Kiel/Arnis. Riesige Pferde, die sich durchs Meer pflügen. Unerschrockene Männer und Frauen in gelbem Ölzeug. Mit spektakulären Fotos übers Pferdefischen in Belgien hat die schleswig-holsteinische Fotografin Kristina Steiner (46) jetzt den ersten Preis bei einem internationalen Fotowettbewerb gewonnen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Weltweit sind die Pferdefischer in Belgien die einzigen, die diese Tradition noch hochhalten.
Kristina Steiner
preisgekrönte Fotografin
Hätte man Kristina Steiner früher gefragt, was Pferdefischer sind, sie hätte nur ratlos mit dem Kopf geschüttelt. „Davon hatte ich zuvor nie etwas gehört”, erzählt die gebürtige Kielerin, die in Arnis und Hamburg lebt. Doch eine klitzekleine Randnotiz in einem Wissenschaftsreport weckte ihre Neugier.
Ein Blick in die Vergangenheit: Die Geschichte des Pferdefischens
„Ich mag Pferde und das Meer“, sagt sie. „Sofort wollte ich mehr zum Thema wissen.“ Sie recherchiert und erfährt, dass das Krabbenfischen zu Pferde eine mehr als 500 Jahre alte Tradition ist. Seit 2013 gehört es zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eine Gruppe von rund 15 Männern und wenigen Frauen betreibt es in einem kleinen Küstenort in Belgien. „Weltweit sind sie die einzigen, die diese Tradition noch hochhalten.“ Ursprünglich war diese ungewöhnliche Art zu fischen an der gesamten mitteleuropäischen Küste verbreitet. Doch moderne Fangflotten haben die Pferde schon lange ersetzt.
Oostduinkerke: Das letzte gallische Dorf des Pferdefischens
Oostduinkerke ist dabei so etwas wie das gallische Dorf von Asterix und Obelix. Seit 1502 wird hier per Pferd nach schmackhaften Krabben gefischt. Der Ortsteil gehört zur Gemeinde Koksijde und hat knapp 9000 Einwohner. „Fast wäre die Tradition aber auch hier vor der Jahrtausendwende verschwunden”, erzählt Kristina Steiner. „1999 gab es nur noch zwei Aktive.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Doch inzwischen wächst eine neue Generation heran, die das Erbe ihrer Vorfahren am Leben hält. Mehrmals reiste Kristina Steiner nach Belgien, um mit ihrer Kamera diese spektakuläre und mühsame Fangmethode festzuhalten. „Gefischt wird nur Anfang des Sommers und im Herbst.“ Die Nordsee muss die optimale Temperatur haben – zwischen acht und zwölf Grad.
Zwischen Tradition und Existenzkampf: Der Alltag der Fischer
Bei Ebbe reiten die Krabbenfischer mit ihren schweren belgischen Kaltblütern und einem speziellen Schleppnetz in die Nordsee. „Der Strand ist hier ungewöhnlich breit und flach”, erzählt Kristina Steiner. „Diese besondere Geomorphologie ist einer der Gründe, warum das Pferdefischen ausgerechnet hier überlebt hat.“

Bei ihren Besuchen ist die Schleswig-Holsteinerin ganz nah dran an den Fischern und ihren Pferden. Die eindrucksvollsten Fotos gelingen ihr im Herbst. Der Himmel ist grau und abweisend. In Wathose und Gummistiefeln steht sie in der kalten Nordsee und trotzt Wind und Wellen.
Der Kampf mit der kalten Nordsee
Sie erlebt hautnah mit, wie hart der Job ist. „Erfrierungen an den Händen sind bei den Fischern keine Seltenheit“, sagt sie. Knapp drei Stunden sind die Männer und Frauen im Einsatz. Immer wieder ziehen sie das sieben mal zehn Meter lange Netz auf den Sand und holen die marktfähigen Garnelen heraus. „Alles andere wandert zurück in die Nordsee“, sagt Kristina Steiner.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Einer der letzten Pferdefischer Belgiens ist Stefaan Hancke, der seit 1999 mit seinem Kaltblut Dina durchs Meer pflügt. „Wie alle hat auch er noch einen ‚normalen‘ Job”, sagt die Fotografin. „Vom Krabbenfischen kann niemand mehr leben.“ Pro Tag zieht ein Fischer zwischen sechs und zwölf Kilo Garnelen an Land. „Damit verdient er 60 bis 120 Euro.“
Vom Garnelenfest bis zu Vorführungen für Touristen
Doch das Gefühl, ein Teil von etwas sehr Altem zu sein, hält die Menschen in Oostduinkerke bei der Stange. Es gibt Vorführungen für Touristen, Unterricht in Schulklassen und ein jährliches Garnelenfest. Auch im örtlichen Navigo-Fischereimuseum widmet sich eine ganze Abteilung dem Pferdefischen. „Trotzdem ist die Zukunft ungewiss“, sagt Kristina Steiner. „Der Klimawandel, die Meeresverschmutzung und der Meeresspiegelanstieg bereiten den Pferdefischern große Sorgen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Mit ihren Fotos hat Kristina Steiner nun den ersten Preis der Global Awards im internationalen Fotowettbewerb „Walk of Water: Identities“ gewonnen. Die Schleswig-Holsteinerin setzte sich damit unter fast 1000 eingereichten Bildgeschichten aus aller Welt durch und erhält 3000 Euro Preisgeld.
UNESCO-Fotopreis geht nach Schleswig-Holstein
Organisiert wurde der Wettbewerb von der UNESCO WWAP (World Water Assessment Programme) und der gemeinnützigen Organisation „Onewater“. Die Fotos von den Pferdefischern werden unter anderem in Paris und New York zu sehen sein. „Damit wird auf den Weltwassertag der Vereinten Nationen am 22. März hingewiesen”, sagt die Fotografin. In ihren Augen ein tolles Ansinnen. „Das Meer liegt mir sehr am Herzen.“
Kristina Steiner hat schon viele Fotoreportagen rund um das Thema veröffentlicht – unter anderem in der Zeitschrift „Mare“. Mal hat sie die Hexenverfolgung auf Papua-Neuguinea fotografisch festgehalten. Sie hat über Muschelgeld berichtet und Ureinwohner auf einer Vulkaninsel im Pazifik begleitet, die riesige Eier des Bismarckhuhns aus fast zwei Metern Tiefe aus der Erde buddeln, um sich proteinreich zu ernähren. Aber das wäre eine ganz eigene Geschichte.
Ihr nächstes großes Projekt ist übrigens eine Dokumentation über Tiefseebergbau. Spannende Themen findet Kristina Steiner erstaunlicherweise überall. Auch in den Tiefen des Meeres.
KN