Die Welt steht Kopf, auf nichts und niemanden ist mehr Verlass. Schon gar nicht mehr auf das gelobte Land, dessen Verfassung unser Grundgesetz inspirierte und unser Verbündeter ist seit Gründung der Republik. Doch die USA unter Trump, sie sind nicht wiederzuerkennen: brutal, rassistisch, imperialistisch. Europa drohen sie mit Zöllen – und wer weiß, ob sie uns nicht vielleicht auch bald von der digitalen Revolution abkoppeln?
Die Entfremdung belastet das Verhältnis. Ein Handelskrieg ist nicht ausgeschlossen, vielleicht sogar ein Embargo via Technik, Internet und KI. Für den 47. US-Präsidenten der USA wäre das ein Leichtes, denn als er die Chefs der großen Tech-Konzerne am 4. September ins Weiße Haus bat, fraßen ihm die Herren Cook, Musk, Zuckerberg, Altman und andere mehr aus der Hand.
Stecker ziehen? Es wird schon gemacht!

Jutta Horstmann, Unternehmerin, ist Open-Source-Expertin und sitzt im Fachbeirat der Initiative „Digital Independence Day“
Aber wie realistisch ist es überhaupt, dass der Stecker gezogen wird? „Die Möglichkeit besteht technisch ohne Weiteres, und es wird ja schon gemacht“, sagt Jutta Horstmann. Die Unternehmerin ist Open-Source-Expertin und sitzt im Fachbeirat der Initiative „Digital Independence Day“. Deren Ziel: die Stärkung der Demokratie durch die Rückeroberung des freien digitalen Lebens.
Horstmann nennt ein Beispiel: Die US-Konzerne kappten im vergangenen Jahr acht Richtern und Richterinnen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag den E-Mail-Verkehr über Outlook und alle Office-Programme. Außerdem waren keine Google-Dienste sowie Ebook-Inhalte mehr verfügbar, Zahlungsmittel über Visa, Mastercard oder Paypal gesperrt. Schlagartig und auf unbestimmte Zeit.
Und warum? „Weil die Trump-Administration diese Menschen mit Sanktionen belegt hatte“, so Horstmann. Deshalb darf kein Dienstleister und Warenanbieter aus den USA sie mehr bedienen oder beliefern. Betroffen sind auch alle Familienangehörigen der Sanktionierten.
Sieben Tage vor der Abschaltung waren sie vorgewarnt worden – und am Tag des Vollzugs schlagartig arbeitsunfähig. Anlass der Sanktionen war, dass Trump die Anklage des Strafgerichtshofs gegen Israels Premierminister Netanjahu und seinen damaligen Verteidigungsminister missfiel.
Digital Independence Day
Der Digital Independence Day (DID) ist ein gemeinsames Projekt von Vereinen, Verbänden und Firmen zur Zurückeroberung der digitalen Autonomie, die DID durch die Monopolstellung von US-Konzernen wie Microsoft, Google und Amazon sowie chinesischen Firmen gefährdet sieht. Koordiniert wird die Initiative vom Verein „Save Social – Networks For Democracy“, der freie Meinungsäußerung und Demokratie schützen will, indem dezentrale Strukturen im Internet mit offenen Standards geschaffen werden.
Jeden ersten Sonntag im Monat stellen Mitglieder von DID in verschiedenen Städten bundesweit digitale Alternativen vor. Empfehlungen zum Einstieg an diesen „Wechseltagen“: Libre Office statt Microsoft Office nutzen, Wero statt Paypal, Mastodon statt X und Firefox statt Chrome. Das sind einige der Beispiele wie mit offener, freier Software dieselben Aufgaben erledigt werden können.
Ist das nicht weit weg und bloß ein machtpolitisches Tauziehen auf höchster Ebene? Nein, sagt Digitalexpertin Horstmann: „Europa und auch Deutschland sind ebenso betroffen: Ein Geschäftsführer der NGO ‚Hate-Aid‘ wurde sanktioniert, weil die Organisation Hassrede im Netz den lokalen Gerichtsbarkeiten anzeigt.“
Und wen die Sanktionen treffen, der stirbt oft auch den digitalen Tod im größten Teil des Zahlungsverkehrs, wie ein anderer Fall zeigt. Der „Roten Hilfe“ etwa kündigte die Sparkasse die Konten, weil der Verein auf die US-Sanktionsliste gesetzt worden war. Die Mitglieder sammeln Spenden zur Rechtshilfe für angeklagte linke Aktivisten. Jede andere deutsche Bank würde in einem solchen Fall ähnlich handeln, allein schon aus Sorge, sonst im internationalen Geschäftsverkehr benachteiligt oder beschnitten zu werden, sagt Horstmann.
