13. Februar 2026
Rüdiger Suchsland

Der französische Staatspräsident Macron und der deutsche Bundeskanzler Merz bei einem gemeinsamen Auftritt in Berlin, Juli 2025. Bild: Shutterstock.com
Emmanuel Macrons europäischer Paukenschlag: „Wir müssen Europa als Macht denken“ – und das Versagen der Merz-Regierung.
„Die Nato ist hirntot“ – mit diesem provokativen Satz versuchte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron vor Jahren die westliche Allianz aus dem selbstgewählten Dornröschenschlaf wachzurütteln. Jetzt rüttelt er wieder: „Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt“, warnt der Politiker.
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Europa – und darunter versteht Macron jedenfalls mehr als die EU, sondern den Kontinent unter Einschluss Großbritanniens und der Schweiz, vielleicht der Balkanstaaten, vielleicht – müsse sich jetzt entscheiden, ob es in der Zuschauerrolle verbleiben oder zum Akteur werden wolle.
„Wenn wir Zuschauer sein wollen, dann mündet das in eine glückliche Unterwerfung.“
„Diese Krise, die wir erleben, ist ein tiefgreifender geopolitischer Bruch“
Nur wenige Tage vor der heute beginnenden Münchner Sicherheitskonferenz bat der Präsident eine Handvoll Korrespondenten renommierter europäischer Tageszeitungen – neben Le Monde, Financial Times und El País wurde aus der Bundesrepublik nicht etwa der Deutschlandfunk oder die FAZ, sondern die Süddeutsche Zeitung gebeten – zu einem ebenso hochkarätigen wie wohl platzierten Gespräch über die Herausforderungen für Europa in der gerade entstehenden neuen Weltordnung.
Die entscheidenden Botschaften dieses Interviews dürften freilich im politischen Berlin kaum jemandem gefallen: Während man dort die deutsch-französische Achse vor sich hin rosten lässt, und plötzlich viel stärker als je zuvor seit 1945 auf eine nationale Karte und deutsche Alleingänge setzt, und auf neue Militarisierung, so sehr, dass man sowohl in Warschau wie in Paris höchst beunruhigt auf solche martialischen Gesten der Merz-Regierung blickt, fordert Macron mehr Selbstdisziplin und Einheit.
Der Präsident ist überzeugt, dass ein gespaltenes Europa scheitern werde. Allzu oft setze nach einer Krise „feige Erleichterung“ ein. „Europa leidet an einem Trauma, die Menschen zweifeln“.
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Europa müsse „den Grönland-Moment nutzen“, verlangt Frankreichs Präsident eine entschlossenere Haltung der Europäer:
„Jeder muss sich bewusst werden, dass diese Krise, die wir erleben, einen tiefgreifenden geopolitischen Bruch darstellt.“
Außenpolitischer Paradigmenwechsel gegen die „geopolitische Minderjährigkeit“ Europas
Darum verlangt der Franzose nun nichts weniger als einen außenpolitischen Paradigmenwechsel: Europa müsse sich neu definieren, und aus dem „Zustand der Unmündigkeit“ und seiner „geopolitischen Minderjährigkeit“ entwachsen.
Das bedeutet für den Franzosen erstens: Man muss die Beziehung zu Russland normalisieren und mit den Russen wieder sprechen, verhandeln, die diplomatischen Beziehungen normalisieren – Ukraine-Krieg hin oder her.
Macron spricht von der “ Wiederaufnahme einer europäischen Diskussion mit den Russen … ohne naiv zu sein“.
Denn:
„Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem dieser Zermürbungskrieg sein Endstadium erreicht hat.“
Es sei nun „legitim, sich die Frage zu stellen, wie man diesen Krieg beenden kann“.
Seine Überlegung sei „ganz einfach“: Verhandlungen und Diskussionen über ein Kriegsende sollten nicht ohne Europa stattfinden.
„Unsere geografische Lage wird sich nicht ändern, ob wir Russland nun mögen oder nicht, Russland wird auch morgen noch da sein. Es liegt nun einmal vor unserer Haustür.“
Eine fraglos zutreffende Feststellung. Man fragt sich nur, warum Macron fast vier Jahre zu dieser Erkenntnis gebraucht hat.
