Die sprechenden Krähen sagen: „Du kannst in Deutschland am Theater nur als Putzfrau Karriere machen.“ Doch was die gefiederten Hellseher im Roman „Ein von Schatten umgrenzter Raum“ prophezeien, hat die Autorin des Buches, Emine Sevgi Özdamar, letztendlich selbst widerlegt. Seit den 1980ern schreibt die in der Türkei geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin fürs Theater und führt Regie – am liebsten Bertolt Brecht. Nun hat die Stadt Augsburg Özdamar mit dem mit 15.000 Euro dotierten Bertolt-Brecht-Preis ausgezeichnet.

Die 1946 geborene Özdamar hat schon viele Preise erhalten, etwa ist sie die erste Büchner-Preisträgerin überhaupt, deren Muttersprache nicht deutsch ist. Der Brecht-Preis dürfte ihr einiges bedeuten, denn Brecht war für Özdamar immer ein Idol. Brechts Theaterästhetik prägte sie früh, insbesondere das Konzept des Epischen Theaters und die Idee, das Publikum zum kritischen Denken anzuregen.

Emine Sevgi Özdamar: Flucht nach dem Militärputsch

In Istanbul und Bursa aufgewachsen, stand Özdamar bereits mit zwölf Jahren auf der Bühne. In den 1960er-Jahren kam sie als Gastarbeiterin nach Berlin, lernte Deutsch und absolvierte anschließend eine Schauspielausbildung in der Türkei. Nach dem Militärputsch kehrte sie nach Deutschland zurück, arbeitete unter anderem mit Benno Besson, Ruth Berghaus, Klaus Peymann und Matthias Langhoff – letzterer hielt in Augsburg die Laudatio auf Emine Sevgi Özdamar.

Özdamars Theaterstücke, wie „Karagöz in Alamania“ (1982), gehören zu den ersten Werken postmigrantischer Literatur im deutschsprachigen Theaterkosmos. In ihrer Romantrilogie – „Das Leben ist eine Karawanserei“ (1992), „Die Brücke vom Goldenen Horn“ (1998) und „Seltsame Sterne starren zur Erde“ (2003) – sowie zuletzt in „Ein von Schatten begrenzter Raum“ (2021) schreibt Özdamar über ihren Lebensweg von der Türkei durch Deutschland, etwa durch West-Berlin, Ost-Berlin und „Ausländer-Berlin“.

Poetische Kraft und politische Klarheit

„Emine Sevgi Özdamar ist eine würdige Preisträgerin, die mit ihrer Haltung, ihrem Denken und ihrem künstlerischen Schaffen Maßstäbe setzt“, sagte Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber. Es sei eine große Ehre, den Preis im 70. Todesjahr Bertolt Brechts an Emine Sevgi Özdamar zu verleihen.

Özdamar sei „eine literarische Stimme, die mit poetischer Kraft und politischer Klarheit Brücken zwischen Kulturen schlägt“, ergänzte Jürgen Enninger, Augsburger Kulturreferent und Vorsitzender der Brecht-Preis-Jury. Das Werk der Autorin stehe „ganz im Geiste Bertolt Brechts: unbequem, wach, und voller Menschlichkeit. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche ist ihre Perspektive unverzichtbar.“ Auch die Prosa der gelernten Schauspielerin überzeuge durch ihre theatralische Struktur.

Bereits mit ihrem ersten Erzählband, „Mutterzunge“ aus dem Jahre 1990, habe die Autorin „eine eigene Sprache von seltener Schönheit in die deutsche Literatur eingeführt: opulent und lautmalerisch, belebt vom Erbe einer oralen Tradition“, heißt es in der Begründung der Jury, in der neben Enninger auch Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Suhrkamp Theater Verlags, Anja Dirks, Schauspieldirektorin und Geschäftsführende Dramaturgin am Theater Basel, Jürgen Hillesheim, Leiter der Brecht-Forschungsstätte Augsburg, Hubert Spiegel, Deutschland-Korrespondent im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Karl-Georg Pfändtner, Leiter der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, Noah Willumsen, Leiter des Brechtarchivs Berlin, und Uwe Wittstock, Literaturkritiker, Autor und Journalist, sitzen.

Von Franz Xaver Kroetz zu Sibylle Berg und Lutz Seiler

Der Preis soll künstlerisches Schaffen im Geiste Brechts würdigen und wird seit 1995 vergeben. Die Verleihung erfolgt alle zwei bis drei Jahre. Bisherige Preisträgerinnen und Preisträger sind Franz Xaver Kroetz (1995), Robert Gernhardt (1998), Urs Widmer (2001), Christoph Ransmayr (2004), Dea Loher (2006), Albert Ostermaier (2010), Ingo Schulze (2013), Silke Scheuermann (2016), Nino Haratischwili (2018), Sibylle Berg (2020) und Lutz Seiler (2023).

jaf