Da steht die ganze digitale Existenz auf dem Spiel.

Jan Mahn, Sicherheitsexperte und Co-Chef beim Heise-Verlag
Im Fall einer Sanktionierung „steht die ganze digitale Existenz auf dem Spiel“, sagt auch Jan Mahn. Der Sicherheitsexperte und Co-Chef beim auf Digitalthemen spezialisierten Heise-Verlag rät daher eindringlich: Jede Firma sollte sich besser schon heute Gedanken über das Maß ihrer „digitalen Souveränität“ machen.
Viele werden dann vermutlich feststellen, dass es darum eher schlecht bestellt ist. Mahn sagt: „Geschätzt 80 Prozent aller E-Mails werden von Microsoft und Google hin- und hergeschickt“, also von zwei US-Konzernen. Zusammen mit US-Gigant Amazon machten sie den allergrößten Teil des Cloud-Geschäftes unter sich aus. Das Trio hostet also die Webseiten, die Schnittstellen für Smarthome-Geräte, die Buchhaltungsprogramme und die digitale industrielle Steuerung bei Abertausenden deutschen Firmen. Nicht auszudenken, wenn die drei Dienstleister ausfielen oder damit drohten.
Ich steige auf europäische Technik um
In Angst zu erstarren, ist keine Lösung, Angriff die beste Verteidigung. Ich verzichte freiwillig auf Eure Dienste und Waren – und steige auf europäische Technik um. Jedenfalls versuche ich es mal.
Guten Morgen, liebe Sorgen, denn der gute Vorsatz verursacht gleich nach dem Aufstehen Probleme: das iPhone von meinem Verlag ist von Apple. Das geht ja gar nicht!

Ralf Schönball liebt Tech und digitale Spielzeuge. Dass er das alles einmal so grundsätzlich infrage stellen sollte, hat ihn, den begeisterten US-Reisenden der Vor-Trump-Ära, hart getroffen.
Denn Apple-Chef Tim Cook saß mit am Tisch der Tech-Giganten im Weißen Haus und buhlte um die Aufmerksamkeit von Donald Trump. Wer weiß, ob er nicht eine „Backdoor“ in die Smartphones aus Cupertino einbauen würde, um meine US-Schmähungen zu entlarven, falls Trump es so will. Dann ist es aus mit Meinungs- und Reisefreiheit, jedenfalls wenn ich in die Staaten will.
Jetzt kommt es knüppelhart
Okay, ich lege also das iPhone in die Schublade. Und dann? Kommt es knüppelhart! Meinen virtuellen Arbeitsplatz bin ich damit auch gleich los. Mein Arbeitgeber erfährt nicht mal mehr, ob ich überhaupt im Dienst bin. Denn auf dem iPhone logge ich mich täglich zum Dienst ein mit der App „P&I Loga“. Und um mein Notebook mit dem internen Tagesspiegel-Netz zu koppeln, identifiziere ich mich mit der App „Authenticator“. Das geht jetzt nicht mehr.
Immerhin gibt es eine gute Nachricht an diesem Vormittag: Die Zeiterfassungs-App „P&I“ stammt von einer deutschen Firma – dagegen ist die „Authenticator“-App von Microsoft. Firmengründer Bill Gates saß ebenfalls demütig lächelnd in der Runde der Tech-Milliardäre des US-Präsidenten.
Will ich auch hier verzichten, muss ich täglich physisch den Weg zum Verlag an den Askanischen Platz antreten und kann nicht mehr jederzeit von überall mal schnell auf meinen virtuellen Tagesspiegel-Rechner zugreifen. Aber gut, dann folge ich eben dem Ruf mancher Arbeitgeber, die Dauerpräsenz fordern.
