Leipzig/Dresden. In welches Haus passen Wohnungen, die mit dem Leben mitwachsen? Als der Architekt Florian Fischer-Almannai über seine Wohnidee nachdenkt, fallen ihm die DDR-Plattenbauten nicht gleich ein. Er erwägt Altbauten und Reihenhäuser, plant und rechnet. Aber jetzt hier, im Baustrahler-Licht in Leipzig-Grünau, auf dem originalen PVC-Boden aus den Achtzigern, da ist es offensichtlich: Der Plattenbau ist ideal für die Idee von Fischer-Almannai.

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Fischer-Almannai zeigt wild herum: auf die Wände, die man leicht herausnehmen und so die Räume vergrößern kann. Ins Treppenhaus, über das sich alle Wohnungen einer Etage miteinander verbinden lassen, damit die Räume flexibel hin- und hergetauscht werden können. „Was wir hier probieren, ist eine extrem gerechte Wohnraumverteilung“, sagt Fischer-Almannai. „Es ist wahrscheinlich eine perfekte Weiterschreibung der Geschichte des Plattenbaus.“

Wie wollen die Menschen wohnen? Architekt Florian Fischer-Almannai will in Leipzig etwas Neues probieren.

Und ja: Wenn das, was Florian Fischer-Almannai vorhat, klappen sollte, dann klappt es nicht nur hier in Grünau in Leipzig. Sondern es klappt überall in Ostdeutschland. Denn überall stehen Häuser, die genauso sind, wie dieses hier: dieselben Trennwände, dieselbe Lüftungstechnik, dieselben Grundrisse, alles normiert für Blöcke der Wohnbauserie 70. Der WBS 70, so wird das abgekürzt, ist die meistgebaute Platte der DDR. Sie entstand Anfang der 70er Jahre, wurde als maximal rationalisierter Bau Kern des DDR-Wohnbauprogramms. 1989 waren rund 42 Prozent aller DDR-Platten ein WBS 70.

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Flexibles Wohnen im Plattenbau – die Zukunft?

Über die Zukunft der DDR-Plattenbauwohnungen wird nachgedacht, seit sie sich nach der Wende im Osten Deutschlands leerten. Anfang der 2000er Jahre riss man viele Blöcke ab oder baute sie zurück. Dann, vor rund vier Jahren, holte die Ampelregierung in Berlin das Prinzip Platte neu hervor: Per seriellem Bauen à la DDR wollte sie der Wohnungsnot im Land beikommen. Eine goldene Zukunft für die Platte also?

Wohnen im WBS 70: Das Pilotprojekt in Leipzig

In einem WBS 70 in Leipzig-Grünau wollen Studierende vom Lehrstuhl für Wohnbau der RWTH Aachen eine innovative Wohnform testen, das sogenannte Nukleuswohnen. Bewohner wohnen in zwei Zimmern (dem Nukleus), können bei Bedarf zusätzliche Räume bekommen oder wieder abgeben. Die Wohnungen sind über gemeinsame Flure verbunden. Die ersten Probewohner sollen von Juni bis September im Block wohnen. Eine zweite Phase ist von Mai bis September 2027 geplant. Weitere Infos unter https://nukleuswohnen.site/

In Leipzig-Grünau geht es erst einmal um weniger – um zehn Wohnungen auf drei Etagen. Gerade werden sie umgebaut. Das ist Teil eines Forschungsprojekts der RWTH Aachen, das die Wohnidee von Florian Fischer-Almannai untersuchen soll. Die Idee heißt Nukleuswohnen und sie bedeutet: Bewohner haben einen Nukleus (zwei Zimmer, Küche, Bad) für sich. Weitere Zimmer kommen je nach Bedarf dazu, ohne, dass dann noch einmal gebaut werden muss – wenn Kinder geboren werden etwa.

Da kommt eine Tür hin: In der Platte in Leipzig sollen mehrere Wohnungen miteinander verbunden werden.

Wenn die dann groß werden und ausziehen, können die Räume wieder abgegeben werden. Dazu gibt es Gemeinschaftsräume, die alle nutzen können – für Feiern und für Gäste. So haben alle im Haus, das ist die Theorie, nicht massig viel Platz – aber der, der da ist, ist passend und gerecht verteilt.

