Oh, wie schön ist Monrovia

13. Februar 2026. Pornografische Szenen mit einer 45-jährigen Frau: Miranda Julys empowernde Midlife-Crisis-Gewinnlerinnen-Bibel sorgte international für Jubel. Die Bühnenrechte hat die Bestseller-Autorin sensationellerweise an eine freie Produktion vergeben, mit Meike Droste und Fritzi Haberlandt an der Spitze eines All-Star-Frauen-Teams.

Von Elena Philipp 

 

„Auf allen vieren“ nach Miranda July in den Berliner Sophiensaelen © Mayra Wallraff

13. Februar 2026. Alter: 45 Jahre. Die Hälfte Ihres Lebens ist vorbei, verbracht als mittelerfolgreiche Künstlerin, mit reizendem Kind und traditionell gestimmtem Ehemann. Hat sie den Absturz vor Augen? Oder ist die Chance auf eine Neuerfindung in Sicht? Mit schwankenden Gefühlen macht sich die Protagonistin von Miranda Julys 2024 erschienenem Roman „Auf allen Vieren“ auf den Weg. Eigentlich möchte sie, Abstand von den nervlich aufreibenden Pflichten des Familienleben nehmend, mit dem Auto von Los Angeles nach New York fahren und so eine lange Reise zu ihrem Selbst unternehmen. Doch dann landet sie für zweieinhalb Wochen in einem Hotelzimmer. Dreißig Minuten von ihrem Zuhause entfernt. In Monrovia. Daveys wegen.

Weil auch ein „Zimmer für sich allein“ zur Keimzelle der Veränderung werden kann, ist, wie gewünscht, nach der Reise alles anders. Julys namenlose Ich-Erzählerin hat eine neue Perspektive auf ihr Leben gewonnen. Und sich sexuell befreit.

Erweckungsliteratur

„Spicy“ ist der Inhalt von „Auf allen vieren“, pornographische Szenen mit einer mittelalten Frau, das sorgte beim Erscheinen für Jubel. „Wärst du ein französischer Mann, wäre all das vollkommen akzeptabel“, kommentiert July lakonisch die Regalmeter an männlicher Erweckungsliteratur, von Philip Roth bis Michel Houellebecq. Mit ihrem Roman holte die „menopause literature“ weiter auf.

Die Rechte für die deutsche Uraufführung hat die US-Autorin an ein Kollektiv vergeben, das in ihrem feministisch-emanzipativen Sinne sein dürfte: Die Schauspielerinnen Meike Droste und Fritzi Haberlandt haben mit den Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster eine Frauen-in-allen-Gewerken-Produktion an den Berliner Sophiensaelen realisiert.

AufAllenVierenMayraWallraff 3Absturz oder Aufschwung? Fritzi Haberlandt und Meike Droste (im Video) als empowernde Midlife-Krisengewinnlerinnen © Mayra Wallraff

Pastellfarben freundlich kommt ihre Fassung daher, dargeboten auf einem roten Teppich zwischen Sofabetten, auf denen auch das Publikum loungen darf. Weiße Blazer und Hot Pants über zitronengelben Bodys lassen Droste und Haberlandt wie Hostessen wirken, die ihren eigenen Theaterabend nur präsentieren (Ausstattung: Hanna Roxane Scherwinski). Dann wieder verkörpern sie einfühlend die Protagonistin: Begutachten skeptisch das Hotelbett, kauern depressiv im Schrankregal, weil Davey nicht anruft, oder brüllen hysterisch die Assistentin an, die als Botin die schlechte Nachricht überbringt, dass Superstar Arkanda das lang geplante Treffen und damit das „potenzielle Projekt“ endgültig abgesagt hat.

Befreiende Ferndiagnose

Auf Tuchfühlung mit dem Publikum, stützt sich Meike Droste schon einmal auf einem fremden Knie ab, wenn Miranda Julys Selbstsuchende von der (enttäuschten) Hoffnung auf überwältigende Mutterliebe schwärmt. Und zwei Zuschauer*innen halten Fritzi Haberlandts Beine hoch, als säße sie auf dem Gynäkologiestuhl, während Meike Droste als Medizinerin aus einem der Fenster der Klappdekoration die Ferndiagnose „Perimenopause“ stellt.

