen, empfiehlt sich die Parallel-Lektüre des Coupland-Buchs. Allerdings ist dessen Untertitel »Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur« reine Behauptung, denn niemand hatte damals Internet, schnell war einzig die Techno-Musik, die aber in dieser Retrospektive merkwürdigerweise überhaupt keine Rolle spielt. Denn mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie, der im Auftrag des Westens durch die Treuhand vorangetrieben wurde, gab es auf einmal große leerstehende Fabrikhallen, in denen Raves stattfinden konnten. Die Kinder gingen tanzen, die Eltern wurden arbeitslos – Euphorie und Depression.
Was die Retrospektive aber zeigt, ist der Aufstieg des Hip-Hops, der in den 90er Jahren zur neuen Mainstream-Musik weltweit wurde. 1991 galt »Boyz n the Hood«, das Debütwerk von John Singleton mit dem Rapper Ice Cube in der Hauptrolle, als aufregende, authentische Ghetto-Story aus LA-South-Central, auch wenn es nur ein sehr konventionell erzählter Problemfilm ist, der Gangsta-Rap als internationales Genre etablierte.
Meisterhaft hingegen ist »Allemagne année 90 neuf zéro«, ein nur selten gezeigter Film von Jean-Luc Godard, in dem sich 1990 der alte Agent Lemmy Caution (Eddie Constantine in seiner Paraderolle aus den Trashkrimis der 50er und 60er Jahre) vom Osten in den Westen absetzt – zu Fuß mit einem Koffer. »Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / es Winter ist, die Blumen, und wo / den Sonnenschein, / und Schatten der Erde?«, zitiert er Hölderlin und läuft durch Weimar ebenso wie am Ufer der Havel in Potsdam, aber auch durch die Schreckensbilder des deutschen Faschismus in virtuosen Überblendungen, die Godard auch für die Tonspur bereithält. So unterlegt er diverse literarische Zitate von Goethe bis Rilke mit der Musik von Schostakowitsch, Mozart, Marlene Dietrich und sogar Ton Steine Scherben. Deren »Macht kaputt, was euch kaputt macht« läuft leise bei einem Uhrmacher in der Werkstatt. Der Sozialismus ist vorbei. Godard zitiert den obskuren Doppelagenten Jan Valtin, der für die Kommunisten und für die Gestapo gearbeitet hat, über die Stalinisierung der Komintern: »Weil sie den Himmel nicht formen konnten, rüttelten sie die Hölle durch, wie Dürer und seine leidenden Kreaturen.«
Es sind die alten, feinen ästhetischen Godard-Tricks, mit denen hier die DDR verabschiedet wird. »Wo geht’s nach Westen?«, fragt Caution mit seiner tiefen Stimme. Raus aus Preußen, rein in die USA, so sah es jedenfalls Godard. Zum Schluss landet Caution natürlich wieder in Westberlin, so wie ich auch damals, obwohl ich den Westen gar nicht suchte.
Die Retrospektive »Lost in the 90s« läuft in Cubix 5, Kinemathek und in der Akademie der Künste.