„Die Chinesen schützen ihre Industrie ja auch.“
Zweitens: Frankreich will die Abhängigkeit von China und den USA verringern.
„Meine Botschaft lautet: Unsere Agenda der europäischen Unabhängigkeit beschleunigen. Investieren, schützen, diversifizieren und vereinfachen – schneller.“
Das Wichtigste daran ist, dass Macron die beiden Großmächte de facto auf eine Stufe stellt.
Drittens schlägt Macron einen ökonomischen Umbau durch vier zentrale Schritte vor, um die europäischen Defizite und die Deindustrialisierung aufzuhalten.
„An erster Stelle steht die Vereinfachung der Regeln und die Vertiefung des Binnenmarkts.“
Macron beruft sich auf den Draghi-Bericht vom Vorjahr. Der zweite Schritt sei Diversifizierung und Derisking: Beispiel Indien oder Kanada.
Mercosur dagegen sei ein schlechtes, weil veraltetes Abkommen.
„Die Strategie ist gut, das geopolitische Signal ist richtig. … Wichtig ist … dass es Spiegelklauseln gibt, dass also den außereuropäischen Produzenten die gleichen Auflagen gemacht werden wie den europäischen. Das ist nur fair.“
Viertens will Macron Schutzklauseln für den europäischen Markt. Er meine damit „nicht Protektionismus, sondern die Bevorzugung europäischer Produkte“.
„Die Chinesen schützen ihre Industrie ja auch. Wenn sich die beiden Großmächte, denen wir gegenüberstehen, nicht mehr an die Regeln der Welthandelsorganisation halten, müssen wir uns wehren. Sonst verschwinden wir vom Markt.“
Schließlich müsse Europa bereit sein, gemeinsam Schulden zu machen – Stichwort: Eurobonds. Der Weltmarkt habe zunehmend Angst vor dem US-Dollar und suche nach Alternativen, so Macron.
„Bieten wir ihm europäische Schulden an.“
Für alle Investoren weltweit sei ein demokratischer Rechtsstaat ein enorm attraktiver Faktor.
„Es handelt sich also um eine einmalige Gelegenheit, die es auch ermöglichen würde, die Vorherrschaft des Dollars anzugehen.“
Das Versagen der Merz-Regierung
Die wichtigste Frage ist allerdings die, wie realistisch diese Pläne des französischen Staatspräsidenten tatsächlich sind. Europa hat es in den drei Jahrzehnten seit Ende des Kalten Kriegs immer verstanden sich selbst zu lähmen.
Und auch die ersten Reaktionen auf das Macron-Interview lassen nichts Gutes erhoffen: „Die Bundesregierung verwirft Macron-Ideen“ vermeldete die Süddeutsche am Tag nach dem Interview.
Und das in scharfem Ton: Macron lenke „von dem ab, worum es eigentlich geht: dass wir ein Produktivitätsproblem haben“, hieß es am Dienstag aus Kreisen der Bundesregierung, ohne dass ergänzt wurde, wie man diesem denn begegnen wolle. Aus Sicht Berlins stört Macron den gemächlichen Gang der Dinge.
„Nach den Gepflogenheiten der Diplomatie zeigt sich die Bundesregierung mit dieser Reaktion auf Gedankenspiele Macrons maximal verärgert“, kommentiert die SZ.
Anstatt den Schulterschluss mit Frankreich zu suchen, experimentiert Friedrich Merz mit der italienischen Rechtskonservativen Giorgia Meloni.
Einmal mehr zeigt sich deutsche Kanzler als außenpolitisch unerfahrener, ungeschickter Akteur, als Diplomat in Ausbildung – die Merz-Regierung lässt ihre historische Chance auf einen europäischen Neuanfang ungenutzt und versagt auf ganzer Linie.
Europa wirkt führungslos und hirntot – wann kommen die Elektroschocks, die das untote Wesen wie vor Jahren die Nato wiederbeleben?