Weg von US-Tech
Wer sich nicht länger auf die Technik von US-Konzernen verlassen möchte, findet Alternativen auf der Website „Digital Courage“. Hinweise geben außerdem die Datenschutzbeauftragten von Bund und Ländern sowie der Chaos Computer Club.
In der Mittagspause dann der nächste Realitätsschock: Ich kann gar nicht zahlen wie sonst immer, mit dem iPhone. An Bargeld habe ich nicht gedacht, die gewohnte digitale Selbstverständlichkeit, das Smartphone an das Kassengerät zu halten, macht Münzen und Scheine überflüssig. Der Verzicht auf US-Technik zwingt mich zum Rollback: die Kreditkarte aus den Tiefen der Schublade nesteln und zum Geldautomaten rennen.
Die Girocard ist eine Alternative zu Master und Visa.

Sebastian Klöß, Leiter Märkte und Technologie beim Branchen-Verband Bitkom
Aber halt, ich habe eine Visa-Karte, also von einem US-Dienstleister. Die heimische Girocard fristet hierzulande eine Randexistenz, ist aber eine Alternative zu Master und Visa, sagt Sebastian Klöß, Leiter Märkte und Technologie beim EDV-Branchen-Verband Bitkom.
Wenigstens bin ich bei der DKB-Bank, einer deutschen Bank, und kann überall kostenlos Geld abheben. Auch mein Depot und die Cash-Reserve sind gut aufgehoben, nämlich hierzulande beim Berliner Startup Trade Republic. Das hat mir sogar ein Konto bei der Deutschen Bank zugelost – auch hier bin ich sauber, europäisch, ja sogar national aufgestellt.
Ein europäisches Smartphone muss her
Zwischenbilanz: Will ich im Alltag nicht vollständig auf digitalen Komfort verzichten, muss ich mir rasch ein Smartphone made in Europe anschaffen. Das „Fairphone“ fällt mir als Erstes ein. Niederländische Techies haben das entwickelt und bauen es im Nachbarland seit mehr als zehn Jahren. Meine Schwägerin hat eins, ich habe sie noch nicht fluchen hören über die Technik.
Mit meinem Change rette ich das Klima
Damit wäre ich gleich doppelt vorn: Fairphones bestehen nämlich aus Modulen, die bei einem Defekt oder erforderlichen Upgrades ausgetauscht werden können. Durch meinen Wechsel rette ich also außerdem ein bisschen das Klima.
Schade nur, dass ich auch hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht habe – der schon wieder ein US-Gigant ist, nämlich Google. Denn viele Fairphones nutzen das Betriebssystem Android in der Google-Version. Der Suchmaschinen-Konzern machte seine Aufwartung bei Trump gleich in doppelter Mannschaftsstärke im Weißen Haus: mit Gründer Serjey Brin und Konzernchef Sundar Pichay.
Aber halt, es gibt auch ein Fairphone, das mit dem Betriebssystem Ubuntu Touch läuft. Ich kann alternativ außerdem zum „Jolla-Phone“ aus Finnland greifen. Jolla arbeitet mit dem in Europa entwickelten Betriebssystem Sailfish, das wiederum auf Basis von Linux läuft, ebenso wie Ubuntu.
Linux behauptet seit Jahrzehnten seine Nische neben Microsoft und Apple. Die Software hat einst ein finnischer Informatikstudent entwickelt. Linux treibt auch PCs oder Notebooks an. Viele Tüftler nutzen Linux, weil das System offen ist und passgenau auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten, also programmiert werden kann. Mein Freund Kurt hat Linux mal auf einem älteren Laptop installiert. Er war begeistert – bis er feststellte, dass sein guter alter Scanner nicht laufen wollte.
Meistens laufen Linux‑Geräte aus dem Stand heraus.

Manuel Atug, Experte für Cybersicherheit
Dass ein Treiber mal fehle, könne schon mal vorkommen. In den allermeisten Fällen liefen Geräte aber „aus dem Stand heraus mit Linux“, sagt Manuel Atug. Er arbeitet als Experte für Cybersicherheit und „Hacktivist“, womit er einen achtsamen Umgang mit Daten und IT-Skills zur Stärkung von Transparenz und Demokratie meint. Privat nutze er Linux auf seinen Rechnern seit den 1990er Jahren. „Ich bin damit sehr zufrieden“, sagt er. Und bei Neuanschaffungen von Techprodukten könne man bei deren Herstellern die Linux-Kompatibilität abfragen.
