Man kann sich das ja gar nicht vorstellen, aber es gab Zeiten, da sah der Potsdamer Platz noch viel schlimmer aus als jetzt. Also, er war gar nicht da. Berlin prallte hier von beiden Seiten gegen die Mauer. Man musste schon wie ein Engel drüber hinwegfliegen können – aber das gelang nur Bruno Ganz im legendärsten Berlin-Film aller Zeiten, der zur Eröffnungsgala der Berlinale am Donnerstagabend noch einmal in einer kurzen Sequenz gezeigt wurde. Der Himmel über Berlin, er war damals geteilt. Aber der Blick hinauf blieb für alle frei.

Robert Ide

Robert Ide
Robert Ide schreibt unter anderem die Newsletter „Checkpoint“ und „Im Osten“ sowie Kolumnen über Liebe („Ins Herz“) und die Internationalen Filmfestspiele, die Berlinale. Er war lange Chef der Sportredaktion und der Berlin-Brandenburg-Redaktion sowie Geschäftsführender Redakteur. Robert Ide ist Buchautor, Moderator und Experte zur deutschen Einheit.

Als ich in den Berlinale-Palast laufe und nach oben gucke, sehe ich in eine riesige Discokugel. Darunter tanzt Festivaldirektorin Tricia Tuttle in einem glitzernden Mantel, ein Musiker singt die Fußballhymne „Zeit, dass sich was dreht“. Der rot verteppichte und mühselig mit einem „Hub“-Container aufgepeppte Potsdamer Platz glänzt in diesem Moment wie ein Meer aus flirrenden Lichtsprengseln. Doch so leicht ist das nicht mehr mit Berlin und dem Glamour.

Ich glaube nicht, dass jemand unsere Reden vermisst hat.

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zum Wegfall politischer Statements auf der Eröffnungsgala

Nach dem Defilee vieler halb bekleideter Schauspielerinnen und eines halb bekleideten Lars Eidinger fällt die offizielle Eröffnung ebenfalls knapp aus. Politische Reden gibt es gar nicht, nach den Eklats um den Nahost-Konflikt in den vergangenen Jahren will sich wohl niemand mehr die Lippen verbrennen. Selbst Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (beide CDU) dürfen zur Begrüßung nur kurz ins Publikum winken, sie erhalten höchstens lauwarmen Applaus. Wegner, in Begleitung von Lebensgefährtin, Schulsenatorin und Tennispartnerin Katharina Günther-Wünsch (ebenfalls CDU), nimmt’s hinterher sportlich. „Die Filme sollen doch im Vordergrund stehen“, ruft er mir nach der Eröffnung im Foyer zu und fügt vergnügt an: „Ich glaube nicht, dass jemand unsere Reden vermisst hat.“

Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und seine Lebenspartnerin, Schulsenatorin Katharina Günther-Wünsch (beide CDU), bei der Eröffnungsgala der Berlinale.

© Robert Ide

Auf der Bühne singen derweil alle, die hier was zu sagen haben, ein Loblied auf die Filmkunst, die den Menschen Hoffnung gibt in hoffnungsärmeren Zeiten. „Filme sind nie etwas Einsames“, sagt die malaysische Star-Schauspielerin Michelle Yeoh, als sie den Goldenen Ehrenbären überreicht bekommt. „Im Kino teffen wir uns in der Dunkelheit mit unseren offenen Herzen.“ Vielleicht reicht das als Botschaft für die Berlinale, die gerade um ihr Selbstwertgefühl im internationalen Festivalzirkus kämpfen muss. Und dabei so verunsichert ist wie Berlin selbst.

Die Schauspieler eilen schon beim Vorspann zu den Partybuffets

All die warmen Worte, all der von Musik und Bildern unterlegte Glitzer können nicht den unsichtbaren Schmerz überstrahlen, den Berlin gerade hier am Potsdamer Platz in sich trägt: dass „aus zwei grundverschiedenen Geschichten, Staatswesen, Denk- und Lebenseinstellungen nicht etwas Neues geworden ist wie gedacht oder erhofft“. Wim Wenders, auch am heimischen Roten Teppich frenetisch umjubelter Regisseur von Welt, hat Berlins Gefühlslage gerade so im Tagesspiegel umschrieben. Im Himmel über Berlin sieht er heute weniger Hoffnung als damals, als er noch geteilt war.

Tag 1 der Berlinale In der Höhle der Eisbären

Immerhin, der Berlinale-Palast ist hoffnungslos überbucht, ich selbst habe nur noch einen letzten Stehplatz bekommen. Die Leute von den Sitzen reißt dann der erste von insgesamt 277 Filmen. Aber das ist hier immer so: Als das flirrende Licht ausgeht und der Vorspann losläuft, eilen viele Schauspielerinnen und Schauspieler flugs aus dem Saal, um als erste an den Partybuffets der ersten Berlinale-Nacht zu landen. So jung und durstig kommen wir nicht mehr zusammen. Also erst wieder nächstes Jahr.

Für mich ist das praktisch: Ich kann mir den Eröffnungsfilm im Sitzen ansehen. Aber so wichtig die Botschaft des afghanischen Frauendramas „No Good Men“ ist, der den Fall von Kabul an die menschenfeindlichen Taliban aus Sicht einer mutigen Kamerafrau erzählt – filmisch vom Hocker haut mich die dokumentarisch gedrehte Fiktion nicht. Ihre Botschaft ist dennoch wichtig auch für das Selbstbild der Berlinale: Wenn hier schon nicht mehr das glanzvollste Festival der Welt stattfindet, dann zumindest das politisch wirkmächtigste. Und so gibt es nach dem Abspann langen Applaus. In ihm liegt vielleicht auch etwas Erleichterung, nicht die Wunden der Menschen in Kabul in sich tragen zu müssen. Sondern nur die von Berlin.

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Die ganze Welt zu sehen in zehn Tagen und Nächten – darum geht es ab jetzt wieder. Mehr als zwei neugierige Augen braucht es bei der Berlinale nicht, um die Welt zu sehen wie sie ist. Und um zu erspüren, wie sie vielleicht eine bessere werden könnte.

„Wie sieht ein Fisch den Fluss, in dem er schwimmt?“ Das hat sich der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom in seinen „Berliner Notizen“ gefragt – in jenem glanzvollen Moment, als die beiden halbierten Städte östlich und westlich der Spree plötzlich wieder ineinanderflossen. Ich habe nach dem Mauerfall zuerst eine Kiwi und später die Tagebücher des poetischen Grenzgängers verschlungen. Nun ist Cees Nooteboom gestorben. Mich berührt das mindestens so sehr wie der Eröffnungsfilm. Vielleicht, weil die Stadt verschwunden ist, in der ich aufgewachsen bin, die Stadt, die einmal zwei halbierte war und heute immer noch nicht ganz ein Ganzes ist.

Neugierigen Augen zeigt die Berlinale die Teilungen der neuen Welt. Zu viel Glanz würde das womöglich sogar zu sehr überdecken. Als ich um Mitternacht nach draußen in die Nacht trete, ist am Himmel über Berlin der Neumond kaum zu sehen.