Im Oktober 2023 überfällt die Hamas Israel und löst einen massiven Krieg im Nahen Osten aus. Der verurteilte IS-Dschihadist Tarik S. nimmt den blutigen Angriff zum Anlass, seine eigenen Anschlagspläne zu verwirklichen.

Der Bielefelder saß zuvor fünf Jahre in Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Syrien. Zunächst scheint er sich von den radikalen Ideologien zu lösen, doch dann schlägt der marokkanische Geheimdienst Alarm bei den deutschen Behörden – Tarik S. möchte töten.

In der neuen Folge von „OstwestFälle“, dem True-Crime-Podcast der Neuen Westfälischen, spricht Moderatorin Birgitt Gottwald mit NW-Redakteur Lukas Brekenkamp bereits im zweiten Teil über die Anschlagpläne von Tarik S. und gibt Einblicke in das Leben des IS-Terroristen.

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OstwestFälle

Wöchentlich spannende Einblicke in True Crime Fälle aus OWL.

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Wie aus Tarik S. „Osama der Deutsche“ wird

  • Die Schulzeit ist für ihn schwer, er soll mit aggressivem Verhalten aufgefallen sein
  • Mit 19 Jahren schließt er sich dem IS an und nennt sich „Osama der Deutsche“
  • Beim IS erlebt er Gewalt, er denkt an Flucht
  • Nachdem sein mögliches Fluchtvorhaben auffällt, soll ihn die IS-Polizei gefoltert haben
  • Er wird zur Propagandafigur: Postet Waffenbilder, ruft zum „Heiligen Krieg“ auf
  • Tarik S. verliebt sich, verlässt mit seiner Frau den IS und wird verhaftet
  • Der Islamist muss eine fünfjährige Jugendhaftstrafe absitzen
  • Nach dem Gefängnis kommt er frei und arbeitet in einem Fitnessstudio
  • Der marokkanische Geheimdienst gibt den Hinweis, dass Tarik S. einen Anschlag plant

Teil 1 verpasst? Hier können Sie die erste Folge zu Tarik S. nachhören:
Als Kind kommt er mit seiner Familie aus Ägypten nach Bielefeld

Als Kind kommt Tarik S. mit seiner Familie aus Ägypten nach Bielefeld. Er wächst mit zwei Geschwistern und einem Halbbruder auf. Im Grundschulalter trennen sich die Eltern. Die Mutter bleibt mit der Erziehung allein, der Vater stirbt früh.

In der Schule fällt Tarik S. durch aggressives Verhalten auf. Am Ende besteht er seinen Hauptschulabschluss. Nach der Schule beginnt er eine Ausbildung zum Gebäudereiniger, später eine zum Erzieher. Beide bricht er ab.

Warum er sich schließlich radikalisiert, bleibt unklar. Brekenkamp erklärt, eine Radikalisierung entstehe häufig nach Einschnitten oder belastenden Erlebnissen: Betroffene suchen nach Halt und sind gefährdet, in problematische Strukturen zu geraten.

Islamischer Glaube ist nicht mit Radikalität gleichzusetzen

2012 findet Tarik S. Zuflucht in einer fundamentalistischen Auslegung des Islam. Unter einer fundamentalistischen Auslegung versteht das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dass dabei häufig die Vorstellung einer absoluten göttlichen Wahrheit gilt, die enge Verknüpfung von Religion und Politik sowie die Ablehnung moderner, pluraler Werte. Manche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten verstehen sich als Ausführende eines „Heiligen Krieges“ (Dschihad) und richten sich gegen „ungläubige“ Gegnerinnen und Gegner.

Islamischer Glaube ist nicht mit Radikalität gleichzusetzen, erklärt das Ministerium für Schule und Bildung. Es gibt ein breites Spektrum religiöser Auslegungen, die nicht extremistisch sind. Extremismus beginnt dort, wo die freiheitliche demokratische Grundordnung abgelehnt wird.

Islamisches Zentrum Bielefeld im Interview: Der „Bielefelder Dschihadist“ fiel auf

Tarik S. verändert sich sowohl äußerlich als auch innerlich

Bei Tarik S. ist die Veränderung radikal, er verändert auch sein Erscheinungsbild. Er lässt sich einen langen Bart wachsen und trägt lange Gewänder. Er besucht Veranstaltungen salafistischer Prediger und eine Moschee in Herford, die nach Angaben der Behörden vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Offiziell werden in OWL nach Angaben des Verfassungsschutzes 150 Personen überwacht. Im Umfeld dieser Moschee kommt es nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden zu einer vergleichsweise hohen Zahl von Radikalisierungen.

Anfang 2014 entscheidet sich Tarik S., Deutschland zu verlassen. Seiner Mutter sagt er, er fahre nur in eine andere Stadt zu einer Veranstaltung. Tatsächlich reist er über die Türkei nach Syrien. Dort wird er in ein Ausbildungslager des IS gebracht. In den etwa zwei Wochen lernt er auch den Umgang mit einer Kalaschnikow.

Für die sozialen Medien posiert der Bielefelder mit Waffen


Tarik S. aus Bielefeld. Das Foto zeigt ihn während seiner Zeit beim "Islamischen Staat". - © Archivfoto: Andreas Zobe

Tarik S. aus Bielefeld. Das Foto zeigt ihn während seiner Zeit beim „Islamischen Staat“.
| © Archivfoto: Andreas Zobe

Für die sozialen Medien lässt er sich gerne mit Waffen fotografieren. Zunächst nimmt er an keinen Kampfhandlungen teil. Dann verlegt ihn der IS an einen anderen Ort. Dort wird er Zeuge einer Hinrichtung. Das erschüttert ihn. Er bekommt Heimweh, sucht den Kontakt zu seiner Mutter – und denkt an Flucht.

