Die Zeitenwende ist auch auf der Berlinale angekommen. „Wir sind das Gegenteil von Politik“, sagte Jury-Präsident Wim Wenders am Donnerstagmorgen bei der Berlinale-Pressekonferenz, doch glauben will man ihm das nicht, besonders wenn man sich Filme wie „Szenario“ ansieht. Die nüchtern-zurückhaltende Dokumentation zeigt die Bundeswehr in verschiedensten Facetten. Doch nach dem Kinogang stellt sich unweigerlich die Frage, wie unschuldig der Blick auf die Streitkräfte in Zeiten der Aufrüstung überhaupt sein kann.
Haupthandlungsort von „Szenario“ ist die Übungsstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt. Dort trainiert die Bundeswehr für den Ernstfall den Häuserkampf. Der Film zeigt Besuchergruppen, die über das Gelände der Stadt geführt werden. Man sieht Menschen mit Bauchtasche und Rucksack, ausgestattet wie Touristen, durch das Gelände spazieren. Am Schluss dürfen sie sogar einmal die Panzerfaust auf die Schulter nehmen, während sie von einem Soldaten erklärt bekommen, was die Aufgaben eines Panzervernichtungstrupps sind.
Der banale Alltag und der absolute Ausnahmezustand prallen da aufeinander. Da klettern dann die Besucher am Schluss der Führung auf einen Leopard-Panzer, der Tourführer in Bundeswehr-Uniform garantiert ihnen, dass sie hier „nichts kaputt machen können“, während der Rest der Gruppe in Regenjacken danebensteht und mit dem Handy in der Kunstleder-Hülle ein paar Fotos zum Andenken schießt.
Zwischen Beobachtung und unfreiwilliger Komik
Die Regisseurin Marie Wilke, die bereits mit „Aggregat“ aus dem Jahr 2018 eine ähnlich zurückhaltende Dokumentation über den politischen Betrieb in Deutschland drehte, begleitet in ihrem neuesten Film auch Soldaten bei Workshops und Seminaren. Dort üben sie zum Beispiel das Schießen, dabei wird ihnen folgende Reihenfolge beigebracht: „Zielen, Schießen, Vernichten, Melden“. Sie setzen sich aber auch mit moralischen Fragen des Soldatendaseins auseinander.
Zum Beispiel bekommen die Soldaten in einem Hörsaal das Konzept der „Inneren Führung“ erklärt, also die Idee, dass jeder Soldat ein mitdenkender „Staatsbürger in Uniform“ ist und keine gehorsame Verfügungsmasse wie im Nationalsozialismus. Bei einem anderen Workshop müssen rund ein Dutzend Soldaten einen Stapel Karten in eine richtige Reihenfolge bringen und dürfen dabei nur auf eine bestimmte Art und Weise kommunizieren. Die Übung soll die Führungsfähigkeit der Soldaten stärken.
„Szenario“: Ist der Film wirklich nur neutral?
Eine der stärksten Szenen des Films spielt auf einem Marktplatz, wo das Landeskommando Sachsen-Anhalt eine Landkarte aufgebaut hat, auf der ein Konflikt zwischen mehreren fiktiven Ländern eingezeichnet ist. Die Jugendoffiziere laden zu einem Spiel ein, bei dem das fiktive Szenario so gelöst werden muss, dass die Menschen nicht mehr aus ihrem Heimatland fliehen müssen.
Beteiligen wollen sich die Fußgänger auf dem Marktplatz eher nicht, dafür lassen sie bei den Jungoffizieren all die ausländerfeindlichen Ressentiments raus, die zu unfreiwillig komischen Szenen führen. „Flüchtlinge zurück!“, ruft da eine Frau ganz laut. Der Jungoffizier mit dem Zeigestab in der Hand fragt höflich und irritiert nach: „Also zurück ins Krisengebiet, wo die Rebellengruppen gerade wüten?“ Hier schaut man für einen kurzen Moment in die dunkle Tiefe der deutschen Seele und ist unweigerlich an die Filme des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl erinnert, der in seinen Filmen selbiges mit seinen Landsmännern macht.
Szenario. Sektion Forum. 14.2., 20 Uhr (Cinema Paris), 19.2., 13 Uhr (Akademie der Künste), 22.2., 14.30 Uhr (Delphi-Filmpalast) Tickets auf: berlinale.de