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Ich habe Berlin geliebt. Viele Jahre habe ich dort gelebt. So faszinierend, pulsierend, vielseitig, charismatisch. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich einmal nicht mehr zurückwollen würde. Aber ich möchte nicht mehr zurück.

Unsere Hauptstadt verkommt. Beliebte Geschäfte und Gastronomie schließen – selbst in wohlhabenden Gegenden wie Charlottenburg oder Prenzlauer Berg. Der öffentliche Nahverkehr steht vor dem Kollaps: Die Berliner Verkehrsbetriebe melden seit langem Personalmangel, überalterte Fahrzeugflotten und regelmäßig ausfallende Linien. Das Stadtbild regiert der Müll – fast jeder zweite Befragte hielt in einer Umfrage Berlin für die dreckigste Großstadt des Landes.

Winter in Berlin: Der Hauptstadtflughafen hat den Betrieb eingestelltBild vergrößern

Winter in Berlin: Der Hauptstadtflughafen hat den Betrieb eingestellt (Foto: Christoph Soeder/dpa)

Kein Bundesland erhält beim umstrittenen Länderfinanzausgleich mehr Mittel, vor allem aus Bayern und Baden-Württemberg. Trotzdem wirft Berlin das Geld weiter zum Fenster hinaus – die Schulden sollen bis 2029 auf 84 Milliarden Euro anwachsen und damit mehr als doppelt so hoch liegen wie 2001. Anfang der 2000er-Jahre hatte Berlin übrigens beim Bundesverfassungsgericht auf Feststellung einer Haushaltsnotlage und Bundeshilfen geklagt und verloren.

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Es endet nicht mit den Finanzen. Berlin war immer auch die Stadt der Offenheit. Aber wer alles mit sich machen lässt, gibt sich auf. Die Justizsenatorin Felor Badenberg warnt ganz aktuell, Bandenkriege hätten „eine neue Dimension erreicht“. Die Herkunft und der Migrationshintergrund von Tätern und Opfern spielten demnach eine entscheidende Rolle. Täter würden gezielt aus dem Ausland nach Berlin gebracht, um Geschäftsleute aus demselben Herkunftsland zu bedrohen, sagte Badenberg. Es gebe in Berlin eine aktive Struktur der organisierten Kriminalität. „Und insofern zieht man auch dorthin, wo man schon Bekannte und Verwandte hat, wo man dann relativ einfach in die Strukturen einsteigen kann.“

Was, wenn doch?Was, wenn doch?

Ein Newsletter von Jan David Sutthoff für alle, die nicht bei der erstbesten Meinung stehen bleiben. Es geht um neue Gedanken – mal unbequem, mal unerwartet, aber immer mit Haltung.

Erschreckend ist auch die Zunahme des Antisemitismus, Berlin hat Israelhassern die Straßen geebnet. Viele Juden fühlen sich nicht mehr sicher. Kippas verschwinden aus dem Stadtbild, Eltern raten ihren Kindern, lieber ihre Religion zu verschweigen. Schmierereien, verbale und körperliche Angriffe häufen sich. Wenn ausgerechnet in der Hauptstadt Deutschlands wieder Angst vor offen gelebtem Judentum herrscht, dann ist das nicht nur ein Warnsignal, sondern ein moralischer Bankrott. Und mit der Linken greift eine Partei nach dem Amt des Regierenden Bürgermeisters, die viel zu viele israelfeindliche Charaktere in ihren Reihen hat. Der Amtsinhaber Kai Wegner wiederum tut in Sachen Sicherheit verlässlich das Gegenteil von dem, was seine Wähler sich von ihm erhofft haben, er ist unbeliebt wie nie zuvor.

