Herr Voigt, im Sommer geben Sie nach 15 Jahren das Amt des Präsidenten beim VBKI ab. Ihr Verein ist seither stark gewachsen und moderner geworden. Inwieweit gilt das auch für Berlin?
Nur bedingt. Ich glaube nicht, dass wir uns in Berlin genügend schnell reformiert haben und schon agil genug sind. Natürlich gab es viele Investitionen, die Start-ups sind stark gewachsen, trotzdem kämpfen wir noch mit denselben Themen wie vor 10 oder 15 Jahren: Berlins Firmengründer sind nicht annähernd so gut mit Kapital versorgt wie die in den USA. Die Wohnungsfrage ist weiterhin ein akutes Thema. Insgesamt hat sich die Stadt leider langsamer entwickelt, als ich das vor Jahren gedacht habe.
Der VBKI versteht sich als Stimme der Berliner Wirtschaft – aber auch als zivilgesellschaftlicher Akteur. In welche Richtung hat sich das Gewicht in Ihrer Amtszeit verschoben?
Was die Zahl und Qualität unserer Projekte angeht, haben in beiden Bereichen deutlich zugelegt. Unsere Rolle als Sparringspartner der Politik und aller demokratischen Parteien als konstruktiv-kritischer Begleiter hat in den letzten zehn Jahren aber noch mehr zugenommen als unsere Rolle als gesellschaftlicher Akteur. Vielleicht auch, weil es hier einen besonders großen Bedarf gab und gibt.
Auf welches Erreichte sind Sie besonders stolz?
Darauf, dass der VBKI in meiner Zeit von 800 auf 2300 Mitglieder gewachsen ist. Und dass wir uns in unseren Ausschüssen so stark auf inhaltliche Arbeit fokussieren konnten: Heute werden wir komplett anders wahrgenommen in der Stadt. Das hat uns dabei geholfen, auch unsere gesellschaftliche Verantwortung noch stärker wahrzunehmen als zu Beginn meiner Amtszeit.
Zur Person
Markus Voigt.
© Treysta
Markus Voigt, 60, ist Mitinhaber und Geschäftsführer der Treysta Firmengruppe, die mehrere Ingenieurbüros vereint, darunter auch seine Firma Voigt Ingenieure mit Sitz am Kurfürstendamm. Seit 2011 ist Voigt ehrenamtlicher Präsident des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI). In dieser Rolle gilt er als eine der einflussreichsten Stimmen der lokalen Wirtschaft in Berlin und Brandenburg. Im Sommer gibt er das Amt ab. Nominiert für die Nachfolge ist der Unternehmer Harald Christ.
Welchen Rat werden Sie Ihrem Nachfolger oder Nachfolgerin auf den Weg geben?
Was in meiner Zeit offengeblieben ist, ist eine noch stärkere Vernetzung mit der Start-up-Szene in Berlin. Und fast noch wichtiger: Der VBKI sollte sich noch stärker als Ansprechpartner für Berlin in der Rolle als Bundeshauptstadt etablieren. Unsere Stadt ist Heimat für Bundesregierung und Bundestag. Das dürfte sicherlich ein Thema für die nächste VBKI-Präsidentschaft sein.
Der Standort Berlin hat sich in vielen Jahren besser als andere deutsche Länder entwickelt. Trotz oder wegen der lokalen Politik?
Lange Jahre musste sich Wirtschaft trotz der Politik entwickeln. Heute ist eine Gesprächsbasis entstanden, die sehr viel konstruktiver und weniger ideologisch geprägt ist als früher. Aber auch hier würde ich mir in vielen Bereichen mehr Tempo und klarere Ergebnisse wünschen.
Welchem Senat oder welchem oder welcher Regierenden ihrer Zeit geben Sie die beste Note?
Spontan würde ich sagen, dass Klaus Wowereit für das Image Berlins sehr viel bewirkt hat. Ob er die Stadt auch in jeder anderen Hinsicht nach vorn gebracht hat, kann man diskutieren. Ich glaube auch, dass der aktuelle Senat unter Kai Wegner wegen der Verwaltungsreform eine gute Note verdient, auch wenn er mit dieser Reform allein keine Wahlen gewinnen wird.
Markus Voigt und Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU), hier beim „Ball der Wirtschaft“ 2023.
© dpa/Annette Riedl
Wer bekommt ein „mangelhaft“ oder gar „ungenügend“?
Vor dem heutigen Senat hatten wir die Konstellation Rot-Rot-Grün, was in der Zusammenarbeit am schwierigsten war – aber noch unter der Führung der SPD. Sollte sich nach den nächsten Wahlen eine ähnliche Konstellation unter der Führung der Linkspartei ergeben, würde das eine massive Veränderung der Stadt bedeuten und der auch die Wahrnehmung Berlins von außen bedeuten, was Investoren abschrecken würde.
Die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) und Markus Voigt im Gespräch beim VBKI-Symposium 2022.
© obs/Markus Stegner
Im September wird das Abgeordnetenhaus gewählt. Was raten Sie den bürgerlichen Parteien, um einen Durchmarsch radikaler Parteien zu verhindern?
Erfolge klarer herausstellen und besser kommunizieren. Und eine Vision präsentieren! Ich kann leider überhaupt noch nicht erkennen, was die demokratischen Parteien in den kommenden fünf Jahren konkret mit unserer Stadt vorhaben, was sie erreichen wollen. Um meine Stimme mit Überzeugung abzugeben, reicht es mir nicht, eine andere Konstellation nur zu verhindern.
Die Wirtschaft fordert regelmäßig Haushaltskonsolidierung, inklusive aller Schmerzen, die das mit sich bringt. Ist das das richtige Rezept angesichts starker Umfragewerte von Populisten und Rechtsextremen?