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Damit das klappt, müssen im WBS 70 alle Wohnungen einer Etage über einen großen Flur verbunden werden. Das bedeutet: Die Bewohner müssen eine gewisse Nähe zu ihren Nachbarn zulassen. Sie müssen sich aber nicht, wie bei anderen speziellen Wohnformen, Räume teilen, es gibt also zum Beispiel keine gemeinsame Küche. Stattdessen tauschen die Menschen Räume sozusagen über ein Wohnleben hinweg hin und her. „Die große Frage ist: Ist das mehr als eine Nische für Wohnavantgardisten?“, sagt Architekt Fischer-Almannai. Das soll nun in Grünau ausprobiert werden, mit Testbewohnern, in mehreren Phasen und von diesem Sommer an.

Plattenbau-Pionierin aus Dresden: vier Wohnungen in 44 Jahren

Schreibt das wirklich, wie der Architekt Florian Fischer-Almannai sagt, die Plattenbau-Geschichte fort? Dazu ein Ortswechsel, ein Blick auf ein reales Plattenbau-Leben: auf das von Barbara Müller, 68 Jahre alt, seit Erstbezug 1982 Bewohnerin mehrerer WBS 70-Wohnungen in Dresden-Gorbitz. Müller ist Mutter von sechs Kindern, wohnte erst in vier Plattenzimmern, dann in fünf, dann wieder in vier Zimmern, jetzt hat sie drei. „Ich habe mit 22 Jahren das erste Kind gekriegt und mit 41 dann das sechste“, sagt Müller.

So sah ihr erster Block 1982 aus: Barbara Müller in Dresden-Gorbitz

Müller lobt die Platte für ihre großen Fenster, die hellen Zimmer, die kurzen Wege zu Kita, Schule, Kaufhalle und den Platz für Gemeinsames im Viertel. Die Grundrisse im WBS 70 kennt sie auswendig. „Wenn ich umziehen musste, war mir völlig klar: Ich kann meine Möbel mitnehmen – das passt. Die Gardinen mitnehmen – das passt.“ Die Zimmer seien gleich geblieben, nur die Wohnungsgröße habe sich verändert.

Wenn ich umziehen musste, war mir völlig klar: Ich kann meine Möbel mitnehmen – das passt.

Barbara Müller

Plattenbau-Kennerin über die Flexibilität des WBS 70

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Wer Barbara Müller so reden hört, der merkt: Was Florian Fischer-Almannai im WBS 70 in Leipzig vorhat, knüpft tatsächlich an das an, was Plattenbauviertel schon immer gut konnten: flexibel sein. Und, in ihren besten Jahren, mit offenen Läden und Schulen, mit sozialer Durchmischung: Menschen zusammenbringen. Heute verbinden viele die Viertel mit Armut und Tristesse. In ländlichen Regionen stehen viele Plattenbauten leer.

Die Platte lebt eh – im ostalgischen Sinne

Solchen Orten kann das Platten-Projekt aus der Großstadt Leipzig helfen, glaubt Nelly Keding. Sie ist Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Lipsia. Der Lipsia gehört der WBS-70-Block, in dem Florian Fischer-Almannai seine Wohnidee ausprobieren will. Dass dieser Block leerstehe, sagt Keding, sei geplant gewesen: Von 2028 an soll er saniert werden und dann wieder vermietet. „Wir haben in Leipzig quasi keinen Leerstand“, sagt Keding, „aber so komfortabel ist es nicht überall.“ Als große Genossenschaft könne man es sich eher leisten, Forschungsprojekte zu unterstützen – auch, um denen in kleineren Orten zu helfen, wo es Leerstand gibt. „Dort könnte es über solche innovativen Projekte vielleicht gelingen, neue Mietergruppen zu finden“, sagt Keding.

Blick auf ein Hochhaus in Dresden-Gorbitz.