Der Versuch misslingt. Als Strafe erhält er Stockhiebe. Später versucht er es erneut. Dieses Mal greift die IS-Polizei ein. Er wird festgenommen und gefoltert. Die Polizei legt ihm nahe, sich als Suizidattentäter registrieren zu lassen – eine Liste für Menschen, die ihr Leben und das anderer im Namen des IS beenden sollen.

Tarik S. folgt der Aufforderung, übernimmt in der Folge aber vor allem Wachposten. Ob er später an Kampfhandlungen teilnimmt, ist unklar, denn er ist zu dieser Zeit auch krankgeschrieben. Nicht von einem Arzt, sondern von einem Exorzisten.

Salafisten in der Region: Wie sich Moscheen in OWL gegen den Einfluss wehren

Mit Krankschreibung zur Werbefigur des IS


Tarik S. aus Bielefeld, auch „Ibn Osama Al-Almany“ genannt, wird zum Werbegesicht des IS. - © Archivfoto: Wolfgang Rudolf

Tarik S. aus Bielefeld, auch „Ibn Osama Al-Almany“ genannt, wird zum Werbegesicht des IS.
| © Archivfoto: Wolfgang Rudolf

Dennoch wird er in der Zeit beim IS zu einer Art Werbefigur der Islamistinnen und Islamisten. Auf Facebook teilt er Bilder und Posts, ruft dazu auf, sich dem IS anzuschließen: „Kommt zum Islamischen Staat […] Denkt nicht, dass weil ihr in Deutschland seid, wäre der Jihad nicht Pflicht für euch und es sei nicht möglich, den Jihad in Deutschland und Co. zu führen“, schreibt er.

Er posiert auch im Netz mit Opfern, so sieht man ihn in einem Video mit drei Männern vor einem enthaupteten Toten. Einer tastet nach dem Puls. Auf die Frage, was dem Mann fehle, antwortet Tarik S.: „Er sieht mir ziemlich kopflos aus.“

2016 markiert den Wendepunkt im Leben von Tarik S. Seine große Zuneigung zu einer Niederländerin verändert offenbar sein Denken. Das Paar heiratet, kurz darauf wird seine Frau schwanger. Doch ihre angeborene Gelenksteife macht ein Leben im Gebiet des IS kaum möglich. In der Hoffnung auf bessere medizinische Versorgung bittet das Ehepaar die Führung des IS um Erlaubnis, ausreisen zu dürfen.

Im Überblick: Alle Folgen unserer Podcast-Reihe „OstwestFälle“

IS lässt Tarik S. und seiner Frau aus Syrien ausreisen

Die Bitte wird überraschend genehmigt. Tarik S. und seine Frau machen sich auf den Weg nach Europa, kommen jedoch nicht weit: An der Grenze zur Türkei werden beide festgenommen. Ein Jahr später verurteilt ein Gericht Tarik S. wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Jugendstrafe von fünf Jahren Haft.

In der Haft holt Tarik S. eine Ausbildung im Fachbereich Schweißen nach. Nach seiner Entlassung unterliegt er strengen Auflagen: Der Kontakt zu bestimmten Personen ist verboten, den Wohnort darf er ohne Genehmigung nicht verlassen, das Führen von Kraftfahrzeugen ist ihm untersagt.

Zunächst wirkt es, als sei Tarik S. rehabilitiert. Er gibt sich reflektiert, darf seinen Sohn in Duisburg empfangen und findet eine Anstellung in einem Fitnessstudio. Von seiner Vergangenheit scheint nichts mehr spürbar.

Bielefelder hält weiterhin an IS-Ideologien fest


Tarik S. aus Bielefeld tauchte in verschiedenen Propaganda-Videos der Terror-Miliz "Islamischer Staat" auf. - © Wolfgang Rudolf

Tarik S. aus Bielefeld tauchte in verschiedenen Propaganda-Videos der Terror-Miliz „Islamischer Staat“ auf.
| © Wolfgang Rudolf

Noch mehr True-Crime? Schüsse am Bielefelder Landgericht – ein Augenzeuge berichtet

Doch rund fünf Jahre später schlagen Ermittler in Marokko Alarm. Nach der Trennung von seiner Frau und dem Verlust seines Arbeitsplatzes sucht er wieder die Nähe zum IS. Was er nicht weiß: Der vermeintliche Gesinnungsgenosse, mit dem er über konkrete Anschlagspläne schreibt, ist ein Mitarbeiter des marokkanischen Geheimdienstes.

Später sagt eine Polizistin laut Gerichtsdokumenten aus, es habe bereits in der Haft Anhaltspunkte gegeben, dass sich Tarik S. nicht vollständig von der Ideologie distanziert habe. Als sogenannter „Schläfer“ könnte er nach Deutschland zurückgekehrt sein, um gezielt Anschläge vorzubereiten. Ob das tatsächlich stimmt, bleibt während des Prozesses unklar. Möglich erscheint immerhin auch, dass sich S. erneut radikalisierte.

Für seine Anschlagspläne auf eine Pro-Israel-Demo wird der Angeklagte wegen Sich-Bereiterklärens zu einem Verbrechen des Mordes zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt. Seine achtjährige Haftstrafe muss er absitzen, seine Revision wurde ein paar Monate später abgelehnt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Schüssen am Bielefelder Landgericht: Ein Augenzeuge berichtet