Paypal sollte ich besser entfernen
Zurück zu meinem Alltag, jetzt ist Zahltag: Meine Lieblingsvietnamesin in der Akazienstraße, Berlin-Schöneberg, hat mir ihre Bowl serviert, gegen Bares oder gegen Paypal-Gutschrift. Schade, denn dieses digitale Bezahlsystem bauten gleich zwei Vordenker des disruptiven Neo-Kapitalismus auf: Elon Musk und Peter Thiel. Ich zahle bar.
Musk hat für Trump die US-Verwaltung rasiert und mit dem Kauf von Twitter und dessen Umbenennung in X den Kurznachrichtendienst zu einer Spielwiese auch für Verschwörungsschwurbler und Neofaschisten umgewidmet. Ich sollte Paypal besser entfernen.
„Es gibt ja eine Alternative, die Wero-Initiative“, sagt Sebastian Kloß von Bitcom. Die Sparkassen haben dieses „digitale Wallet“ gestartet. Seit 2025 können Kunden mit Wero ihren Freunden Geld senden. In Kürze soll das Zahlen im Online-Handel und in lokalen Geschäften möglich werden. Meine DKB beobachtet das Modell, ist aber noch nicht dabei. Dafür Sparkassen, Volksbanken, der Neobroker Revolut, Postbank, ING, die Deutsche Bank und andere.
Aber halt, was ist mit Ebay?!
Am Spätnachmittag logge ich mich bei Ebay ein, um meinen überfüllten Keller von altem Zeug zu befreien. Naja, oder auch um ihn wieder aufzufüllen mit neuen Gadgets. Aber halt, darf ich das überhaupt noch?
Nicht mit Ebay, denn der Konzern ist im US-amerikanischen Silicon Valley in San José ansässig. Größte Anteilseigner sind die US-Kapitalsammelstellen Blackrock und Vanguard.
Das ist vielleicht etwas spitzfindig. Ebay ist schließlich an der Börse notiert, das Eigentum an der Firma ist also breiter gestreut. Andererseits: Liegt darin nicht gleich das nächste Problem beim Versuch, es Donald Trump mal richtig zu zeigen? Kapital und Kapitalgesellschaften sind derart mit- und untereinander verwoben, dass es für puristische Ansätze wie diesen hier richtig schwierig wird.
Aus meinen Gedanken reißt mich das Piepen einer eingehenden Whats-App-Nachricht. Im Ohr klingeln mir da aber gleich auch die Worte von Cyber-Experte Altug: „Als Erstes würde ich auf meinem Telefon alle Handy-Apps prüfen und auf europäische Messenger und Clients umstellen.“ WhatsApp ist ein Meta/Facebook-Programm von Trump-Versteher Mark Zuckerberg. Hier gibt es Alternativen: Signal beispielsweise oder Threema aus der Bankkontogeheimnis-bewährten Schweiz.
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Am Abend setze ich mich auf die Couch und ziehe Bilanz: Geht doch, finde ich, ohne die US-Techs über den Tag zu kommen, wenn auch etwas tricky – und es führt einen raus aus der Komfortzone. Gut, dass ich an den wichtigsten Stellen safe bin: mit Mails und Website bei Hosteurope sowie Bankgeschäften bei heimischen Häusern. Linux werde ich mir ansehen, definitiv. Auch wenn ich mein Macbook mit Subwoofer liebe: So absturzsicher und zuverlässig war noch kein Rechner vor ihm.
Verzicht ist also möglich. Und nach Meinung von Jutta Horstmann nötig: „Die US-Regierung nutzt hemmungslos alle Regler, um ihre macht- oder geopolitischen Interessen durchzusetzen und andere Staaten oder Einrichtungen unter Druck zu setzen. Auch den ‚Kill Switch‘, wie die digitale Ausbootung genannt wird.“ Darauf sollte jeder vorbereitet sein. Auch wir einfachen Bürger – besser ist es!
(Hinweis: In einer früheren Version des Textes stand „Streamer“ anstelle von „Threema“, das haben wir geändert.)