Von frühester Kindheit an war Vicco von Bülow, bekannt unter seinem Künstlernamen Loriot, der klassischen Musik verfallen. Legendär sein Auftritt als Fliegen fangender Bühnenarbeiter, der dabei versehentlich ein Orchester dirigiert. Loriot inszenierte Flotows „Martha“ und Carl Maria von Webers „Freischütz“. Seine große Liebe aber gehörte den Musikdramen Richard Wagners, und als der damalige Mannheimer Intendant Klaus Schultz 1992 vorschlug, aus den vier Teilen des „Ring des Nibelungen“ einen kommentierten konzertanten Schnelldurchlauf zu machen, ließ sich Loriot auf das Abenteuer ein. Er schuf damit ein Gesamtkunstwerk der ganz besonderen Art.
Denn Loriots Text und den ausgewählten Solo- und Orchesterpassagen aus dem „Ring“ gelingt es nicht nur, die 16 Stunden Musik auf drei herunterzubrechen, sondern auch der Balanceakt, die verwickelte Handlung der Götter-, Zwergen- und Heldensaga mit feiner Ironie und zugleich liebevoll zugewandt interpretierend zusammenzufassen. Natürlich muss man dabei auf einige beliebte Höhepunkte wie etwa den „Walkürenritt“ verzichten, da er schlichtweg zu viele Sängerinnen gleichzeitig auf der Bühne benötigt. Zudem gehen von ihm so gut wie keine Handlungsimpulse aus, und es ist ganz offensichtlich, dass Loriots Auswahl über die musikalische Wirkungskraft hinaus Wert legt auf die Schlüsselstellen der vier Dramen.
Er beginnt mit dem „Rheingold“-Vorspiel und Alberichs Raub, gefolgt von Wotans vergeblichem Versuch, Gold und Ring für die eigene Machtfestigung zu erlangen. Süffisant kommentierend lässt dann der Erzähler Wotans und Alberichs diverse Versuche, den Ring wieder für sich zu gewinnen, Revue passieren: die tragisch endende Geschwisterliebe in der „Walküre“ ebenso wie die scheinbar so ideale Verbindung zwischen der Wotan-Tochter Brünnhilde und dem Enkel Siegfried, der in dessen schmählichem Liebesverrat und folgerichtigem Tod endet. Nebenbei lernt man, weshalb der tumbe Naturbursche Siegfried dem faden Charme von Gunthers Schwester Gutrune so umstandslos erliegt: „Sie ist immerhin die einzige Frau hier, die nicht seine Tante ist.“
Nicht nur für Wagnerianer ein Spaß
Für Wagnerianer und solche, die auf dem Weg dahin sind, ist „Der Ring an 1 Abend“ eine köstliche Einstiegsdroge, und die Aufführung in der Alten Oper mit der Staatskapelle Weimar unter der Leitung von Heiko Mathias Förster entfaltete in aller gebotenen Kürze die ganze Magie der wagnerschen Musik. Als Sprecher fungierte Jan Josef Liefers, der da und dort den Opernliebhaber Professor Boerne aus dem Münster-„Tatort“ durchblitzen ließ, insgesamt aber die feine Zurückhaltung und die kleinen Bosheiten des Textes mit loriotscher Distinguiertheit präsentierte.
Die Staatskapelle brillierte vor allem in den orchestralen Zwischenspielen, zelebrierte Siegfrieds Trauermarsch mit pompöser Wucht, das Finale der „Götterdämmerung“ und die Solostücke Hagens und Alberichs mit filigran herausgearbeiteten Klangfarben und beglückte auch mit einem geheimnisvoll flimmerndem „Waldweben“.
Nicht durchweg überzeugte die Balance zwischen Gesang und Orchester, einige der Frauenstimmen, etwa Bernadette Fodor (Fricka und Waltraute) und Brit-Tone Müllertz (Sieglinde und Gutrune) taten sich schwer mit den Klangmassen. Die Brünnhilde von Sonja Šarić allerdings strahlte besonders in ihrem Schlussgesang über alle Leitmotivballungen hinweg, ganz ähnlich wie Aris Argisis als Wotan, der, wie auch Bjorn Waag (Alberich und Gunther), Thomas Mohr (Siegmund und Siegfried), Sorin Alexander Coliban (Hagen) und der quirlige Cornel Frey als Loge und Mime, ansatzweise versuchte, die konzertante Statik mimisch und gestisch aufzulockern. Das Publikum in der ausverkauften Alten Oper applaudiert beglückt.