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München – Putins Angriffskrieg in der Ukraine, Cyberattacken und Sabotageakte auf Versorgungsleitungen, dazu unberechenbare Zollankündigungen von Trump: Die Europäische Union ist unter Druck zwischen den Machtblöcken USA, China und Russland. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (52, CDU) will deshalb mehr Tempo beim Wirtschaftswachstum machen und gleichzeitig den Bürokratieabbau für Unternehmen vorantreiben: „Europa ist zu langsam, Europa muss besser werden“, erklärte sie am Donnerstagabend auf der Europakonferenz in München.

Wichtiger Punkt: Der Aufbau und die Kontrolle eigener digitaler Netzwerke. „Wir können nicht länger nur Mieter einer digitalen Infrastruktur sein“, sagt die Wirtschaftsministerin. Deutschland und Europa benötigen eine eigene Cloud-Infrastruktur und Halbleiter-Produktion, meint Reiche.

Hochkarätige Gäste (v.l.): Europakonferenz-Vorsitzender Manfred Weber, Henna Virkkunen

Hochkarätige Gäste (v.l.): Europakonferenz-Vorsitzender Manfred Weber, EU-Exekutive-Vizepräsidentin Henna Virkkunen, Ministerin Katherina Reiche, Bayerns Europaminister Eric Beißwenger, Society-Lady Saskia Greipl

Foto: Loredana la Rocca

Wie das geht, hat die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) bereits vorgemacht. Mit dem Aufbau einer eigenen Cloud, weg vom Microsoft-Betriebssystem, hin zu Google und dem Bau von Deutschlands größtem Rechenzentrum in Lübbenau (Spreewald). „Wir streben die volle digitale Souveränität an“, erklärte Gerd Chrzanowski (52), CEO der Schwarz-Gruppe.

Mehr zum ThemaKontrolle über die eigenen Daten

Vorteil: Man sehe derzeit anhand der eigenen gewonnenen Daten sehr deutlich, wie Kunden sich verhalten: „Jeder spart beim Essen, die Verbraucher kommen mehr zum Discounter. Wir haben einen deutlichen Kundenzuwachs.“

Zusammen mit der Telekom versucht die Schwarz-Gruppe nun zusätzlich, eine der fünf in Europa geplanten KI-Gigafabriken nach Deutschland zu holen. Da müsse man zusammenarbeiten, so Chrzanowski in der Podiumsdiskussion mit Reiche.

Denn: Der Mittelstand, mit 60.000 Lieferanten wichtiger Kunde der Schwarz-Gruppe, benötige künftig diese Rechenleistungen. „Wir treffen jede Nacht eine Milliarde Entscheidungen mithilfe von Künstlicher Intelligenz, und die Zahl steigt rasant“, verdeutlicht Chrzanowski.

Rund 300 Gäste verfolgten die Podiumsdiskussion mit Gastgeber Ralf Wintergerst, CEO von Giesecke + Devrient.

Rund 300 Gäste verfolgten die Podiumsdiskussion mit Gastgeber Ralf Wintergerst, CEO von Giesecke + Devrient

Foto: Loredana la Rocca

Was Reiche über Plastik-Verschlüsse sagt

Nicht Plastikflaschen-Verschlüsse seien das Problem, sondern Europas Zukunft. Statt Brüsseler Detailregeln brauche es Fokus auf die großen Themen, sagt Reiche: mehr industrielle Forschung, mehr Entwicklung, militärische Souveränität, neue Partnerschaften und Märkte. Dafür müsse man „mit Respekt in der Welt unterwegs sein“.

Um Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit schnell zu steigern, will Reiche eine „umfangreichere Agenda als wir im Koalitionsvertrag aufgeschrieben haben“. Das heißt konkret: eine weitergehende Reform des Arbeitsmarktes und der Sozialversicherungssysteme – sonst drohe ein Anstieg der Lohnnebenkosten von derzeit 42 Prozent auf bis zu 46 Prozent. Dazu müsse die Senkung der Körperschaftssteuer für Unternehmen vorgezogen werden. „Wir brauchen ein selbsttragendes Wachstum, dafür bin ich angetreten.“

Die Münchner Europakonferenz fand in diesem Jahr bereits zum 10. Mal statt. Sie bildet mittlerweile den inoffiziellen Auftakt zur Münchner Sicherheitskonferenz und ist laut Vorsitzendem Manfred Weber (53, CSU) hochaktuell: In den nächsten Jahren würden 6,4 Billionen Euro für die Verteidigung Europas zur Verfügung gestellt – ein starker Booster für die Wirtschaft: „Wir brauchen jetzt einen europäischen Patriotismus“, so Weber.