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Noam Chomsky im Jahr 1977. © Imago Images
Das Buch „Chomsky & Mujica: Überleben im 21. Jahrhundert“
ist die richtige Lektüre für Krisenzeiten. Von Michael Hesse
In Krisenzeiten ist es schwer, den Überblick zu behalten. Umso wichtiger ist eine gute Lektüre, um die eigenen Gedanken in die vielleicht richtigen Bahnen zu lenken. Eine gute Möglichkeit hierzu bietet nun das im Westend-Verlag publizierte Buch „Chomsky & Mujica: Überleben im 21. Jahrhundert“. Darin finden sich eine Reihe von Dialogen zwischen dem US-Intellektuellen Noam Chomsky und dem früheren uruguayischen Präsidenten Pepe Mujica. Die Gespräche zwischen den beiden wurden von dem Dokumentarfilmer und linken politischen Aktivisten Saul Alvidrez moderiert. Aus all dem ist ein Dokumentarfilm entstanden. Das hindert aber natürlich nicht daran, dieses lesenswerte Buch zur Hand zu nehmen.
Das Buch eröffnet mit einer charmanten Vorstellung der Protagonisten. Jose „Pepe“ Mujica und Noam Chomsky werden von Alvidrez als der Adler und der Kondor eingeführt, die Menschen des Adlers sind dem Rationalen verpflichtet, während die des Kondors sensibler sind und den sinnlichen Dingen zugewandter. Mujica ist ein linker Politiker, der zunächst in der Guerilla kämpfte, dann erlebte er als Politiker einen steilen Aufstieg und wurde 2004 sogar zum Präsidenten des Landes gewählt. Anders als viele andere konnte er seine Macht abgeben. Und Chomsky? Es dürfte kaum jemanden geben, der als Anarchist so berühmt geworden ist wie er. Natürlich lässt er sich darauf nicht reduzieren. Chomsky leistete Phänomenales in der Sprachwissenschaft. Und er war stets ein öffentlicher Intellektueller, dessen Wort gehört wurde, wenngleich es stets viel Widerspruch gab. Aber meinungsstark war und ist Chomsky.
Das kommt auch in dem Buch zum Ausdruck, in dem er und Mujica (beide sind seit Jahren miteinander befreundet) über Klima, die Linke und die Welt sprechen – Gott bleibt außen vor. Natürlich stellen sich angesichts des rasanten Wandels der Welt auch den beiden drängende Fragen. Was soll aus der politischen Linken werden angesichts des Erstarkens der autoritären Bewegungen? Für Pepe Mujica ist klar, dass sich alles ändern muss, damit es bleiben kann, wie es ist, heißt: Die Linke wird sich umstellen, da die Welt eine andere geworden ist.
Die autoritäre Welle ist ein großes Thema in den Gesprächen. Für Chomsky steht fest, dass die Republikanische Partei in den USA die „gefährlichste Partei“ der Welt ist. Ihre innere Zerrüttung hat nun Politiker wie Donald Trump in das vielleicht mächtigste Amt der Welt gebracht. Die Folgen der Entwicklung der Republikaner müssen also alle, nicht nur die Amerikaner, ertragen. Eine Tatsache, an der man kaum vorbeisehen kann.
Es sieht nicht gut aus für die Menschen
Chomsky liefert in dem Buch in einem längeren Monolog auch eine brillante Analyse des derzeitigen Status quo. Was er erzählt, ist hochinteressant, wenngleich man nicht in allem mitgeht. „Die Gefahr ist extrem ernst“, erklärt er in Bezug auf den Klimawandel. „Ob es uns gefällt oder nicht, wir leben in einer der ungewöhnlichsten Epochen in der Geschichte der Menschheit“, sagt er. Die Menschheit hätte Bedrohungen geschaffen, die in der Lage seien, „uns zu vernichten“. Chomsky: „In anderen Worten, die menschliche Intelligenz hat einen perfekten Sturm geschaffen.“ Dabei betont der US-Intellektuelle, dass man dabei sei, die vielleicht einzige Intelligenz des Universums zu vernichten.
