Türkises Wasser, Delfine, Militärhubschrauber und Fischerei: Irgendwas beißt sich im Pelagos-Gebiet, der größten Schutzzone im Mittelmeer. Was „Meeresschutz“ inmitten von Schifffahrt und Tourismus tatsächlich bedeutet, zeigen Darmstädter Studenten in einem Dokumentarfilm.
Der Oktober 2024 beginnt für Paolo Müller wie die Fortsetzung eines Abenteuers: Für eine Woche im Mittelmeer, nördlich der Insel Korsika, segelt der Darmstädter Student auf dem Katamaran „Vaka Okeanos“ weit weg von Alltag und Zivilisation. Doch der Segeltörn ist kein Urlaub, sondern ein Drehreise für einen Dokumentarfilm über Meeresschutz – iniitiert von der Okeanos-Stiftung in Darmstadt.
Die Idee für „Save the Wave“ entstand bereits 2022, als fünf junge Menschen aus Darmstadt zum ersten Mal gemeinsam an Bord der „Vaka Okeanos“ gingen. Schon damals bei den Vorrecherchen zum Filmprojekt, erzählt Müller, bleibt vor allem ein Eindruck hängen: „Wir haben alle bemerkt, dass da irgendwas falsch läuft. Es hat sich nicht so angefühlt, als ob das Walschutzgebiet wirklich geschützt ist“.
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03:24 Min.|09.02.26, 19:30 Uhr|hr
Darmstädter Studierende hinterfragen Wirkung von Meeresschutz
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In einem der bekanntesten Wal-Schutzgebiete der Erde begegnen Müller auf seiner Expedition nicht nur Wale, sondern auch Kreuzfahrtschiffe, Militärhubschrauber und Fischerboote.
Mit an Bord sind Greta Brandt, Tim Lunau, Benjamin Rollfink und Antonius Scheffler. Kennengelernt haben sich die fünf über die Jugendinitiative „Waves of Action“ der Darmstädter Ozeanstiftung Okeanos. Der Film, den sie auf dieser Reise drehen, ist ihr gemeinsames Projekt.
Filmteam aus jungen Handwerkern und Studenten
Das Team aus Darmstadt hat sich trotz unterschiedlichster Lebensläufe zusammengefunden: Paolo Müller studiert Politikwissenschaft, Benjamin Rollfink kommt aus der Wirtschaftsinformatik.
Hanna Johannson, die ebenfalls auf der „Vaka Okeanos“ für den FIlm mitsegelte, macht eine Zimmerer-Ausbildung. Teil des Konzepts der Okeanos-Stiftung ist es, unterschiedlichste Menschen für den Meeresschutz zu begeistern.
„Gerade eben durch eine Leidenschaft, die man auf so einem engen Raum teilt, wächst man auch umso mehr zusammen“, erzählt Paolo Müller. Einige seien damals sogar noch zur Schule gegangen. Das Drehbuch für den Dokumentarfilm schreibt die junge Regisseurin Greta Brandt später sogar noch auf Reisen nach dem Abitur.
Weitere Informationen Was ist die Okeanos-Stiftung?
Die Okeanos Stiftung setzt sich seit 2019 für Meeresschutz ein, hauptsächlich im Pazifischen Raum. Das Angebot der Darmstädter Stiffung für junge Menschen, die sich im Natur- und Tierschutz engagieren wollen, umfasst Veranstaltungen wie Workshops und Vorträge. Okeanos gründete auch die Jugendinitiative „Waves of Action“. Hier können sich Jugendliche aus Deutschland und Europa gemeinsam in individuellen Projekten für den Ozean engagieren.
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Kreuzfahrt-Riesen statt Delifine in Sicht
Im Oktober 2024 kehrt das junge Team ins Mittelmeer zurück. Diesmal mit Kameras, Mikrofonen und einem Drehbuch. Für den Dokumentarfilm stößt außerdem Lotta Hepting, eine Abiturientin aus Bonn, als Protagonistin dazu.
„In der einen Sekunde haben wir noch Delfine gesehen, in der nächsten dann aber riesige Militärschiffe oder Kreuzfahrt-Riesen“, erzählt Lotta und schildert ihre Eindrücke des Törns nahe der französischen Militärinsel Port-Cros, die eigentlich im Walschutzgebiet liegt. „Wo endet das Schutzgebiet und wo fängt es an?,“ fragt sie sich im Film. „Hier kann man schlecht einen Schutzzaun ziehen“.
Im Meeresschutzgebiet begegnen den Studenten auch Kreuzfahrtschiffe
Bild © Okeanos Stiftung
Dreharbeiten bei Wind und Wetter
„Save the Wave“ erzählt Meeresschutz aus diesem Grund aus der Perspektive von Menschen, die sich dem Thema über eigene Erlebnisse nähern. Anschließend werden persönliche Eindrücke durch Experten eingeordnet. Die größte Herausforderung der Produktion, sagen die jungen Filmemacher, sei jedoch der tatsächliche Dreh auf hoher See gewesen.