Glatteis in der Hauptstadt und Berlin wünscht nur viel Spaß...Bild vergrößern

Glatteis in der Hauptstadt und Berlin wünscht nur viel Spaß… (Foto: Caroline Bock/dpa)

Ein vergiftetes Dankeschön

Jüngst zeigte die Stadt ihre Überforderung mal wieder der ganzen Welt (und sicherheitshalber doppelt): Ein großflächiger Stromausfall legte ganze Bezirke lahm, Ampeln fielen aus, selbst Krankenhäuser gerieten an ihre Grenzen. Kaum war dieses Chaos halbwegs überstanden, brachte der Wintereinbruch das öffentliche Leben erneut zum Erliegen – Räumdienste kamen nicht hinterher, Busse steckten fest, Schulen mussten schließen. Straßen und vor allem Gehwege waren über Wochen spiegelglatt, weil in Berlin der Einsatz von Streusalz auf Gehwegen aus ökologischen Gründen verboten ist.

Ex-„Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer rutschte als einer von vielen (das städtische Unfallkrankenhaus spricht von 30 bis 40 Glatteisopfern täglich) auf einem Gehweg aus. Er fiel auf den Kopf, wurde ohnmächtig, hatte großes Glück. Hofers Smartwatch rief den Notarzt. Sein vergiftetes Dankeschön ging später an den Naturschutzbund – der hatte per Eilklage verhindert, dass Privatpersonen in Berlin Gehwege ausnahmsweise doch mit Streusalz von Eis und Schnee befreien dürfen.

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Stromausfall und Wintereinbruch, beides sind Prüfungen, die jede Großstadt fordern. Doch in Berlin entlarvten sie eine Struktur, die schon im Normalbetrieb überfordert scheint: zu wenig Personal, zu schlechte Koordination und ein politischer Betrieb, der lieber neue Lifestyle-Projekte ankündigt als alte Probleme löst. Dass Berlin sich selbst kaum organisieren kann, aber 2035 und 36 eine Weltausstellung und Olympische Spiele organisieren möchte, passt da prima ins Bild.

Berliner Sänger Peter Fox: Die Menschen verzeihen ihrer Stadt fast allesBild vergrößern

Berliner Sänger Peter Fox: Die Menschen verzeihen ihrer Stadt fast alles (Foto: Florian Wieser/APA/dpa)

Die Krisen der vergangenen Monate waren kein Ausnahmezustand – sie waren nur die Zuspitzung dessen, was längst Alltag geworden ist. Das Elend kam nicht über Nacht. Jahrelang wurde Verantwortung weggeschoben – von einem Senat zum nächsten, von Behörde zu Behörde. Was nicht funktionierte, wurde nicht repariert, sondern verwaltet. Bürokratie wurde zum Selbstzweck, Planungsprozesse dauern länger als Regierungszeiten. Das Ergebnis ist eine Stadt, die den Willen verloren hat, wieder verlässlich und ernstgenommen zu werden. Unsere Hauptstadt kapituliert, sie hat sich aufgegeben.

„Ich weiß, ob ich will oder nicht…“

Noch immer zieht die Stadt junge Menschen an, Kreative, Unternehmer. Berlin kann stolz sein auf alle, die dort leben und ihrer Stadt so vieles durchgehen lassen. „Und ich weiß, ob ich will oder nicht, dass ich dich zum Atmen brauch‘“, heißt es im Titel „Schwarz zu Blau“ des Berliner Musikers Peter Fox, eine ehrliche Liebeserklärung an seine Stadt – trotz allem.

Berlin kann schon auch beeindruckend sein, hier die Straße des 17. Juni in Richtung Brandenburger TorBild vergrößern

Berlin kann schon auch beeindruckend sein, hier die Straße des 17. Juni in Richtung Brandenburger Tor (Foto: Sebastian Gollnow/dpa/Archivbild)

Ich vermisse all das nicht. Und wer weit weg von alldem lebt, ist nicht zu bedauern. Aber die Hauptstadt ist immer auch Seismograf für Entwicklungen im ganzen Land. Was in Berlin passiert, kann früher oder später auch Städte im ganzen Land treffen…

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