„Wir sind ein Einwandererland“, sagte Ursula Krechel direkt zu Anfang. Die Sterbequote liege in Deutschland höher als die Geburtenquote – folgerichtig brauche es Menschen, die aus anderen Ländern hierherkommen. Diese benötigten zu Beginn vielleicht Hilfe, doch später seien wir es, die von ihnen profitierten. Die Autorin war auf Einladung des Fördervereins der Stadtbibliothek „Lust am Lesen“ zu der „Textstationen“ genannten Veranstaltungsreihe ins Carl-Brandts-Haus gekommen, um ihr Buch „Vom Herzasthma des Exils“ vorzustellen. Peter Brollik vom Vorstand des Vereins moderierte den Abend – und bezeichnete das Buch als eine „200-jährige Geschichte der Migration“, die immer schon da gewesen sei.
Der Titel des Buches ist von Thomas Mann inspiriert
„Vom Herzasthma des Exils“ ist ein Buch, das es in sich hat. Der Titel des Buches sei, so die Autorin, von Thomas Mann inspiriert. Dieser lebte von 1942 bis 1952 im kalifornischen Exil und gab seinem Gefühl hierfür mit „Herzasthma“ einen Ausdruck. Kardiologen bekräftigten, dass Menschen an „einem gebrochenen Herzen“ sterben könnten. Die 24 Kapitel kreisen um Geschichten von Menschen, die ihre Heimat verließen, um Geschichten derer, die wiederkamen, sie kreisen um Begriffe, mit denen Politik die Flüchtlingsbewegungen und deren Regulierungen in Stein meißelt. Dementsprechend heißt auch ein Kapitel des 176 Seiten umfassenden Buches: „Begriffe“.
Ursula Krechel erhielt 2025 den Georg-Büchner-Preis
Hier greift Krechel Wörter auf und analysiert sie: vom Exodus aus dem Alten Testament, das den Auszug der Israeliten aus Ägypten beschreibt, über das Wort „Elend“, das etymologisch für „anderes Land“ oder „Verbannung“ steht. Hinzu kommen Wortungetüme der Neuzeit wie „Zustrombegrenzungsgesetz“, „Zurückschiebungshaft“ oder das harmlos daherkommende Wort „Maßnahmen“, das im Falle der kroatisch-bosnischen Grenze aber die gewaltsame Zurückweisung von Flüchtenden meint. Und dann der Begriff der „Remigration“. Er sei ursprünglich eine neutrale Aussage über die Rückwanderung – und werde nun von Rechtspopulisten instrumentalisiert. Man dürfe, so Krechel, „sich Begriffe nicht aus der Hand schlagen lassen“.
Ursula Krechel, geboren 1947, ist Lyrikerin, Romanautorin, Verfasserin von Essays, Theaterstücken und Hörspielen. Sie setzt sich in ihren Büchern mit den Themen Exil und Flucht, Verfolgung und Feminismus auseinander. Im vergangenen Jahr erhielt sie den Georg-Büchner-Preis für ihr Gesamtwerk.
Krechel berichtete von Ernst Grünfeld und dem Flüchtlingsschiff „St. Louis“
Die Leserinnen und Leser lernen in „Vom Herzasthma des Exils“ Menschen kennen wie Ernst Grünfeld, dessen soziologische Studie „Die Peripheren“ nach seinem Tode 1939 in Amsterdam erschien. Darin untersuchte er das Phänomen der Außenseiter und Ausgestoßenen in der Gesellschaft. Die Leser und Leserinnen erfahren auch von der Geschichte der Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes „St. Louis“ mit dem engagierten Kapitän Gustav Schröder, das 1939 mit 900 jüdischen Flüchtlingen nach Kuba fahren sollte. „Die historischen Flüchtlinge“, so Krechel, seien positiv besetzt. Sie schlug den Bogen in die Jetzt-Zeit, in der die finanzielle Unterstützung für die zivile Seenotrettung im Mittelmeer eingestellt wurde. „Ich versuche, Dinge miteinander zu verzahnen und ins richtige Licht zu rücken“, sagte Krechel.
Das Buch ist ein Plädoyer für eine empathische Haltung gegenüber Flucht und Exil. Durch die Menschen, die nach Deutschland gekommen seien, sei „enorm viel Welthaltiges in die Welt gekommen, eine großartige Bereicherung“, betonte die Autorin.