Die ersten kostümierten Karnevalisten waren schon früh am Morgen bei Dauerregen in Köln unterwegs und trotzten dem lausigen Wetter mit guter Laune und Regenschirmen. Unter vielen durchsichtigen Capes hat um 11.11 Uhr der Straßenkarneval im Rheinland begonnen. Trotz der widrigen Umstände schunkelten Tausende Feiernde in der Innenstadt von Köln. Nach einem Rezept zum Durchhalten gefragt, sagte Prinz Niklas I. der Deutschen Presse-Agentur: „Einfach Sonne im Herzen, dann klappt das auch bei Regen.“ In unserem Live-Blog halten wir Sie an den jecken Tagen auf dem Laufenden.
Sängerin Marita Köllner stürzt auf der Bühne
Die 67 Jahre alte Sängerin Marita Köllner, die 2026 den Närrischen Orden gewonnen hat, ist bei ihrem Auftritt auf dem Alter Markt gestürzt. Der Bühnenboden war durch Regen und Konfetti rutschig geworden. Verletzt hat sich Köllner dabei zum Glück nicht, sie sang unvermittelt weiter. Ein Schreckmoment für sie und die feiernden Jecken vor der Bühne war es gewiss trotzdem.
Viele Polizeikräfte vor Ort
Die Domstadt war am Vormittag wieder das Ziel Tausender Karnevalstouristen, wobei der Andrang vermutlich aufgrund des schlechten Wetters zunächst geringer ausfiel. Um den Ansturm zu bewältigen, schickt das Ordnungsamt bis zu 400 Mitarbeiter und rund 2.600 Sicherheitskräfte externer Dienstleister in den Einsatz. Die Polizei setzt bis zu 1.500 zusätzliche Beamte ein. Zuletzt hatte es in Köln eine Debatte um Worte von Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) gegeben. Er hatte gesagt, man dürfe Feierlichkeiten nicht in eine „Ballermannisierung laufen lassen“.
Karneval kann die derzeitige Wagenburgmentalität aufbrechen
Der Psychotherapeut Wolfgang Oelsner, Autor des Buchs „Fest der Sehnsüchte – Warum Menschen Karneval brauchen“, bezeichnet Karneval als „Urlaub von der Wirklichkeit“. „Man darf anders angesprochen werden, man darf mal entspannt sein. Das Leben wird ein wenig leichter“, so Oelsner.
Nach Überzeugung des Psychologen Stephan Grünewald hat der Karneval das Potenzial, die derzeitige „Wagenburgmentalität“ in Teilen der Gesellschaft aufzubrechen und Menschen aus verschiedenen Lagern zumindest kurzzeitig zusammenzuführen: „Diese ungeheure verbindende Kraft in Zeiten, wo alles auseinanderfliegt, ist wohltuend“, so Grünewald.
Gestützt wird diese These, wenn man Entertainer Guido Cantz zuhört, der einer der gefragtesten Redner im Kölner Karneval ist. Er hat die Erfahrung gemacht, dass das Publikum aktuell vor allem Ablenkung vom Alltag will – und im Zuge dessen weniger Witze über die harte Politik. „Man hat auf jeden Fall ganz viel Lust zu feiern, aber in erster Linie als Flucht aus dem täglichen Wahnsinn“, sagte Cantz der dpa.
Gut laufen demnach Themen, die nicht direkt mit Politik zu tun haben, etwa der Gelsenkirchener Sparkassen-Einbruch oder Künstliche Intelligenz. In Köln kämen auch Witze gut an, die sich über die Kölner Olympia-Bewerbung lustig machten: „Nach dem Motto, wir reden seit 20 Jahren über einen Wasserbus über den Rhein, und nun trauen wir uns plötzlich Olympische Sommerspiele zu.“
Sicherheitslage „abstrakt hoch“
Die Polizei stuft die Sicherheitslage an den Karnevalstagen als „nach wie vor abstrakt hoch“ ein. Es gebe keine konkreten Hinweise, etwa auf geplante Angriffe auf Menschenansammlungen, sagte der Kölner Polizeidirektor Martin Lotz. Rechnen müsse man aber mit allem. „Im Moment ist es so ruhig oder so unruhig wie die letzten Jahre auch“, sagte er.
Der Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) war als „Bob der Baumeister“ verkleidet. Er schätzt am Karneval die „Kultur des Möglich-Machens“. Das Fest lebe vom Engagement zahlloser Freiwilliger. „Köln ist eine Stadt der Ehrenamtlichen, nicht nur im Karneval“, sagte Burmester zum Auftakt des Straßenkarnevals im Historischen Rathaus. „Viele dieser Menschen stehen nie auf einer Bühne, aber ohne sie wäre die Stadt leiser, kälter und ärmer. Genau diese Haltung brauchen wir mehr denn je, denn wir erleben im Moment oft etwas anderes.“ Karneval lebe vom gemeinschaftlichen Handeln: „Diese Kultur brauchen wir auch jenseits der tollen Tage.“
Bis Freitag sei mit wiederholten und teils länger anhaltenden Regenfällen zu rechnen, teilte der Deutsche Wetterdienst mit. Zudem könne es windig werden, in Verbindung mit Schauern seien starke bis stürmische Böen möglich. Die Vorhersage haben wir hier. Die Höchstwerte liegen demnach bei acht bis elf Grad.