Nun ist das Leipziger Projekt nicht der erste Versuch, die Platte in die Zukunft zu retten. In Thüringen wurde ein WBS 70 energetisch aufwendig umgerüstet – mit Wärmerückgewinnung aus Brauchwasser, mit Solaranlage auf dem Dach, mit verglasten Balkonen. In Berlin experimentierten Architekten mit Kunstprojekten wie dem „Plattenpalast“, einem Innenstadt-Bungalow aus Plattenteilen. Ein Museum richtete eine WBS 70-Wohnung originalgetreu ein. So etwas hielt die Platte am Leben, aber eher in einem ostalgischen Sinne. Ein echtes Modell für den Wohnungsmarkt wurde daraus nicht.

Seriell gebaut wird gerade mehr – aber immer noch wenig

Die Politik hatte zuletzt eine andere Idee: Sie wollte nicht die Platte selbst nutzen, sondern das Prinzip der Platte: Serielles Bauen mit vorgefertigten Bauteilen sollte gegen die Wohnungsnot helfen. Tatsächlich wurden 2024 rund elf Prozent aller neuen Wohnungen seriell errichtet – ein steigender, aber immer noch bescheidener Anteil.

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Zwingend sonnig: Das ist der WBS 70

Die Wohnungsbauserie 70 war das Herzstück des 1973 in der DDR beschlossenen Wohnungsbauprogramms. Sie folgte auf die Serien P1 und P2 und war noch rationalisierter. Das Besondere waren die Längswände zwischen den Zimmern. Sie trugen keine Lasten, konnten flexibel gesetzt werden und machten Grundrisse zwischen einem und fünf Zimmern möglich. Die Bauzeit für einen Elfgeschosser betrug etwa sechs Monate. Eine 61 Quadratmeter große Drei-Zimmer-Wohnung konnte in rund 18 Stunden montiert werden. Sonne war den Planern wichtig: In Dresden-Gorbitz durften Häuser nur gebaut werden, wenn am kürzesten Tag des Jahres noch mindestens zwei Stunden Sonnenlicht ins Wohnzimmer fallen konnte.

Wo liegt das Problem? „Eigentlich bräuchte man die eine Großfirma, die für alle baut“, sagt Claus Asam. Er beschäftigt sich beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung seit Jahrzehnten mit dem Plattenbau und sieht im geringen Anteil von seriellem Bauen ein strukturelles Problem: Es bräuchte eine Baufirma für alle seriell errichteten Häuser, durchgeplante Produktions- und Transportwege. Eben wie in der DDR. Die Realität ist aber: eine vom Mittelstand geprägte Baubranche, komplizierte Innenstadt-Grundstücke statt grüner Wiesen am Stadtrand und unterschiedliche Bauordnungen in den Bundesländern.

Alles, was gebaut ist, kann helfen.

Forscher Claus Asam

zur Zukunft der Platte

Die Platte abzureißen, glaubt Asam, wäre trotzdem ein großer Fehler. „Alles, was gebaut ist, kann helfen“, sagt er – schon alleine, um Ressourcen zu sparen. Die Plattenbau-Blöcke an sich seien ohnehin nie ein Problem gewesen. Die Defizite lägen auf der städtebaulichen Ebene – in der nach der Wende fehlenden sozialen Mischung etwa, der Eintönigkeit der Häuserfronten und der Plätze dazwischen. Die WBS 70 selbst, sagt Asam, sei robust – und überraschend flexibel. In Forschungsprojekten hat er nachgewiesen: Die Platten können problemlos demontiert und versetzt werden. Innenwände können zu Terrassenböden werden und ganze Platten auch zu Einfamilienhäusern. „Wir haben bewiesen, dass man den WBS 70 ohne Probleme an einem anderen Ort aufbauen kann“, sagt Asam. Im Ganzen, oder passgenau in Baulücken.

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Der WBS 70 lässt also nahezu alles mit sich machen. Ob das auch für die gilt, die darin wohnen, wird ab Juni ausprobiert – in Leipzig-Grünau, wenn dort die ersten Bewohner auf Probe in den modernisierten WBS-70-Block einziehen. „Wir haben schon auch die Hoffnung, dass Leute weniger einsam wohnen“, sagt Fischer-Almannai. Also nicht nur gerecht und effizient. Sondern auch so, wie es die Plattenbau-Urgesteine wie Barbara Müller aus den besten Jahren ihrer Viertel kennen.

LVZ