„Wir waren alle absolute Anfänger,“ erinnert sich Antonius Scheffler, der die Postproduktion sowie den Schnitt des Dokumentarfilmes übernommen hat. Auf einem sich bewegenden Körper mit wandelnden Witterungsbedingungen, ob bei Regen, starker Sonne oder schwarzer Dunkelheit zu drehen und den Alltag einzufangen, habe das junge Filmteam an seine Grenzen gebracht.
Auch tontechnisch sei es eine große Aufgabe gewesen, verständliche Dialog bei Windböen von bis zu 60, 70 Stundenkilometer einzufangen. Zwischen Windrauschen und Wellengang sei oft jeder brauchbare Satz hart erkämpft gewesen. Das Endprodukt: Ein 53-minütiger Dokumentarfilm, der auf Anfrage zu Bildungszwecken gezeigt werden soll.
Ein komplizierter Dreh bei Wind und Wetter
Bild © Okeanos Stiftung
Wenn Schutz nur auf dem Papier existiert
Was „Save the Wave“ im Pelagos-Walschutzgebiet aufzeigt, sei ein Grundproblem vieler Meeresschutzgebiete. Den wissenschaftlichen Hintergrund dazu erläutern Experten, darunter Meeresökologe Dr. Enric Sala. Ein Schutzstatus bedeute nicht automatisch, dass die Natur tatsächlich auch Ruhe bekäme.
Trotz Schutzlabel gibt es auf Pelagos militärische Übungen, intensiven Tauchtourismus, Lärm und Verschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe. Dazu kommt die alltägliche Nutzung durch die Berufsschifffahrt und Fischerei. Jene Faktoren, die Meeressäuger besonders stressen können.
„Die Wissenschaft sagt uns, dass wir, wenn wir den Zusammenbruch der Ozeane – also das Zusammenbrechen unseres Lebenserhaltungssystems – verhindern wollen, mindestens 30 Prozent der Ozeane schützen müssen“, erläutert Meeresökologe Sala im Dokumentarfilm.
Da Pelagos mit seinen 87.500 Quadratkilometern zum größten Teil in der Hohen See liegt und damit außerhalb nationaler Gewässer, ist kompetent gesteuerter Meeresschutz dort eine Herausforderung.
Meeresschutz generiert sogar Einnahmen
Die Kontrolle in Meeresschutzgebieten sei ein riesiges Problem, das von Experten oft als bürokratische „Paper Parks“ bezeichnet werde, erläutert die Meeres-Juristin Dr. Anna von Rebay. „Das ist nämlich tatsächlich der Grund, warum Meeresschutzgebiete oftmals verpönt werden oder als uneffektiv bezeichnet werden“.
Schutzgebiete, die vor allem auf Karten existieren, aber in der Praxis zu wenig bewirken, seien keine Seltenheit. Doch sei intakter Meeresschutz ein lohnendes Investment: Die Medes-Inseln in Spanien zeigen, dass ein Quadratkilometer Schutzzone jährlich 16 Millionen Euro durch Tauchtourismus einbringt – bei Kosten von nur zwei Millionen Euro, wie es die Webseite von „Save the Wave“ beschreibt.
Seit 25 Jahren Stillstand
Bei der Premiere von „Save the Wave“ im Frankfurter Eldorado Kino betont auch Ulrike Heine vom deutschen Komitee der UN-Ozeandekade ein, dass Meeresschutz extrem kompliziert ist. „Da müssen Staaten zusammenkommen und wir brauchen internationale Kollaborationen“, sagt sie.
Für Gebiete außerhalb nationaler Zuständigkeiten brauche es Rahmenverträge und ein gemeinsames Monitoring. Mit anderen Worten: Ein Schutzgebiet ist schnell ausgerufen. Wirksam wird es jedoch erst, wenn Kontrolle und Zusammenarbeit funktionieren.
Für Dieter Paulmann, Vorstand der Okeanos Stiftung, ist „Save the Wave“ ein bedeutsamer Beitrag. „Wenn man so einen Film macht, muss man auf Tour gehen“, rät er den Darmstädter Studenten. „Seit 25 Jahren sehen wir nämlich, dass auf Pelagos nichts passiert“.
Seine Stiftung bietet noch immer jährliche Freizeit- und Forschungs-Expeditionen auf dem traditionellen Segel-Katamaran an, um Aufmerksamkeit für Meeresschutz zu generieren.
Paolo Müller, Hanna Johannson und Antonius Scheffler auf der „Vaka Okeanos“
Bild © Okeanos Stiftung
Ein Film, der motivieren soll
Wie geschützt ein Schutzgebiet ist, wenn es auf dem Wasser kaum sichtbar ist, ist am Ende des Films noch immer offen. Mit dem Slogan „Finde deine Superpower“ sollen vor allem junge Menschen animiert werden, tiefer einzutauchen und sich für die Meere einzusetzen.
„Egal wie klein man sich fühlt, man hat trotzdem eine Bedeutung und kann trotzdem etwas verändern“, betont Lotta Hepting nach ihrem Erlebnis auf der „Vaka Okeanos“. Dieses Gefühl möchte sie mit dem Film vermitteln.
„Save the Wave“ soll jetzt nach Anfrage in Schulen, Museen oder bei Veranstaltungen gezeigt werden. In Zukunft soll er auch online verfügbar sein.