Ja, Konsolidierung muss sein, im Bund wie in den Ländern. In unseren Sozialsystemen brechen uns aufgrund des demografischen Wandels die Beitragszahler weg. In den kommenden 2 Jahrzehnten dürfte sich die Zahl im Vergleich zu heute halbieren. Die Löcher lassen sich nicht dauerhaft mit exzessiver Schuldenmacherei stopfen. Neue Schulden lassen sich nur legitimieren, wenn gleichzeitig massiv auf Haushalts- und Kostendisziplin geachtet wird. Ich kann nicht verstehen, wie man über immer neue Belastungen für die Bürger philosophieren kann, wenn man gleichzeitig die Ausgaben weiter erhöht.
Wir glauben, dass eine Linkspartei, die an einer Regierung in Berlin beteiligt wäre, eine Belastung für die Entwicklung der Stadt darstellt.
Markus Voigt, VBKI-Präsident
Sollte der VBKI sich vorsorglich um bessere Kontakte zur AfD bemühen – ähnlich wie der Verband der Familienunternehmer es angestrebt hat?
Wir sehen die AfD künftig nicht als relevante Kraft in Berlin. Wir sind auf Berlin fokussiert, da sehe ich keinerlei Notwendigkeit, die Kontakte zu verbessern, auch, weil wir viele Positionen dieser Partei für mehr als problematisch halten. Allerdings glauben wir, dass eine Linkspartei, die an einer Regierung in Berlin beteiligt wäre, eine Belastung für die Entwicklung der Stadt darstellt. Aber natürlich würden wir uns bemühen, eine belastbare Gesprächsbasis herzustellen.
Halten Sie die Linken für ähnlich gefährlich wie die AfD?
Die von dieser Partei vorangetriebene Vergesellschaftungsdebatte dürfte im Wahlkampf weiter Fahrt gewinnen. Und wenn der populistische Ruf nach Enteignungen mit einem nach aktuellen Umfragen denkbaren Senat unter Führung der Linkspartei umgesetzt würde, wäre das nicht nur für Berlin gefährlich, sondern für ganz Deutschland. Ich verstehe nicht, warum man knappe Haushaltsmittel, die man für Enteignungen einsetzen müsste, nicht in den Neubau investiert. Enteignung schafft keine einzige neue Wohnung.
Sie unterstützen die Olympiabewerbung Berlins. Der Funke scheint aber noch nicht recht übergesprungen zu sein in Berlin. Wie ist das Projekt noch zu retten?
Die politische Unterstützung ist gegeben – auch und gerade auf Bundesebene. Politiker aus einem breiten Parteienspektrum teilen unsere Meinung, dass Deutschland international nur mit Berlin eine Chance hat auf den Zuschlag. Der Olympiabeauftragte hat ein Kuratorium gebildet mit Vertretern aus allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen – inklusive prominenter Namen aus der Linkspartei und von den Grünen. Das gibt der Bewerbung Schub. Aber es stimmt: Die Kampagne muss noch mehr Fahrt aufnehmen, um eine Welle der Begeisterung zu erzeugen. Die sehen wir schon in Sportvereinen, aber noch nicht in der Breite und nicht bundesweit.
Eine große Kampagne auf allen Medienplattformen kostet Geld. Woher soll das kommen?
Das muss in einer Mischung aus öffentlicher und privater Finanzierung kommen. Da wird auch die Wirtschaft gefragt sein.
Auch eine Expo-Bewerbung ist im Gespräch. Hier würde Berlin mit Donald Trumps Wahlheimat Miami konkurrieren. Das hätte doch Charme, oder?
Diese These scheint mir an den Haaren herbeigezogen. Wenn man für eine Expo in Berlin ist, sollte man das Projekt unterstützen. Aber dass die Attraktivität für eine Expo 35 in Berlin wächst, weil Miami sich bewirbt, kann ich nicht nachvollziehen.
Wie stehen Sie zu der Expo-Bewerbung?
Es gibt überall in der Stadt ein Bewusstsein, dass auch eine Expo großartig wäre. Aber es gibt einen Beschluss des Senats zugunsten der Olympiabewerbung. Wenn man weiß, dass sich eine Olympiabewerbung – die für 2036 und 2040 gelten muss – mit einer Expo 2035 zeitlich ausschließt, wäre es ein sinnvoller Weg, dass sich Brandenburg mit Unterstützung von Berlin um eine Expo bewirbt. Auch auf diese Weise könnte man sicher die Entwicklung der Stadt fördern.
Ball der Wirtschaft
Am 21. Februar 2026 lädt der VBKI zum traditionellen „Ball der Wirtschaft“ ins Hotel Intercontinental Berlin. Erwartet werden mehr als 2000 Entscheider und Führungspersönlichkeiten, darunter die Spitzen aus Berlins Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Auf rund 7000 Quadratmetern Fläche bietet das Event neben Netzwerkgelegenheiten eine große Auswahl an Kulinarik und ein Rahmenprogramm auf mehreren Bühnen. Letzte Tickets gibt es hier.
Nicht in zehn Jahren, schon am 21. Februar, veranstalten Sie den Ball der Wirtschaft, die größte Veranstaltung dieser Art in Berlin. Das Format hat sich kaum verändert in 15 Jahren. Gut so?
Der Ball hat sich schon verändert, wenn man auch auf die Gäste schaut. Es ist jünger geworden und es gibt auch mehr Party als vor 15 Jahren. Aber es stimmt schon, frischer Wind ist immer willkommen. Aber das ist dann Aufgabe der neuen Führung.