Jose Mujica, hier im Jahr 2019. © imago images
Die Erde liefere das einzige Beispiel für die Existenz intelligenten Lebens. Und sie zeige, wer überlebt und wer nicht. Entgegen der landläufigen Annahme sei Intelligenz in der Evolution jedoch kein Selektionsvorteil. Es gebe nach Ansicht des Evolutionsbiologen Ernst Mayr 15 Milliarden Arten, so Chomsky, die erfolgreichsten Arten seien die, die sich am schnellsten auf die neue Situation einstellen könnten.
Und das schaffen vor allem Bakterien und Käfer. „Je höher wir auf der Skala steigen, die wir Intelligenz nennen, desto geringer werden die Überlebenschancen“, so Chomsky. Keine rosigen Aussichten also. Und da eine Art rund 100 000 Jahre auf der Erde zubringe, sehe es für die Menschheit nicht gut aus: „Der moderne Mensch existiert bereits seit 200 000 Jahren“, zitiert Chomsky Mayr.
Doch wenn alles nach den Gesetzen einer deterministischen Biologie abläuft, können wir ja ohnedies nicht viel dagegen tun. Der Mensch handelt jedoch aus irgendeiner Form von Freiheit, dem Gegenteil des Determinismus. Und hier hat er die Situation „in selbstmörderischer“ Form verändert.
Noam Chomsky (R) Jose „Pepe“ Mujica (L) im Jahr 2017. © Raul Martinez/IMAGO/Agencia EFE
Dazu zählt Chomsky den Klimawandel und auch die Atomwaffen. Und zum tödlichen Cocktail führt noch die Zutat des Neoliberalismus. In dessen Ära seien die Bedrohungen nämlich erst erheblich gewachsen, lässt Chomsky seinen Gesprächspartner Mujica wissen.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges, das jetzt groß gefeiert wird, habe im Grunde eine dunkle Phase der Menschheit eingeleitet: das Atomzeitalter, „eine düstere Epoche“, so Chomsky. Er stellt sich die Frage, ob man dieses Zeitalter hätte verhindern können. Dabei kommt er auf die deutsche Teilung und Stalin zu sprechen. Chomsky glaubt, die sowjetischen Archive würden es belegen, dass Stalins Angebot einer Vereinigung Deutschlands unter der Bedingung der Blockfreiheit ernst gemeint gewesen sei. Eine mehr als umstrittene Behauptung, der die meisten Historiker:innen eher nicht zustimmen würden. Für Chomsky liegt hier jedoch der Sündenfall. Hätten die USA zugestimmt, wäre das Wettrüsten unnötig gewesen. Die Deutschland-Frage hat die Welt also ins Unglück gestürzt.
Auch Nikita Chruschtschow und die Kuba-Krise werden von Chomsky diskutiert. Er räumt dabei sogleich mit dem Mythos über John F. Kennedy auf, der war nämlich ein besessener Aufrüstungsfetischist. Die Kuba-Aktion der Sowjets war nichts weiter als eine Reaktion darauf, so Chomsky. Im Parforceritt geht es weiter zum vermeintlich gebrochenen Versprechen nach dem Fall der Mauer, eine Nato-Ost-Erweiterung zu unterlassen. Eine sehr umstrittene These.
Und der Klimawandel? Der sei viel weiter fortgeschritten, als alle meinen. Jene Länder, in denen der Westen durch seine Nutzung fossiler Brennstoffe Existenzgrundlagen durch den Klimawandel vernichtet habe, lasse man nun absaufen. Sein Freund Pepe kann dazu nur das sagen: „In meinem Verstand herrscht eine Art Beklemmung.“ Er frage sich, ob der Menschheit genug Zeit bleibe, „um die Katastrophe wieder gutzumachen“.
So geht es immer weiter. Sie unterhalten sich über den Tod, die Rolle der Nato in der Zukunft, die Probleme des Drogenhandels oder ob es Widerstand in Argentinien geben wird gegen Präsident Milei (Mujica ist davon überzeugt). Man wird bestimmt nicht alles teilen, was hier gesagt wird. Aber dieses Buch macht einfach Spaß, es regt an und auch ein bisschen auf.