Verdankte sich die Krise, das stete Fremdheitsgefühl zu Hause und der Wunsch, aus den lähmenden Familienroutinen auszubrechen, etwa den Hormonen? Miranda Julys Protagonistin ist erzürnt. Und erleichtert: Ihr winkt die Freiheit jenseits des patriarchalen Systems, in das sie sich, trotz Künstlerinnenstatus und non-binärem Kind, als noch fruchtbare Frau eingesperrt fühlt.

AufAllenVierenMayraWallraff 17Warten auf Davey: Meike Droste und Fritzi Haberlandt auf Hanna Roxane Scherwinskis Bühne © Mayra Wallraff

Klug gekürzt ist Julys autofiktionaler Roman in der Theaterfassung von Droste-Haberlandt-Holl-Van Der Heyde, auf knapp über zwei Stunden Spieldauer. Und doch wäre noch weniger mehr gewesen. Lange epische Passagen wechseln mit sparsamem Figurenspiel und kurzen dialogischen Passagen. Der Konjunktiv in den Nacherzählungen ist bisweilen sperrig, und es ist in der Aufführung doch so viel Stoff zu bewältigen, dass reine Spielszenen rar bleiben.

Frei dreht die schauspielerische Begleitung von Miranda Julys eigenwilliger Heldinnenreise durch die Midlife Crisis, wenn Droste und Haberlandt die sich aufbauende sexuelle Spannung zwischen der Hauptfigur und dem Tankstellenmitarbeiter Davey illustrieren. Mit flatternden Händen, zuckenden Beinen und gestelztem Gang verlieren sie sich in einem Balztanz – vor einer Tulpentapete, die in der Projektion zu einem drogenrauschartigen Farbflimmern verläuft (Video: Isabel Robson). Die intime Szene, in der Davey der älteren Liebhaberin und als Künstlerin bewunderten Frau einen Tampon einführt, performen Droste und Haberlandt in eingefrorener Schoß-Sitz-Pose vor den Bildern von Schnecken-Sex.

Sicher ein Hit 

Einander ergänzend und kommentierend, geben die beiden Spielerinnen ein famos aufeinander eingespieltes Duo ab. Nah bleiben sie an der Vorlage, auch in den live performten Songs, die vom Buch inspiriert sind und deren Lyrics das Geschehen aufgreifen: Da singt Meike Droste mit Portishead von einem „reason to love you“ oder fordert im Trio mit Haberlandt und der Musikerin Sarah Taylor Ellis den Lover mit Tina Turner zum „dance with somebody“ auf. Das Frauen-All-Star-Team stellt sich ganz in den Dienst von Miranda Julys Kultbuch. In Berlin mit seiner (oder ihrer?) großen queeren Künstler*innenszene landen sie damit sicher einen Hit.

Auf allen Vieren
nach dem Roman von Miranda July in der Übersetzung von Stefanie Jacobs
Uraufführung
Regie: Sabine Auf der Heyde, Holle Münster, Ausstattung: Hanna Roxane Scherwinski, Dramaturgie: Carolin Losch, Video: Isabel Robson, Musik, Komposition: Sarah Taylor Ellis, Mitarbeit Choreografie: Valentina Bordenave, Lichtdesign, Technische Leitung: Anahí Pérez, Regieassistenz, Inspizienz: Freja Sande, Produktionsleitung: Marit Buchmeier, Lisanne Grotz / xplus3 Produktionsbüro, Produktion, Gastspiele, Touring: Nicole Schuchardt.
Mit: Meike Droste, Fritzi Haberlandt.
Premiere am 12. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.sophiensaele.com

Kritikenrundschau

„Womöglich übertreibt der Abend ein wenig das Teenagerhafte dieser Frau Mitte 40“, findet Barbara Behrendt im RBB (13.2.2026), mitunter könne einem „die emotional gebeutelte Nervensäge leicht auf den Zeiger gehen“. Aber geschenkt, denn „dass hier keine toughe Emanze porträtiert wird, sondern ein exzentrischeres Frauenbild um Akzeptanz kämpft, ist eben auch Teil des Roman-Konzepts“. So plädiere „dieser pointierte, rührende Abend für Sinnlichkeit und Selbstakzeptanz jenseits der 40“. Zumal Fritzi Haberlandt und Meike Droste die Ich-Erzählerin „voller Witz und Körpereinsatz“ spielten: „Ein mitreißend und herzerwärmend komisches Duo, das gemeinsam auch mal über kleine Laufbänder auf der Bühne tanzt.“