Die Jecken sind los. Heute ab 11.11 Uhr ist in den Narren-Hochburgen Ausnahmezustand mit Ansage. Auf den Straßen wird gesungen, in den Kneipen geschunkelt, hinter den Gläsern verschwindet jede Hemmung bis Aschermittwoch. Kalkulierter Kontrollverlust, einmal im Jahr. Tradition nennt man das – also etwas, das funktioniert.

Hier eine ketzerische Frage: Was wäre, wenn Berlin Karnevalshochburg wäre?

Ganz einfach: Dann hätte Berlin endlich eine Tradition, die zu ihm passt. Man wirft sich in Schale, gibt sich entspannt – und am Ende ist selbstverständlich jemand zuständig. Also in der Theorie. In der Realität weilt die Zuständigkeit im Erholungsurlaub, die Vertretung kuriert sich aus und der Antrag macht seit Wochen Sightseeing in der Poststelle.

Berlin eben. Nur dann eben mit Glitzer.

Stellen wir uns also vor: Der Senat beschließt „Berlin wird jeck“ und veröffentlicht dazu ein 48-seitiges Papier: „Rahmenkonzept Schunkeln 2030“. Darin steht, dass Konfetti nur ausgeworfen werden darf, wenn es sich um zertifiziertes, klimaneutrales, diskriminierungssensibles Wurfmaterial handelt, hergestellt in einem Start-up aus Prenzlauer Berg, das nach zwei Monaten insolvent geht, weil es sich weigert, sich von den kapitalistischen Strukturen knechten zu lassen.

Berlin: Karneval als moralische Großveranstaltung

Die BVG zieht nach. Aus „Bitte zurückbleiben“ wird „Bitte nicht schunkeln im Türbereich“. Die U8 fährt weiterhin wie eine düstere Kurzgeschichte – nur dass man jetzt in der Düsternis wenigstens einen Clown sieht, der den ganzen Wagen mit einem Kazoo zusammenhält. Das ist nicht Karneval. Das ist Resilienz.

Natürlich würde Berlin nicht einfach „wie Köln, nur größer“. Berlin wäre Berlin: Karneval als ideologisches Survival-Training.

Kreuzberg skandiert „Alaaf für alle“, allerdings nur nach vorheriger Sensibilisierungs-Workshopreihe. Friedrichshain erklärt „Helau“ zur problematischen Aneignung rheinischer Narrativstrukturen und fordert ein inklusives Ersatznarrativ. Charlottenburg entdeckt im Funkenmariechen sofort einen Standortfaktor und beantragt EU-Fördermittel für „Brauchtum 4.0“. Und Neukölln? Macht einfach einen Umzug. Ohne Genehmigung, ohne Leitfaden, aber mit Bassbox.

Umzug wird ein Meisterwerk der Berliner Prozesskunst

Und dann erst die Organisation. Der Karnevalsumzug wird zur Hochform der Berliner Prozessromantik: Antrag im März, fachliche Würdigung bis November, eine Rückfrage im Januar („Bitte reichen Sie das Lachen in dreifacher Ausfertigung nach“), Genehmigung im April – rückwirkend für Februar.

Das ist keine Bürokratie. Das ist immersives Verwaltungstheater.

Mit Publikum, das Eintritt zahlt, friert, wartet – und am Ende trotzdem applaudiert. Nicht aus Begeisterung. Sondern weil es in Berlin als unfein gilt, funktionierende Abläufe zu erwarten.

Übt die Polizei dann „Alaaf“ vor dem Spiegel?

Sicherheit? Aber hallo. Berlin macht keine Großveranstaltung, ohne dass irgendwer mit ernster Stirn sagt: „Wir müssen da noch mal grundsätzlich ran.“

Also gibt es Poller in Pollerfarbe, Sicherheitskonzepte in Ordnerstärke und Sperrzonen, die größer sind als der eigentliche Umzug. Dazu eine Lautsprecherdurchsage, die klingt, als hätte sie ein Arbeitskreis für angewandte Bedenkenträgerei verfasst: „Bitte verhalten Sie sich ausgelassen im Rahmen der Ausgelassenheitsverordnung.“

Deeskalation läuft so: Die Polizei übt „Alaaf“ vor dem Spiegel, um es korrekt zu intonieren, ohne ironisch zu wirken und ohne als GIF zu enden. Das braucht länger als jede Berliner Großbaustelle.

Wirtschaftlich blüht die Stadt auf. Touristen kommen nicht mehr nur für Club und Currywurst, sondern für Kostüm und Kater. Hotels bieten neue Kategorien an: „Jeck-Suite“, „Schunkel-Standard“, „After-Alaaf-Recovery“. Und der Einzelhandel entdeckt endlich wieder ein Produkt, das zuverlässig läuft: Glitzer – das einzige Material, das sich nie ganz entfernen lässt. Wie die Berliner Vergangenheit.

Karneval? Berlin müsste sein größtes Problem überwinden

Am spannendsten wäre der Augenblick, in dem Berlin sein größtes Trauma therapieren müsste: die panische Angst, peinlich zu wirken.

Karneval funktioniert nur, wenn alle freiwillig albern sind – laut, kollektiv, mit Ansage. Die Blamage ist das Konzept. In Berlin dagegen passiert Peinlichkeit eher beiläufig. Man hält sie für Diskurs, für Avantgarde oder für ein temporäres Pilotprojekt.

Widerspruch ist die verlässlichste Ressource dieser Stadt

Berlin wäre Karnevalshochburg – nicht obwohl hier alles gleichzeitig dagegenspricht, sondern genau deshalb. Widerspruch ist schließlich die verlässlichste Ressource dieser Stadt.

Wenn eine Stadt es schafft, Ausgelassenheit wie eine Krisensitzung zu organisieren, Schunkeln in eine Haltungsfrage zu verwandeln und Konfetti mit der Ernsthaftigkeit einer Haushaltsdebatte zu werfen, dann diese. Und am Ende, wenn der Glitzer in den Ritzen der Republikgeschichte klebt, bleibt nur die alles entscheidende Berliner Frage: Wer ist zuständig? Antwort: Eine Taskforce. Einsetzung geplant. Starttermin in Prüfung.