Welche Gefühle haben Dmitri Schostakowitsch wohl beim Komponieren seiner 10. Sinfonie in e-Moll begleitet? Nach einem ruhigen, fast wehmütigen Beginn steigert sich die Musik schon im ersten Satz zu wütenden Akkorden. „Die Musik von Schostakowitsch handelt von einer Abrechnung des Individuums mit der totalitären Gesellschaft“, erklärt Michael Sanderling. Mit dem Programm „Oh To Believe in Another World“ ist der Dirigent am 13. und 14. Februar zu Gast in der Dresdner Philharmonie. „Eine wichtige, Mahnung und brandaktuell“ sei die Sinfonie und damit passend für das Gedenken an die Zerstörung Dresdens, an die Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft – an Krieg, Zerstörung und an das Leid, das von Deutschland ausging.
Schostakowitschs Sinfonie als Abrechnung mit totalitärem Regime
Dmitri Schostakowitsch veröffentlichte seine 10. Sinfonie im Jahr 1954, kurz nach dem Tod Stalins. 2022 schuf William Kentridge dazu den Film „Oh To Believe in Another World“ im Auftrag des Luzerner Sinfonieorchesters. Das Schicksal des Komponisten, und die Geschichte der Sowjetunion in der Stalin-Zeit bildeten das geschichtliche Gerüst. „Also von den 20er-Jahren bis zum Tod des Stalins 1953“, erklärt Mathias Wagner. Der Kurator der jüngst zu Ende gegangenen William-Kentridge-Ausstellung im Albertinum Dresden hat sich auch eingehend mit „Oh To Believe In Another World“ beschäftigt.
Film im Stil des russischen Konstruktivismus
„Eingebettet ist die Handlung des Films, die aber keine lineare Handlung ist, in ein ganz großartiges, kaleidoskopartiges Panorama aus ganz, ganz vielen unterschiedlichen Bildern,“ berichtet Wagner. Im Gegensatz mit den bekannten Filmen Kentridges basiere diese Arbeit nicht auf animierten Zeichnungen des Künstlers. „Das ist ein Film, der, wenn man so will, ganz im Stil des russischen Konstruktivismus gestaltet wurde.“
Trotzki und Stalin im Schwimmbad der russischen Revolution
Kentridge wuchs als Angehöriger der privilegierten, weißen Oberschicht in Südafrika auf. Seine Eltern unterstützten als Anwälte Kritiker der Apartheit wie Nelson Mandela. Unterdrückung und Ausbeutung, Krieg und Gewalt sind wiederkehrende Themen in seinen Zeichnungen, Filmen und Skulpturen. Mit Mitteln der Assemblage verbindet Kentridge dabei oft gefundene und eigene Erzeugnisse.
Auch im Film „Oh, To Believe in Another World“ agieren reale Schauspieler mit Masken vor dem Gesicht neben allerlei Puppen aus Holz, Papier oder Metall. Kentridge montierte alles in einem Stop-Motion-Trickfilm. Verschiedene Miniaturbühnen sind die Schauplätze, auf denen Politiker wie Lenin und Stalin mit Künstlerinnen und Künstlern wie Wladimir Majakowski und Schostakowitsch zusammenkommen. Da tanzen zum Beispiel die Bildhauerhin Lilja Brik und Leo Trotzki miteinander am Grund eines leeren Schwimmbeckens. Stalin steht derweil auf dem Sprungturm und zielt mit einem Revolver auf vermeintlich politische Gegner. Dazwischen vollführt eine eiserne Zange im Papierröckchen eine Ballettfigur.
Aufbruchstimmung: ein neuer Mensch in neuer Gesellschaft
Einige Szenen zeugen von Aufbruchsstimmung, erklärt Mathias Wagner. Es gehe darum, eine neue Gesellschaft aufzubauen: „Und die Gesellschaft sollte natürlich auch einen neuen Menschen hervorbringen.“ Um eine gewisse Stimmung zu transportieren, nutze Kentridge in seinem Film auch historisches Filmmaterial. Szenen von großen Massendemonstrationen und auch Ausschnitte, die die Industrialisierung der Sowjetunion bezeugen, seien dabei. „Man sieht Fabrikbauten, Maschinen, die sich bewegen. Also dieses Aufbruchspathos, das wird durch diese Bilder transportiert und findet sich im Klangbild der Sinfonie wieder.“
Musik und Film als parallele Kunstwerke
Immer stärker verdichtet sich der wilde Tanz auf der Leinwand zu etwas Bedrohlichem. Im Zusammenspiel mit der Musik aus Schostakowitschs 10. Sinfonie wird „Oh To Believe In Another World“ zu einem akustisch und visuell eindrücklichen Konzertabend. Michael Sanderling ist von diesem Konzept überzeugt.
„Es ist nicht so, dass die Sinfonie den Film untermalt“, betont der Dirigent. Vielmehr handele es sich um zwei gleichwertige Kunstwerke. „Das ist sicher für den einen oder anderen schwer zu rezipieren und für die anderen ist es eine grandiose Herausforderung und ein Erlebnis,“ meint Sanderling. Das macht neugierig herauszufinden, zu welcher Kategorie man wohl selbst gehören mag.